Boykott

Die Bremser

Demonstration von BDS-Anhängern vor dem Berliner Kanzleramt (Archiv) Foto: imago/Stefan Zeitz

Der Bundestag hat gesprochen. Folgt dem Wort die Tat? Die Rede ist von der Entschließung gegen die BDS-Kampagne. Die fordert bekanntlich »Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen« gegen Israel. BDS & Partnern soll nun der deutsche Geldhahn zugedreht werden. Dagegen hatte sich schon vor der Mehrheitsentscheidung des Parlaments eine Ablehnungsfront aus Koalition und Opposition formiert. Ihre Anführer sind der Grüne Trittin, Röttgen (CDU), Annen (SPD) und fast die ganze Linke.

Seit der Abstimmung im Plenum mobilisieren sie parlamentarisch und außerparlamentarisch ihre Anhänger. Auf diese Weise will sie den Haushaltsausschuss – und damit das Bundestagsplenum – doch noch zu einem faktischen Widerruf des Anti-BDS-Beschlusses bewegen. Multiplikativ wirksame Personen und Zielgruppen nutzend, funktioniert ihre politische Mechanik nach einem Muster, das Juden seit Jahrtausenden bekannt ist.

apartheidstaat Und so funktioniert sie hier und heute: Es gibt Deutsche, darunter ein ehemaliger Außenminister, die Israel als Apartheidstaat bezeichnen. Sie wissen weder, was Südafrikas Apartheid war, noch was Israel ist. Die jüdisch-israelische »Apartheid« gleicht im Kern der deutschen und westeuropäischen gegenüber den muslimischen Staatsbürgern: Desinteresse. Bestenfalls freundlich. In Deutschland überzuckert mit Wortmoral.

Anders als in Israel gibt es in Deutschland keinen muslimischen Richter am Obersten Gericht, keinen Großbankchef, keine Muslimpartei als (bis April 2019) drittstärkste Fraktion, Königsmacherin wie 1992 oder (wahrscheinlich) ab Herbst 2019, und es gibt prozentual deutlich weniger muslimische Akademiker.

Für manche ist Israel »Büttel des US-Imperialismus/Kapitalismus/Kolonialismus«. Eine Mini-Minderheit von Israelis und Diasporajuden denkt ebenso und verbündet sich mit den weltweiten Kritikern Israels und des diasporajüdischen Establishments. Diese jüdischen BDS-Versteher und -Sympathisanten werden als Schutzschild gegen den Antisemitismus/Antizionismus-Vorwurf benutzt.

minderheit Jene jüdische Minderheit, meist Akademiker, beweist aber nichts. Der »Verband nationaldeutscher Juden« um den Akademiker (Dr. iur.) Max Naumann hielt Adolf Hitler noch 1933 für eine »positive politische Kraft«. Es half ihm und den Seinen nichts. Wie einst unterschiedslos alle Juden träfe ein Erfolg der BDS-Strategie ausnahmslos alle Israelis.

Die Trittins, Röttgens & Co. sollten sich um die Sicherheit kümmern.

BDS fordert die Rückkehr aller 1947 und 1948 geflohenen Palästinenser (700.000) und ihrer Nachfahren ins heutige Israel, also rund fünf Millionen. Das wäre als demografische Atombombe die Auslöschung des jüdischen Staates. Wer diese Rückkehr will, müsste auch die Rückkehr der zwölf Millionen nach 1945 vertriebenen Deutschen und ihrer Nachfahren nach Polen, Tschechien und so weiter verlangen.

Weil sie ganz Palästina wollten, begannen Palästinenser 1947 den Krieg gegen Israel. Sie verloren Halb-Palästina. Deutschland begann 1939 den Krieg und verlor. Ist Schlesien trotzdem »unser«?

plattformen Die Empörung der Trittin-Röttgen-&-Co.-Empörten vervielfachen willige Medien und digitale Plattformen. Sie greifen dabei sogar in die Mottenkiste der Barfuß-Antisemiten. »Der Spiegel« ist hier die Avantgarde. