Interview

»Die Koffer sind ausgepackt«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: dpa

Heute vor 70 Jahren wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Lange war sein Sitz in Frankfurt am Main, es folgten Düsseldorf und Bonn. Seit 1999 ist die Verwaltung in Berlin. Im Interview spricht Zentralratspräsident Josef Schuster über die Anfänge, als es noch darum ging, Juden bei der Auswanderung zu unterstützen, bis hin zu einer Vertretung jüdischer Interessen. Auch wegen des Zuzugs von Juden aus der Sowjetunion habe sich das jüdische Leben positiv entwickelt - die Koffer seien ausgepackt, trotz mancher Bedrohung.

Herr Schuster, am 19. Juli 1950 gründete sich in Frankfurt am Main der Zentralrat der Juden in Deutschland. Wie kam es dazu, fünf Jahre nach dem Ende der systematischen Vernichtung von Juden?
Nach dem Ende der Schoah gab es auf deutschem Staatsgebiet eine nicht unerhebliche Zahl von Überlebenden, die nicht wussten, wohin. Das war unter Einbeziehung aller Gruppen eine Größenordnung von rund 200.000 Juden. Viele von ihnen lebten in Lagern für sogenannte Displaced Persons und wollten Deutschland in Richtung USA, Palästina oder Südafrika verlassen. Der neue Zentralrat sollte die Menschen bei einer möglichen Auswanderung unterstützen.

Das war dann zunächst eine ganz andere Aufgabe als die, die der Zentralrat heute als Dachverband der jüdischen Gemeinden hat, nämlich die Interessen der in Deutschland lebenden Juden zu vertreten.
Ja, es war damals nicht das Ziel, jüdisches Leben in Deutschland zu etablieren. Das war zu der Zeit unvorstellbar. Heute hingegen ist es uns wichtig, dass Juden und jüdisches Leben von allen als selbstverständlicher und integraler Teil der Gesellschaft betrachtet werden.

Wie sahen die Anfänge des Zentralrats aus?
Im Laufe der Zeit stabilisierte sich das Provisorium. Für den Zentralrat standen damals die soziale Unterstützung der Überlebenden sowie der Aufbau jüdischer Gemeinden im Mittelpunkt. Bald kamen die Fragen der Entschädigung hinzu, nachdem sich Deutschland mit Israel auf Wiedergutmachungszahlungen verständigt hatte. Dass sich Juden entschieden, in Deutschland zu bleiben, oder nach dem Ende des Krieges aus dem Ausland wieder in ihre frühere Heimat zurückzukehren, wurde innerhalb der jüdischen Gemeinschaft weltweit durchaus auch kritisch gesehen. Es dauerte in Deutschland zwei Jahrzehnte, bis Überlegungen zum Auswandern in den Hintergrund rückten.

Was war der Grund hierfür?
Einer meiner Vorgänger im Amt, Werner Nachmann, hat sich in den 1970er-Jahren klar zu jüdischem Leben in Deutschland bekannt. Er war von der Herkunft deutscher Jude. Bis dahin wurde man eher schief angeguckt, wenn man sagte, man wolle als Jude in Deutschland leben. So kam es dann auch zu Änderungen in den Zielen des Zentralrats, denn Werner Nachmann hat einen Richtungswechsel artikuliert. Später, zwischen Anfang und Mitte der 1990er Jahre, war dann der Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion unser großes Thema. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs lebten nur etwa 20.000 bis 22.000 Juden in der Bundesrepublik, in der DDR waren es um die 500.

Wie war das, als Juden aus der früheren Sowjetunion hierher zogen? Diese Entwicklung führte zu einer Vergrößerung der Gemeinden und sogar zu Neugründungen. Zugleich stand die bestehende jüdische Gemeinschaft vor der Aufgabe, die Menschen zu integrieren.
Es war Herausforderung und Chance zugleich. Der Zentralrat und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland haben die Gemeinden nach Kräften unterstützt. Eine Minorität in Deutschland musste eine Majorität aufnehmen. Tatsächlich kam es zu Neugründungen von Gemeinden. Man darf zugleich aber nicht vergessen, dass die Einwanderer aus Osteuropa bis dahin in ihrer Heimat oft nicht mit der jüdischen Tradition gelebt hatten beziehungsweise wegen der politischen Verhältnisse nicht leben konnten. Daher kam es mitunter zu Spannungen in den Gemeinden. Am Ende waren der Zuzug und die Integration dieser Juden eine Erfolgsgeschichte.

Welche Aufgaben hat der Zentralrat heute, und was sind die drängendsten Themen?
Der Zentralrat vertritt die Interessen jüdischer Menschen gegenüber der Politik und unterstützt die Gemeinden mit zahlreichen Dienstleistungen und Projekten, um sie zu stärken. Leider sind die drängendsten Themen heutzutage der Kampf gegen Antisemitismus und Ressentiments. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle und die Morde von Hanau, denen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund zum Opfer fielen, müssten jeden endgültig wachgerüttelt haben. In unserer Gemeinschaft gibt es eine tiefe Besorgnis.

Wie kann man denn aus Ihrer Sicht gegen Antisemitismus vorgehen?
Hier ist die gesamte Gesellschaft gefragt. Wichtig ist die Aufklärung über das Judentum und jüdisches Leben schon in Kindergärten und an Schulen. Der Zentralrat hat Anfang dieses Jahres das Programm »Meet a Jew« gestartet: Jüdische Jugendliche und Erwachsene werden an Schulen, Universitäten oder Sportvereine vermittelt, um Einblick in ihren Alltag zu geben. Persönliche Begegnungen sind sehr wichtig, um Vorurteile abzubauen.

Können Sie noch weitere Aktivitäten als Beispiele nennen?
Wir kooperieren seit 2016 mit der Kultusministerkonferenz und veranstalten seit kurzem Workshops für Schulbuchverlage. Uns ist daran gelegen, Stereotype über Juden im Unterricht zu vermeiden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen zum Teil auch Unterrichtsmaterialien aufgearbeitet werden.

Fühlen sich alle Juden vom Zentralrat vertreten, oder gibt es auch Stimmen, die das anders sehen?
Es gibt auch Kritik am Zentralrat, das gehört zur Demokratie. Unabhängig davon, welcher religiösen Richtung ein Jude angehört, also ob er orthodox oder liberal ist oder eben auch säkular, vertritt der Zentralrat der Juden seine Interessen. Wir arbeiten strömungsübergreifend und verstehen uns als politischer, nicht als religiöser Dachverband.

Wie ist es heute um das jüdische Leben in Deutschland bestellt?
Das jüdische Leben hat sich hier seit 1990 sehr positiv entwickelt und ist fester Bestandteil der Gesellschaft geworden. Wir sind durch den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion zahlenmäßig gewachsen. Heute haben die 105 zum Zentralrat gehörenden Gemeinden rund 95.000 Mitglieder. Die Koffer, auf denen die Juden in der Nachkriegszeit sprichwörtlich gesessen haben, sind ausgepackt. Das ist auch nach dem Anschlag von Halle so - nur schaut seitdem der eine oder andere auch mal nach, wo die leeren Koffer stehen.

Das Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland führte Leticia Witte.

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