Volkszählung

Die Gretchenfrage

Ein buntes Völkchen: Im kommenden Jahr müssen die Bundesbürger Auskunft über ihre Lebensumstände geben. Foto: imago

Der 9. Mai 2011 wird wahrscheinlich ein ganz normaler Frühlingsmontag in Deutschland werden. Eines jedoch wird ihn unterscheiden: Dieser Montag ist der Stichtag des Zensus 2011, der Volkszählung. Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung erfasst das Statistische Bundesamt nicht nur, wie viele Menschen hier wohnen, sondern sammelt auch Angaben beispielsweise über den Wohnort, das Alter, den Familienstand, die Bildung und die Staatsangehörigkeit. Vieles ist neu beim Zensus 2011. Denn im Vergleich zu den Volkszählungen 1981 in der DDR und 1987 in Westdeutschland werden die meisten persönlichen Daten nun aus den Melderegistern gezogen. Nur noch zehn Prozent der Bevölkerung werden mit Interviewern die Fragebögen ganz klassisch zu Hause ausfüllen. Die aber müssen, ansonsten droht ein hohes Bußgeld.

freiwillig Neu ist auch: Außer Geburtsdatum und Geschlecht wird das Glaubensbekenntnis erfragt. Die Angabe der Religionszugehörigkeit beruht jedoch auf Freiwilligkeit, sie geht über die eigentliche EU-Vorgabe für Volkszählungen hinaus, wie Klaus Pötzsch, Sprecher des Bundesamts für Statistik, sagt. In der Zensus- kommission, die die Volkszählung vorbereitet und durchführt, ist zu hören, die Regierung wolle durch die Angabe der Religionszugehörigkeit »die Buntheit und Vielfalt der Gesellschaft abbilden«. Auch hätten einige Religionsgemeinschaften darum gebeten, ihre Mitglieder zu erfassen. »Der Zentralrat hat dies nicht gefordert – nicht einmal angedeutet«, sagt dazu Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Die »Buntheit«, die statistisch ausgedrückt werden soll, ist nicht leicht zu erfassen. Zum einen ist die Angabe der Religion freiwillig. Zum anderen sind die Daten, die aus den Melderegistern ermittelt werden, nicht einheitlich: Details tauchen nur dann in den Unterlagen auf, wenn es sich um eine Körperschaft des öffentlichen Rechts (K.d.ö.R.) handelt. Ist das, wie bei vielen muslimischen Gemeinden, nicht der Fall, verfügt das Finanzamt über keine entsprechenden Kenntnisse. Bis alle muslimischen Gemeinden K.d.ö.R. sind, »ist es ein langer Prozess«, sagt Aiman A. Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime. »Vor der juristischen kommt die gesellschaftliche Anerkennung.«

Auch Stephan J. Kramer äußert sich kritisch: »Ich halte nichts von der Frage nach der Religionszugehörigkeit, sofern damit die Freiheitsrechte beeinträchtigt werden.« Wie auch schon beim Erhebungsverfahren ELENA, mit dem seit Januar 2010 Arbeitnehmerdaten zentral gespeichert werden, hat der Zentralrat Bedenken zum Zensus angemeldet. »Mit solcher ›Datensammelwut‹ tun wir uns nicht nur aus historischen Gründen schwer.« Außerdem verweist Kramer darauf, dass »die Verfah- rensweise der Einwohnermeldeämter und die Registrierung der jüdischen Religionszugehörigkeit nicht in allen Bundesländern gleich ist«. Aiman A. Mazyek sieht beim Zensus 2011»ein Geschmäckle«: Er befürchtet, dass die gewonnenen Informationen zur weiteren Kontrolle der Muslime in Deutschland verwendet werden – »besonders vor dem Hintergrund der vom Bundesverfassungsgericht gekippten Rasterfahndung und weiterer umstrittener Sicherheitsgesetze infolge des 11. September 2001«.

datenschutz Die Bundesregierung begründet den Zensus damit, dass sie wissen muss, was sich 20 Jahre nach dem Mauerfall in Deutschland verändert hat. Die Einwohnerzahl hat Einfluss auf Wahlkreise, Sitze im Bundesrat oder auf kommunale Planungen. Gespeichert werden die Daten für höchstens vier Jahre, so schreibt es der Gesetzgeber vor. Eine Weitergabe der Informationen an Dritte darf es nicht geben. Das gilt auch für die freiwilligen Auskünfte. Religion bleibt also Privatsache, ein bisschen zumindest.

Berlin

Linksjugend: Polizei ist »krimineller Clan«

»Wenn die Presse uns erzählt, in Berlin gebe es ein Problem mit bewaffneten Clans, sind das die, die mit hellen Handschuhen und Knüppeln heute in den Schulstreik hineingerannt sind«, sagt eine Sprecherin

 28.09.2026

Offener Brief

Mehr als 6000 Unterzeichner weisen Vorwurf des Völkermords gegen Israel zurück

»Wir, die Unterzeichner, sind empört und angewidert über die jüngste Blutverleumdung gegen das jüdische Volk: die Lüge, dass Israel in Gaza einen ›Genozid‹ begangen habe«, heißt es in dem Schreiben

 28.09.2026

Berlin

Linken-Chef sieht seine Partei »ganz klar an der Seite jüdischer Menschen«

Nach ihrem Wahlsieg in Berlin strebt die Linke eine Regierungsbildung an. Der Bundesvorsitzende Luigi Pantisano widersprach nun Anschuldigungen, die Partei sei antisemitisch

 28.09.2026

Liverpool

Dutzende Festnahmen bei Solidaritätsaktion für Palestine Action

Am Rande des Labour-Parteitags im nordenglischen Liverpool haben mehr als 250 Menschen gegen das Verbot der als Terrorgruppe eingestuften Organisation demonstriert

 28.09.2026

Berlin

»Die Berliner Linkspartei pflegt einen verstörend engen Kontakt zu Judenhassern«

Unionsfraktionschef Thorsten Frei warnt die Grünen und die SPD vor einer Regierungszusammenarbeit mit der Berliner Linken

 28.09.2026

Berlin

Streit über Antisemitismusvorwurf: Linke zeigt Dobrindt an

Der Bundesinnenminister kommentiert in der Sendung »Maybrit Illner« einen Versprecher der Moderatorin über die Berliner Linke Elif Eralp. Die sieht Anlass für eine Strafanzeige

 28.09.2026

London

Reporter oder doch Terroristen? BBC prüft Liste in Gaza getöteter Journalisten

Konkret geht es um 53 Personen, bei denen Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen festgestellt wurden

 28.09.2026

Deutschland

Stolperstein-Verbot in Heidenau löst bundesweite Debatte aus

In der sächsischen Stadt Heidenau sollen keine Stolpersteine zum Gedenken an NS-Opfer mehr verlegt werden. Die Bildungsministerin spricht von einem Skandal

von Paula Konersmann  27.09.2026

Wissenschaft

Auf dem Trockenen?

Dürre, Wassermangel, Hitzewellen: Nach diesem Sommer fragen sich immer mehr Menschen, wie wir dem Klimawandel trotzen können. Ein Blick nach Israel könnte helfen

von Gidon Bromberg  27.09.2026