Alan Meltzer

»Die Demokratie ist robust«

Meinungsfreiheit ist »die Mutter aller Freiheiten«, sagt Alan Meltzer, Washingtons Mann in Berlin. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Herr Meltzer, in wenigen Tagen feiern die Vereinigten Staaten ihr 250-jähriges Jubiläum. Was macht dieses Jubiläum zu einem besonderen?
250 Jahre sind für jedes Land ein bedeutender Meilenstein. Dieses Jubiläum bietet uns die Gelegenheit, unsere Geschichte, unsere Errungenschaften und die weltweit älteste ununterbrochen bestehende Demokratie zu feiern. Dies ist auch eine Zeit, um über die Ideale unserer Gründerväter nachzudenken, die für die damalige Zeit revolutionär waren. Diese Ideale sind heute nicht überall verbreitet, auch wenn wir uns das wünschen würden. Aber mit unseren Verbündeten teilen wir diese Werte – Werte, die uns auch mit Deutschland eng verbinden. Von besonderer Bedeutung ist dabei sicherlich unser klares Bekenntnis zur Religionsfreiheit.

Abgesehen von der Religionsfreiheit: Welche Werte, auf denen die USA gegründet wurden, sind heute noch wichtig?
Ich würde sagen, dass von allen Werten, die in unserer Verfassung verankert sind, die Meinungsfreiheit in gewisser Weise der wichtigste Wert ist. Sie ist die Mutter aller Freiheiten, denn jede andere Freiheit setzt voraus, dass Menschen ihre Meinung frei äußern können. Die Demokratie selbst – eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk – lebt von der freien Meinungsäußerung. Deshalb gehört sie zu unseren wichtigsten Grundwerten. Unsere Gründerväter glaubten an den freien Wettbewerb der Ideen. Thomas Jefferson brachte es so auf den Punkt: Der beste Weg, der Unwahrheit zu begegnen, ist nicht Zensur oder Unterdrückung von Meinungsäußerungen, sondern das bessere Argument. Wenn jeder seine Ideen frei äußern kann, setzen sich im freien Wettbewerb letztlich die besseren Ideen durch. Auch die Religionsfreiheit hat für die Amerikaner einen sehr hohen Stellenwert. In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass sich unsere Botschaft mit großem Engagement gemeinsam mit der deutschen Bundesregierung gegen Antisemitismus einsetzt. Antisemitismus nimmt in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Deutschland und weltweit zu. Deshalb arbeiten wir in diesem Bereich sehr eng und vertrauensvoll mit der Bundesregierung zusammen.

Sehen Sie durch den zunehmenden Antisemitismus auch andere Werte in Gefahr?
Der zunehmende Judenhass gefährdet Pluralismus und Toleranz. Unsere Institutionen gehen zwar sehr entschlossen gegen Antisemitismus vor, aber diese Entwicklung gibt dennoch Anlass zur Sorge. Die amerikanische Demokratie hat in den vergangenen 250 Jahren ihre Widerstandsfähigkeit immer wieder bewiesen. Sie ist robust, lautstark und bisweilen auch ungestüm. Aber sie bleibt eine sehr lebendige Demokratie. Deshalb halte ich sie nicht grundsätzlich für gefährdet. Der Kampf gegen Antisemitismus ist allerdings ein Thema, das für unsere Botschaft höchste Priorität hat.

Der derzeitige Präsident Donald Trump wird international dafür kritisiert, demokratische Institutionen zu gefährden, gar zu attackieren. Halten Sie diese Kritik für berechtigt?
Nein. Zunächst einmal hat der Präsident eine freie und faire Wahl gewonnen. Damit haben die Bürgerinnen und Bürger ihren Willen frei zum Ausdruck gebracht. Und: Die amerikanische Demokratie ist weiterhin stark und lebendig. Das zeigt sich in unseren Wahlen ebenso wie in der Meinungsfreiheit der Amerikaner. Wer das Regierungshandeln kritisieren möchte, tut das öffentlich und ohne Scheu. Man muss nur den Fernseher einschalten: Menschen, die mit der Regierung nicht einverstanden sind, können ihre Kritik offen äußern. Hinzu kommt unsere lange Tradition freier Medien, die die wichtige Aufgabe haben, staatliches Handeln kritisch zu begleiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Unsere Medienlandschaft ist vielfältig: Manche Medien unterstützen den Präsidenten, andere stehen ihm sehr kritisch gegenüber. Doch sie alle erfüllen dieselbe demokratische Kontrollfunktion.

