NS-Verbrechen

Dunkle Vergangenheit

Rüstungsindustrie 1939: Endmontage von Feldgeschützen in einer Fabrik der Friedrich Krupp Aktiengesellschaft Foto: Ullstein

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Diese Frage stellt sich, wenn man die Studie des Bochumer Historikers Lutz Budrass betrachtet, die die »Wirtschaftswoche« vor einigen Tagen veröffentlichte: Danach hat etwa die Hälfte der großen Konzerne, die »in NS-Verbrechen verstrickt« waren, sich bislang nicht ihrer Vergangenheit gestellt.

Halb voll oder halb leer? Um diese Frage zu beantworten, müssen mehrere Zusammenhänge berücksichtigt werden – nicht allein, ob viel oder wenig, sondern auch, ob rechtzeitig oder zu spät, und ob die Initiative zur Aufarbeitung der NS-Zeit von den Firmen, den Historikern oder der Öffentlichkeit ausging oder ausgehen soll.

forschungsprojekte Schaut man auf die bereits vollendeten oder in Gang gesetzten Forschungsprojekte über die Beziehung zwischen Wirtschaft und NS, scheint das Glas eher halb voll zu sein: Daimler-Benz, Volkswagen, Deutsche Bank, Commerzbank, Degussa, Bertelsmann, Quandt, Bosch, Flick, Oetker, C&A, Lufthansa und andere haben Profi-Historiker mit der Erforschung ihrer NS-Vergangenheit beauftragt und ihre Archive auch zur Verfügung gestellt. In den meisten Fällen liegen die Ergebnisse bereits in Buchform vor. Und es waren meist renommierte Historiker, die die Arbeit leisteten – Hans Mommsen, Werner Abelshauser, Harold James, Norbert Frei und viele andere. Kurz: Qualitätsarbeit.

Wenn wir über den Tellerrand der Wirtschaft hinausschauen, fällt die Antwort »halb voll« noch leichter. Historikerkommissionen nahmen die Wissenschaft (zum Beispiel die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, heute Max-Planck-Gesellschaft), Sport und Kultur (zum Beispiel den DFB) und später, seit 2005, auch Ministerien sowie das Beamtentum unter die Lupe.

Nun ist aber die Frage erlaubt, weshalb diese beachtliche Vergangenheitsarbeit, die nicht ausschließlich oder direkt mit Mord zu tun hat, erst in den 80er- und 90er-Jahren in Schwung kam. War das nicht zu spät? Die Antwort ist eindeutig: Gewiss kam die »späte Abrechnung«, wie es der Buchautor Matthias Arning formulierte, zu spät, nicht zuletzt deswegen, weil die, die am Verbrechen teilgenommen haben, nicht mehr für ihre Untaten büßen konnten.

nürnberger prozesse Drei der Nürnberger Prozesse – die Fälle Flick, Krupp und IG Farben, eigentlich auch der Fall Oswald Pohl – haben bereits die Teilnahme der Wirtschaft an den Verbrechen des Dritten Reichs thematisiert. Nur war die deutsche Gesellschaft in der Lage, kurz danach den Deckel zuzumachen. Erst die 68er-Generation und später der Fall der Mauer, der plötzlich das Zwangsarbeiterproblem und die »Arisierung« wieder auf die Tagesordnung setzte, halfen, das Eis zu brechen. Arisierung, Zwangsarbeit und Raub durch das Dritte Reich wurden zum Objekt des öffentlichen Interesses und der Forschung.

Diese Verspätung verwundert eigentlich nicht: Denn warum sollten sich ausgerechnet Wirtschaftsunternehmen für das Öffnen der Büchse der Pandora entscheiden? Es ging einerseits um das Verschweigen der Untaten der Täter, solange sie noch am Leben waren – Beispiel Oetker – und andererseits um die finanziellen Folgen: Man musste Entschädigungsforderungen fürchten. Und mehr: Als eine Straße in Gelsenkirchen nach dem Fußballstar Fritz Szepan benannt werden sollte und fleißige Historiker entdeckten, dass er von der »Arisierung« eines jüdischen Geschäfts profitiert hatte, wurde die Umbenennung abgesagt. Bei großen Wirtschaftsunternehmen können Details aus der Vergangenheit viel mehr bedeuten – nicht nur das Verschwinden von Straßennamen.

