Ehrenamtspreis

»Die Mizwa verbindet uns mit dem Göttlichen«

Bei der Vergabe des Ehrenamtspreises für Jüdisches Leben in Deutschland hat der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, den Ausgezeichneten für ihr Engagement gratuliert. Es handelt sich um die Organisation Limmud Deutschland, die sich um die Begegnung von Juden aller religiöser und politischer Haltungen und um Bildung kümmert, sowie Netzer Germany, eine »reform-zionistische« Jugendbewegung.

Schuster dankte den Preisträgern des mit jeweils 5000 Euro dotierten Preises, der seit 2022 von Felix Klein, dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben, ausgelobt wird, »dafür, dass Sie einen Beitrag dafür leisten, dass die jüdische Gemeinschaft zusammenhält.«

Dies gelte auch für die Gesellschaft insgesamt, »denn auch der Dialog mit der nicht-jüdischen Welt ist ein wichtiger Teil ehrenamtliches Engagements für jüdisches Leben.«

Ziemlich Aufgeschmissen »Einer Sache bin ich mir sicher: Ohne Ehrenamt wäre Deutschland ziemlich aufgeschmissen«, sagte Schuster bei der Vergabezeremonie in Berlin. »15 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland im Ehrenamt. Viele stellen sich ganz ähnliche Fragen wie ein Limmudnik oder ein Netzernik: Wer sind wir? Und was können wir für andere tun? Wie organisieren wir gesellschaftliche Entwicklung? Und welche Rolle spielen wir?«

Auch dankte Schuster Felix Klein: »Mit der Stiftung dieses Preises ehren Sie Freiwilligenarbeit, die nicht immer für alle sichtbar ist – und manchmal, so scheint es, für selbstverständlich genommen wird. Mit diesem Preis ehren wir Engagement, das oft dort einspringt, wo kein Geld für fest angestellte Arbeitskräfte ist. Ehrenamt, das die Gesellschaft trägt
und zugleich prägt. Sie ehren Personen, die über den eigenen Horizont
hinausdenken und ihre Mitmenschen mit in den Blick nehmen. Und damit
die Gemeinschaft erlebbar machen«, erklärte der Präsident des Zentralrates.

Die gute Tat, die Mizwa, »verbindet uns mit dem Göttlichen, denn gut ist das, was der göttliche Wille für diese Welt vorgesehen hat«, sagte Schuster. »Jüdisches Ehrenamt kann demnach lebendiger Ausdruck von religiösen Prinzipien sein. Nicht umsonst ist das jüdische Leben insgesamt hauptsächlich von Ehrenamtlichen organisiert. Es kann aber auch, besonders für viele weniger traditionell geprägte Juden, ein Ausdruck jüdischer Identität sein.«

unschätzbar Beides sei wertvoll und wichtig, sowohl für die Gesellschaft als auch für das Erleben jüdischer Gemeinschaft. »Beides bewegt die Welt, vor allem die jüdische, aber nicht nur«, so Schuster.

Es sei Anlass zur Freude, dass der Ehrenamtspreis an zwei jüdische Initiativen gehe, denn - anders als beim Kampf gegen Antisemitismus - müsse jüdisches Leben vor allem aus der jüdischen Gemeinschaft selbst herauskommen und wirken. »Dabei gibt es natürlich eine Verbindung zum Einsatz gegen Antisemitismus, denn das eigentliche Ziel in der Bekämpfung von Antisemitismus sollte es doch sein, dass Jüdinnen und Juden ihre Identität ganz selbstverständlich ausleben und ausdrücken können. Ohne Rechtfertigungsdruck und ohne Angst vor Anfeindungen«, sagte der Zentralratspräsident.

