Essay

Die Genozid-Lüge

»Genozid« ist international zum politischen Kampfbegriff geworden, wie hier auf einer Demonstration im britischen Brighton im März. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Wie es scheint, will heutzutage jeder Opfer eines Genozids gewesen sein. Zahlreiche Gruppen und Nationen bemühen sich um internationale Anerkennung. Genozid gilt spätestens seit den 90er-Jahren als das Böse schlechthin. Wer ihm ausgesetzt war, kann für sich eine Position moralischer Überlegenheit reklamieren.

Das Ziel ist eine möglichst hohe Position im internationalen Opferdiskurs. Die Schoa als fraglos bekanntester Genozid steht nicht ohne Grund ganz oben in der Hierarchie: In einer antisemitisch konnotierten Argumentationskette wird unterstellt, »die Juden« hätten nach 1945 von einer Sonderstellung als Opfer profitiert. Umgekehrt würde die westliche Geschichtspolitik, die diesem Völkermord eine zentrale Rolle zuweist, mehr oder minder absichtsvoll das Leid anderer Nationen verschweigen oder zumindest herunterspielen.

Status als Opfer versus Frage nach Schuld und Täterschaft

In den meisten Fällen geht es um den Status als Opfer, die Frage nach Schuld und Täterschaft spielt dabei eine viel geringere Rolle. Auch in dieser Hinsicht ist der aktuelle Genozidvorwurf gegen Israel wegen des Krieges im Gazastreifen besonders: Die Hamas wird vom Täter zum Opfer, der jüdische Staat einmal mehr zur Verkörperung des Bösen schlechthin, weil er angeblich einen Völkermord verübt.

Lesen Sie auch

Und weil erstaunlicherweise anscheinend heute jeder ein Genozid-Experte ist, sind die Fronten schnell geklärt. Völlig egal scheint es, dass Genozid als juristische Kategorie in einer UN-Konvention 1948 beschlossen und darin definiert wurde. Der Begriff ist übrigens in Deutschland gleichlautend im Völkerstrafgesetzbuch normiert.

Ein Schuldspruch erfolgt deshalb in einem Gerichtsverfahren mit Beweisen und auch mit einer Verteidigung. Persönliche Meinungen, wie und was ein Genozid sein könnte, sind eben das: Glauben statt Wissen, das unterschwellig oft noch mit einer Nivellierung deutscher Verantwortung einhergeht, frei nach dem Motto: Der Holocaust ist lange her, heute sind die Juden die Täter.

Der Vorwurf basiert nicht auf Empirie. Es handelt sich um eine apodiktische Schuldzuweisung.

Selbstverständlich steht dem eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über einen angeblichen Genozid im Gazastreifen nicht entgegen. Aber sie folgt anderen Regeln und hat andere Ziele, denn es geht um Erkenntnisgewinn auch und gerade durch kontroversen Streit um das bessere Argument. Interdisziplinäre Genozidforschung kann wichtige Befunde und Beobachtungen liefern, die dann in einem Prozess genutzt werden.

Apodiktische Schuldzuweisung

Freilich bedarf es dafür der ehrlichen Absicht, tatsächlich nach Erkenntnissen zu streben; eine Deklaration, wie sie zuletzt die »International Association of Genocide Scholars« vorgelegt hat, ist dazu eher nicht geeignet. Sie trägt keine Argumente vor, analysiert keine Dokumente oder Zeugenaussagen, sondern trifft eine apodiktische Schuldzuweisung.

Die mehr als 300 Seiten umfassende Studie der Bar-Ilan-Universität, die keinen Genozid-Tatbestand erkennt, ist da ein ganz anderes Kaliber. Wer es anders sieht, möge sie falsifizieren – das wäre Wissenschaft, und angesichts des nach wie vor andauernden Krieges kann das letzte Wort noch gar nicht gesprochen sein.