Nun stellt man in der Regel die Frage, wie man Druck auf die Großfirmen ausüben kann, um die Erforschung ihrer Stellung im Dritten Reich zu erzwingen. Diese Frage ist jedoch falsch gestellt: Die Beweislast liegt nicht bei uns, die sich für die Geschichte interessieren, sondern bei den Firmen. Und solange deutsche Firmen (aber nicht nur deutsche – siehe IBM oder Coca Cola), die während der NS-Zeit tätig waren, nicht den Gegenbeweis erbringen, stehen sie zumindest unter Verdacht, an den Verbrechen des Dritten Reichs teilgenommen zu haben.

archivalien Die Unschuldsvermutung gilt hier nicht! Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich war eine Täter- und Mitläufergesellschaft, und um zu erfahren, dass die Wirtschaft verstrickt war, musste man nicht bis nach Auschwitz-Monowitz fahren. Vermutlich wissen diejenigen, die ihre Archivalien den Historikern nicht zugänglich machen, dass die Dokumentation ihre Firmen belasten würde.

Es ist darüber hinaus die Aufgabe der Historiker, Projekte zu initiieren. Originelle Historiker suchen sich dabei nicht unbedingt große Konzerne aus, beziehungsweise beschränken sich nicht auf Firmengeschichten. Um zwei passende Beispiele zu nennen: Das Projekt Topf und Söhne – die Ofenbauer von Auschwitz der Autorin Annegret Schüle, das erst nach Ableben der DDR unternommen werden konnte, und das Buch Der Schuh im Nationalsozialismus von Anne Sudrow, beide aus dem Jahr 2010. Wenn man über Geldgier, Verstrickung, Mitlaufen und Wegschauen etwas lernen will, sind das exzellente Beispiele. Geht man diesen Weg weiter, wird das Glas mehr als halb voll werden.

Der Autor ist Professor für deutsche Geschichte in Jerusalem.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Bern

Akte Josef Mengele bleibt lückenhaft

Der Schweizer Nachrichtendienst gibt die Josef-Mengele-Akte frei, darin finden sich jedoch nach wie vor viele geschwärzte Stellen

von Nicole Dreyfus  16.09.2026

Unterstützer der Huthi-Miliz demonstrieren in Sanaa, 11. September

Vormarsch der Huthi-Miliz

Angst vor Eskalation auf der Arabischen Halbinsel

Die Huthi-Miliz gräbt sich wohl an der wichtigen Meeresenge Bab al-Mandab ein. Saudi-Arabien warnt vor einer Geiselnahme der Weltwirtschaft

von Christoph Meyer, Ramadan Al-Fatash  16.09.2026

Jubiläum

Jüdischer Landesverband Sachsen feiert 100-jährige Geschichte

Rund 20.000 Jüdinnen und Juden haben vor dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen gelebt. Bereits vor 100 Jahren wurde eine jüdische Interessenvertretung gegründet

 16.09.2026

Tel Aviv

Omer Shem Tov: 505 Tage Gefangenschaft, Hunger und Einsamkeit

»Wegen der Angst konnte ich nicht atmen«, sagt die frühere Geisel über die 50 Tage, in denen er in völliger Dunkelheit leben musste

 16.09.2026

Berlin-Wahl

Der Kampf ums Rote Rathaus

Wer in der Hauptstadt neuer Regierender Bürgermeister wird, ist offen – CDU und Linke liefern sich ein enges Rennen

von André Anchuelo  16.09.2026

Kommentar

Hohe Feiertage, wichtige Wahl

Die Bürger von Mecklenburg-Vorpommern wählen am 20. September ihr Parlament. Wird der besorgniserregende Trend, der in Sachsen-Anhalt zu beobachten war, fortgesetzt und verfestigt?

von Juri Rosov  16.09.2026

Judenhass

»Während er mir in den Kopf schneidet, sagt er: ›Die Juden erschießen Kinder‹«

Eine neue Dokumentation enthüllt ein erschreckendes Ausmaß an Antisemitismus im britischen Gesundheitssystem

 16.09.2026

Landtagswahl in MV

Zwischen Engagement und Frust: Besuch in einer AfD-Hochburg

Peenemünde ist ein 400-Seelen-Ort an der deutschen Ostseeküste. Bei der vergangenen Wahl haben hier besonders viele Menschen die AfD gewählt. Und dieses Mal? Ein Besuch kurz vor der Landtagswahl

von Lilli Förter, Helena Dolderer, Verena Schmitt-Roschmann  16.09.2026