Radikalisierung

Die Desinformierer

Kennzeichen der QAnon-Verschwörungssekte: Fahne mit einem brennenden »Q« Foto: imago images/SEPA.Media

Krisen und Kriege sind ein Einfallstor für Verschwörungstheoretiker. Das war bei der Flüchtlingskrise so, es trifft auf die Corona-Pandemie zu, auf die russische Invasion in der Ukraine und wohl auch auf die Klimakrise.
Wie die Dinge zusammenhängen, hat das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) analysiert.

In einem kürzlich vorgelegten 13-Seiten-Papier mit dem Titel »Von der Krise zum Krieg« stellt der Thinktank einen Zusammenhang fest zwischen Protestbereitschaft gegen die Corona-Maßnahmen und Verschwörungsglauben. Demnach vermuten »Querdenker« zu 56 Prozent (eher) eine Verschwörung hinter dem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Unter Personen mit geringer Corona-Protestbereitschaft glauben hingegen nur knapp neun Prozent an eine Verschwörung im Kriegskontext.

multiplikatoren Kein Zufall, wie CeMAS feststellt: Die vom Kreml betriebene Desinformation zum Ukraine-Krieg treffe in Deutschland auf dankbare Multiplikatoren aus der verschwörungsideologischen Szene. Schon während der Corona-Pandemie hätten sich die »Querdenken«-Gruppierung und russische Staatsmedien wie RT DE immer wieder positiv aufeinander bezogen.

Die Pointe aus Sicht der drei Autorinnen: Es ging bei den Corona-Protesten weniger um die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, »sondern um demokratiefeindliche Bestrebungen« – so wie auch jetzt etwa die Verharmlosung russischer Kriegsverbrechen.

Weitere zentrale Erkenntnis der Analyse: Menschen, die den Ukraine-Krieg als Teil einer Verschwörung sehen, informieren sich überwiegend in den sozialen Medien, vor allem beim Messengerdienst Telegram. Knapp 27 Prozent der Personen mit stärkerem Verschwörungsglauben nutzten demnach Telegram täglich oder mehrmals in der Woche. Im Kreis derjenigen mit geringer Neigung zu Verschwörungsideologien dient Telegram nur zu gut sechs Prozent als regelmäßige Informationsquelle. Wie sich die Rolle von Twitter nach der Übernahme von Elon Musk verändern wird, ist noch völlig offen.

parallelmedien Als weitere zentrale Basis für Verschwörungsideologien dürfen schon jetzt die Parallelmedien gelten, von ihren Leserinnen und Lesern gern als »alternative Medien« angepriesen. Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, macht im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen eine »verstärkte Spaltung zwischen realistischen und populistischen Medien« aus. Er warnt: »Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.« Qualitätsmedien hält er für so wichtig, »dass ich sogar als Schwabe meine GEZ-Gebühr gerne bezahle, Tageszeitungen und Wochenzeitschriften abonniere«.

Die wachsende Rolle von Parallelmedien sieht Blume mit Sorge. Er sagt: »Ich spreche inzwischen sehr bewusst von Verschwörungsunternehmern, die mit Verschwörungsmythen Geld verdienen, und von digitalen Verschwörungssekten wie Querdenken und QAnon.« Mit Videos und Sprachnachrichten werde eine »medial viel intensivere Vergemeinschaftung« erzeugt im Vergleich zu den klassischen Texten von Qualitätsmedien: »Und umso mehr Zeit und Geld sie für Querschenken, Busreisen und Esoterik vergeudet haben, umso schwieriger fällt den Abgezockten dann auch der schmerzhafte Rückweg in die Realität.«

»Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.«

Antisemitismusbeauftragter Michael Blume

Antisemitismus sieht Blume »gerade in Zeiten von Medienkrisen, Pandemien, Kriegen und Klimaerhitzung« als große Bedrohung. Er verweist auf die zahlreichen Angriffe auf Synagogen. Er erinnert auch an die fünfköpfige Familie in Brandenburg, die vom eigenen Vater ausgelöscht wurde: »Denn dieser hatte sich digital in antisemitische Verschwörungsmythen über Impfungen hineingesteigert.«

»Lügenpresse« Immer pauschaler werden in diesen, vorsichtig ausgedrückt: demokratieskeptischen, Kreisen etablierte Medien abgelehnt. In einem Beitrag für das Projekt »Gegenmedien als Radikalisierungsmaschine« des Thinktanks Zentrum Liberale Moderne schrieb Erika Balzer, die Medien, oftmals als »Lügenpresse« geschmäht, seien der Erzfeind von antidemokratischen, verschwörungsideologischen bis hin zu rechtsextremen Gruppen.