Lesen Sie auch

Umso wichtiger wäre eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Genozidforschung. Raphael Lemkin, der im Jahr 1944 den Neologismus »Genozid« schuf, tat dies in einer fast 700-seitigen Studie zum besetzten Europa im Zweiten Weltkrieg, an der er vier Jahre gearbeitet hatte. Das meiste Material dafür hatte der jüdische Jurist nach der Flucht aus Polen während seines Exils in Stockholm in den Jahren 1940 bis 1941 zugsammengetragen, bevor er es in den USA in einem Buch zusammenführte. Seine überaus substanzielle Arbeit, die Lemkin vor dem Hintergrund des Holocaust und zudem einer eingehenden Beschäftigung mit dem Völkermord an den Armeniern schrieb, wurde 80 Jahre lang nicht ins Deutsche übersetzt (eine vom Verfasser besorgte Ausgabe erscheint Anfang 2026).

Intention der Täter

Ein Grund dafür ist sicher Lemkins präzise Argumentation. Ähnlich wie später die maßgeblich von ihm geprägte UN-Konvention definiert er Völkermord – und weist ihn nach – nämlich nicht über die Anzahl der Toten, sondern über die Intention der Täter: Zentral ist die »Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören«, wie das Völkerstrafgesetzbuch sagt.

Wer heute nach Gaza schaut, sollte klar erkennen, dass es Israel um die Befreiung von Geiseln und den Kampf gegen die Hamas geht – einer Organisation, deren erklärtes Ziel ein Genozid ist: nicht nur die Auslöschung Israels, sondern auch die Vernichtung der Juden.

Der Autor ist Professor für Holocaust Studies and Jewish Studies an der Touro University Berlin.

Berlin

CSD-Veranstalter: Anschlag nicht instrumentalisieren

Der Berliner CSD-Verein fordert Solidarität statt Spaltung nach dem Anschlag im Tiergarten. Was die Veranstalter noch betonen

 26.07.2026

Berlin

Wegner lobt nach Anschlag Einsatzkräfte und CSD-Veranstalter

Berlins Regierungschef Wegner hebt das rasche Handeln und das Zusammenspiel nach dem Terroranschlag am Rande des CSD hervor. Worüber er nun in den nächsten Tage sprechen möchte

 26.07.2026

Berlin

Bundeskanzler nennt CSD-Anschlag terroristisch und islamistisch

Nicht nur ein Angriff auf Teilnehmer des Berliner CSD, sondern auch einer gegen Freiheit und Offenheit – Bundeskanzler Merz kündigt an, genau das über Parteigrenzen verteidigen zu wollen

 26.07.2026

Karlsruhe

Generalbundesanwalt soll CSD-Ermittlungen übernehmen

Ein mutmaßlich islamistischer Hintergrund steht bei den Ermittlungen zum Anschlag am Rande des Berliner CSD im Fokus. Die Zuständigkeit wechselt daher bald zur obersten Anklagebehörde in Deutschland

 26.07.2026

Berlin

Dobrindt spricht von Terroranschlag – Verdächtiger flüchtig

Dramatisches Ende eines bunten Festes: Am Rande des CSD in Berlin fährt ein Fahrzeug in die Menge. Eine Person stirbt, 29 Menschen werden verletzt. Nach dem mutmaßlichen Täter wird gefahndet

 26.07.2026 Aktualisiert

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Berlin

Blumen, Trauer und Tränen nach CSD-Angriff

Eine Frau stirbt, viele Menschen werden schwer verletzt. Der Angriff mit einem Auto im Berliner Tiergarten galt offensichtlich den Besuchern des Christopher Street Day

von Andreas Rabenstein, Monika Wendel  26.07.2026

Teheran

Iran droht USA mit Ausweitung des Konflikts

Das iranische Militär droht den USA mit einer Ausweitung der Kämpfe. Sollten die Luftangriffe andauern, werde Teheran neue militärische Strategien in der Region anwenden

 26.07.2026

Berlin

CSD-Angriff: Keine Lebensgefahr bei acht Charité-Patienten

Ein Mann steuert am Samstagabend einen Van in eine Menschenmenge. Eine Frau stirbt. Mehrere Menschen erleiden teilweise schwere Verletzungen. Acht von ihnen werden in die Charité gebracht

 26.07.2026