Israel

Die Putin-Versteher

Ohne Dolmetscher: Israels Außenminister Avigdor Lieberman (2.v.l.) im Gespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin (2.v.r.) Foto: dpa

Neulich war der aussichtsreiche ukrainische Präsidentschaftskandidat Petro Poroschenko zu Gast in Israel. Er traf sich mit Außenminister Avigdor Lieberman, doch die Öffentlichkeit erfuhr erst am nächsten Tag davon. Es sollte kein großes Thema sein.

Als die UN-Vollversammlung Ende März über eine Resolution abstimmte, die Russlands Vorgehen auf der Krim verurteilte, fehlten die israelischen Vertreter. Begründet wurde die Abwesenheit mit dem Streik des diplomatischen Korps.

neutral Und Außenminister Lieberman sagte jüngst in einem Interview: »Wir haben gute und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Beziehungen mit den Amerikanern und den Russen, und unsere Erfahrung mit beiden Seiten ist bisher sehr gut.« Auch Israels Premier Benjamin Netanjahu hat in den vergangenen Wochen immer wieder die neutrale Haltung seines Landes im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine unterstrichen.

Doch der Versuch, sich herauszuhalten, hat das Land in ein Dilemma manövriert: So erwartet Poroschenko von Jerusalem ein klares Zeichen zur Unterstützung der territorialen Einheit der Ukraine. Konkret erhofft man sich für die ukrainische Armee Hilfe von der israelischen Erfahrung im Kampf gegen Terror.

bindungen In Russland hingegen bewertete man Israels Abwesenheit bei der UN-Abstimmung als Zustimmung zur Politik von Präsident Putin. Und das wiederum sorgte in Washington für Enttäuschung, zumal Lieberman das Verhältnis Israels zu den USA und Russland auf eine Stufe gestellt hatte. Schließlich gebe es neben den traditionellen Bindungen zwischen beiden Ländern die finanziellen Hilfen, die ideelle Unterstützung der USA in der UNO sowie natürlich die Sicherheitsgarantien, ärgerte man sich in Washington. Dies jedenfalls berichteten israelische Zeitungen. Russland hingegen liefere zum Beispiel Waffen an Syriens Präsidenten Baschar al-Assad, den Israel als seinen Feind betrachtet.

Keine Frage: Die russisch-israelischen Beziehungen sind widersprüchlich. So fördert Moskau die Bildung eines Palästinenserstaates, unterstützt den Iran und Syrien und scheut sich auch nicht vor Beziehungen mit der islamistischen Hamas. Andererseits gibt es Anzeichen, dass Putin die Beziehungen zu Israel festigen will. Auf wirtschaftlicher Ebene sind das vor allem der Energie- und Tourismussektor. Auch geopolitisch ist Israel interessant für Russland, ist es doch der einzig berechenbare Partner in der Region. Ein Problem, seine gegensätzlichen Positionen unter einen Hut zu bringen, hat der Kreml nicht. Wie immer stehen die eigenen Interessen im Vordergrund.

Stellt sich die Frage, welche Erwartungen umgekehrt Israel hat und warum es den Ärger der USA in Kauf nimmt? Eine Erklärung könnten die vielen russischen und ukrainischen Einwanderer sein, zu denen auch Lieberman gehört und die auf vielfältige Weise eine Bindung zu Russland verkörpern. Allerdings ist die Anzahl derer, die Putins Politik kritisieren, groß, und eine einheitliche Meinung gibt es auch unter den Israelis, die aus der früheren Sowjetunion stammen, nicht. Zudem sind Israels wirtschaftliche Beziehungen zu Russland – oder zur Ukraine – nicht so groß, als dass sie eine entscheidende Rolle spielten.

ärger Bleiben die Sicherheitsinteressen als Erklärung. Die Zeitung Haaretz zitiert einen Regierungsvertreter, der warnt, Russland könnte Israel mit seinem Einfluss auf Iran und Syrien, auf die Palästinenser und in jüngster Zeit auch wieder stärker auf Ägypten Schwierigkeiten bereiten. Da sei es für Jerusalem klüger, gemeinsame Interessen zu verfolgen, indem man etwa islamische Extremisten in Schach halte.

Dieses Kalkül ist nicht unumstritten: Es sei kein guter Entschluss, die USA erneut eine Kröte schlucken zu lassen, nur weil man sich der Unterstützung des Landes gewiss sei, heißt es. Der erfolglose Versuch, neutral zu bleiben, bringe keinen Gewinn, die Beziehungen zu Russland würden deshalb nicht enger. Dafür könne das Leben ohne Amerika hart werden, warnte ein Regierungsvertreter.

Andere dagegen befürworten die Politik Netanjahus. US-Präsident Barack Obama habe die USA übereilt und ohne Grund in einen europäischen Konflikt gezogen. Israel aber habe sich die Beziehung zu Russland hart erarbeitet. Es wäre verrückt, das einfach wegzuwerfen.

Antibes

Frankreich und Italien streben neue Libanon-Mission an

Wie könnte die internationale Unterstützung für den Libanon nach dem Abzug der UN-Blauhelme aussehen? Frankreich und Italien wollen eine neue Koalition anführen

 26.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Hamburg

Spionageprozess: Juden für Iran ausgespäht?

Laut Anklage soll der Mann hochrangige Vertreter jüdischer Organisationen in Deutschland für mögliche Anschläge ausgekundschaftet haben

 26.06.2026

Magdeburg

Höchststrafe für Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt

Bei dem Anschlag 2024 kamen sechs Personen ums Leben; Hunderte wurden verletzt. Jetzt steht das Urteil fest

 26.06.2026 Aktualisiert

Berlin

Thüringens Innenminister fordert AfD-Verbotsverfahren

In einem Gutachten begründen Juristen ihre Einschätzung besonders mit Verstößen gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürdegarantie

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026

Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy ist Jude, Perser und Hamburger. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran glaubt er nicht an echten Frieden. Warum er jedes Abkommen mit dem Mullah-Regime ablehnt

von Christiane Tauer  25.06.2026

Berlin-Neukölln

Martin Hikel rügt Bildungsstadträtin

Janine Wolter hatte auf Instagram die Story eines israelfeindlichen Aktivisten gepostet

 25.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026