Deren Kritik trifft den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auch die sogenannten Mainstream-Medien. Auf ihren eigenen Kanälen würden Verschwörungsideologen – beispielsweise der »Querdenken«-Arzt Bodo Schiffmann oder die Macher des Online-TV-Senders Auf1.TV – eine Verschwörungserzählung vom Umbau der Welt durch eine kleine Elite behaupten, »die sich nicht selten antisemitischer Chiffren bedient«.

Für die Qualitätsmedien ist das eine Herausforderung – die sie nicht immer bestehen. Der verschwörungsideologische Blog »NachDenkSeiten« lobte vor einigen Tagen mehrere Medien, die sich in der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg nicht der »aktuellen Wucht der Meinungsmache« unterordnen würden. Genannt wurden neben Russia Today und der linksextremen »Jungen Welt« auch der »Freitag« und die »Berliner Zeitung«.

klickzahlen Der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume sagt dazu: »Verschwörungsmythologische Radikalisierungen gibt es unter Rechten, Linken und auch unter Liberalen.« Er kritisiert: »Viele Medien haben versucht, auf die Digitalisierung zu reagieren, indem sie auch ex­tremeren Stimmen ein Forum geboten haben.« Kurzfristig habe das auch wirklich die Klickzahlen hochgetrieben. Nun aber sei zu bilanzieren: »Die Radikalisierung wird dadurch immer weiter befeuert, und die Vernünftigen wenden sich ab.«

Dass beispielsweise die »Bild«-Zeitung und »Der Spiegel« Thilo Sarrazin hochgeschrieben hätten, habe beiden Medien viel mehr geschadet als genutzt. Nicht gefeit sieht Blume auch manches konservative Blatt. Explizit warnt er davor, Parallelmedien mit inhaltlicher Anbiederung Konkurrenz zu machen: »Denn wenn sich Leute erst einmal verschwörungsideologisch aufgeladen haben, vertrauen sie auch keinen bürgerlichen Stimmen der ›NZZ‹ oder der ›Welt‹ mehr, sondern kippen in Rechtsaußen-Blogs und Telegram-Gruppen ab.«

Militär

Bundeswehr und IDF wollen enger zusammenarbeiten

Bei einem Besuch in Israel vereinbaren Vertreter der Bundeswehr eine engere Kooperation mit Israels Armee. Deutschland will dabei auch etwas über die Integration von Frauen ins Militär lernen

 20.02.2026

Stuttgart

Merz schließt AfD als Option kategorisch aus

In Teilen der CDU liebäugeln manche damit, ob nicht doch auch die AfD ein Partner werden könnte. Der Parteichef zieht eine deutliche rote Linie

 20.02.2026

Berlin

Auswärtiges Amt: Deutsche sollen Iran verlassen

Die Bundesregierung warnt Deutsche im Iran erneut vor einer möglichen Eskalation. Noch gebe es Ausreisemöglichkeiten zu Lande und mit Flugzeugen

 20.02.2026

Düsseldorf

Jetzt auch Wirbel um Jobs bei AfD-Abgeordneten in NRW

Minijobs für eine 85-Jährige und die Frau eines Lokalpolitikers: Jetzt geraten auch AfD-Abgeordnete in NRW in die Vetternwirtschafts-Debatte

 20.02.2026

»Mit eigener Stimme«

Braunschweig zeigt Ausstellung zum 75. Jubiläum des Zentralrates der Juden

1950 in Frankfurt gegründet, steht die jüdische Dachorganisation seit mehr als 75 Jahren für jüdisches Leben in Deutschland. Das Städtische Museum widmet ihm nun eine bundesweit einzigartige Schau

 20.02.2026

London

Starmer verweigert US-Zugriff auf britische Stützpunkte für möglichen Iran-Angriff

Die Nutzung des strategisch wichtigen Stützpunkts Diego Garcia ist Teil der US-Pläne für einen möglichen Angriff. Dieser darf jedoch nur mit Zustimmung der britischen Regierung genutzt werden

 20.02.2026

Kampala

50 Jahre nach Operation in Entebbe: Uganda baut Statue für Joni Netanjahu

Der ungandische Verteidungsminister Muhoozi Kainerugaba kündigt das Vorhaben an. Der Bruder des heutigen Ministerpräsidenten Netanjahu fiel bei der »Operation Thunderbolt« 1976 in Entebbe

von Imanuel Marcus  20.02.2026

Andrews-Luftwaffenbasis

Zehn Tage bis zwei Wochen: Trump setzt Iran Frist

»Sie müssen ein Abkommen schließen. Wenn das nicht passiert, werden schlimme Dinge geschehen«, sagt der amerikanische Präsident

 20.02.2026

Washington D.C./Gaza

Trotz Milliardenzusage: Zweifel an Trumps Gaza-Friedensplan

Der US-Präsident hat Milliardenhilfen seines umstrittenen Friedensrats für Gaza angekündigt. Doch die Frage der Entwaffnung der Hamas bleibt ungelöst. Und die Terroristen haben eigene Forderungen

 20.02.2026