Demokratien stehen derzeit unter Druck, besonders auch in Europa. Welche Auswirkungen hat das auf die transatlantischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten?
Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland sind im Kern sehr stark. Jede Beziehung kennt Phasen, in denen man unterschiedlicher Meinung ist – das gilt für Familien ebenso wie für Staaten. Solche Meinungsverschiedenheiten hat es auch zwischen unseren Ländern immer wieder gegeben. Schwierige Gespräche sind für mich aber eher ein Zeichen dafür, dass zwei Partner gemeinsam daran arbeiten, ihre Beziehung tragfähig und zukunftsfähig zu gestalten. Ich sehe darin kein Problem. Unsere gemeinsamen historischen Erfahrungen bilden ein starkes Fundament unserer Partnerschaft. Deshalb würde ich sagen, dass unsere Beziehungen zu Deutschland in vielerlei Hinsicht enger sind als zu fast jedem anderen Land der Welt.

Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft der Vereinigten Staaten?
Vor allem, dass auch künftige Generationen die Vereinigten Staaten als ein sicheres, starkes und wohlhabendes Land erleben. Dass wir ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleiben. Über Generationen hinweg – auch für meine eigenen Vorfahren – war Amerika ein Ort, an dem sich Menschen etwas aufbauen konnten. Das ist bis heute eine der wichtigsten Stärken unseres Landes. Ich bin überzeugt, es ist nach wie vor richtig: Wer hart arbeitet und sich an die Regeln hält, kann es in Amerika zu etwas bringen. Dieses Versprechen gilt es zu bewahren. Denken Sie an die vielen deutsch-jüdischen Einwanderer, die beispielhaft zeigen, welche Chancen ihnen unser Land geboten hat. Levi Strauss etwa, der aus Bayern stammte, erfand den Denim-Stoff und veränderte damit die Modewelt. Oder Carl Laemmle aus Württemberg: Er zählte später zu den Mitbegründern der Universal Studios und trug entscheidend dazu bei, Hollywood als Zentrum der Filmindustrie zu etablieren. Denken Sie an Henry Kissinger, einen der einflussreichsten Staatsmänner unseres Landes. Die Liste deutsch-jüdischer Einwanderer, die in Amerika neue Chancen fanden und unser Land nachhaltig geprägt haben, ist lang.

Wie werden Sie den 4. Juli feiern?
Die Feierlichkeiten haben längst begonnen. Unser Jubiläumsjahr steht unter dem Motto »Freedom 250«; seit Monaten finden schon Lesungen, Ausstellungen und Konzerte statt. Erst vergangene Woche war eine Bluegrass-Band bei uns zu Gast. Besonders eindrucksvoll finde ich allerdings die vielen Veranstaltungen, die anlässlich unseres Jubiläums von Deutschen organisiert werden. Die Elbphilharmonie in Hamburg veranstaltet eine Konzertreihe unter dem Titel »Bridges to Freedom«, die Werke amerikanischer Komponisten sowie deutsch-jüdischer Komponisten und anderer Künstler ins Zentrum stellt, die in die Vereinigten Staaten flohen, um dort Freiheit zu finden. Gerade solche Veranstaltungen berühren mich besonders. Sie zeigen, dass die Werte, auf denen unser Land gegründet wurde, Menschen weit über die Vereinigten Staaten hinaus inspiriert haben – und bis heute inspirieren.

Mit dem amerikanischen Diplomaten sprach Katrin Richter.

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