»Sowohl Limmud, als auch Netzer sind unabhängige, international vernetzte Vereine. Wir brauchen diese unabhängigen jüdischen Initiativen, die einen Beitrag für jüdisches Leben leisten wollen. Die uns mit ihrem kritischen Engagement veranlassen, Strukturen und Strategien zu überdenken. Dabei fordern Limmud und Netzer nicht Veränderung von «den anderen» oder von «der Gemeinde», sondern Sie gestalten es selbst«, erklärte er.

Safe Spaces Die mit dem Ehrenamtspreis geehrten Vereine Limmud und Netzer seien »jüdische Safe Spaces«. Einen Safe Space zeichne auch aus, dass man sich in ihm traue, »all jene Fragen zu stellen, die einen wirklich beschäftigen und in der eigenen Identität weiterbringen.«

Beim vom Limmud Deutschland organisierten Limmud-Festival sei das erwünscht. »Und jeder kann Schüler und Lehrer sein. Es geht vor allem um die gemeinsame Erfahrung. Denn folgende Fragen aus dem diesjährigen Programm des Limmudfestivals stellen sich leichter im Miteinander als alleine: Wie verhält sich Judentum zum Klimawandel? Kann ich die Tora politisch auslegen? Ist Pazifismus Luxus? Wem gehört die Erinnerung und was macht sie mit uns? Oder auch: Dürfen gläubige Juden und Jüdinnen in das Weltall fliegen? Kein Problem, lautet die irdische Antwort einer in der Raumfahrtindustrie tätigen Limmudnik beim Limmudtag in Kreuzberg.«

Der Name Netzer leite sich nicht zufällig aus dem hebräischen Wort für Spross ab, erklärte Josef Schuster. Der Spross symbolisiere die jüdische Jugend, die ihre eigenen Räume brauche. »Netzer wird dem jüdischen Teenspirit als Jugendbewegung gerecht. Mittlerweile erwachsene Netzerniks erinnern sich, dass es die Aussicht auf Freundschaft und Gemeinschaft war, die sie der Jugendbewegung beitreten ließ. Was einen bei Netzer hält, sind, neben den Freundschaften, die Möglichkeiten zur Bildung und Entfaltung jüdischer Identität. Und die kann sich gerade bei Netzer, das für progressives Judentum steht, sehr divers entfalten«, betonte Schuster.

Engagement Auch Felix Klein lobte die Preisträger: »Netzer Germany ist eine überregional arbeitende, sehr engagierte Organisation. Die Jugendbewegung stärkt mit ihrer Arbeit das Selbstverständnis jüdischen Lebens in Deutschland bereits bei Schülerinnen und Schülern«, so Klein zur Begründung der Jury. Dem Verein gelinge es, »ein lebendiges, heutiges Judentum aufzuzeigen und junge Menschen verschiedener Herkunft zu vereinen«.

Die Jury habe sich zudem für Limmud Deutschland entschieden, weil sich der Verein »durch Innovation und eine große Bandbreite« auszeichne, so Klein. »Das gemeinsame Lernen, was Limmud im Hebräischen bedeutet, steht allen Mitgliedern und Teilnehmenden offen, alle können Wissen vermitteln und sich aneignen.« Der Verein ermutige zu ehrenamtlicher Arbeit und sei somit ein »wichtiger Multiplikator« für die jüdische Gemeinschaft.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) dankte Klein in ihrer Festrede für die Initiative. Mit dem Preis mache er jüdisches Leben noch sichtbarer und würdige die wichtige Arbeit der vielen ehrenamtlich in diesem Bereich engagierten Menschen. Paus hob hervor, dass sich in diesem Jahr für den Preis mehr als 90 Vereine oder Einzelpersonen beworben hätten. Das Engagement dieser jungen Menschen mache »die Verwurzelung des Judentums in Deutschland sichtbar«.

Der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland wird in zwei Kategorien vergeben: Eine Kategorie richtet sich an junge Menschen unter 27 Jahren, die andere gilt ohne Altersbeschränkung. Über die Zuerkennung des Preises entscheidet eine achtköpfige, unabhängige Fachjury. ja

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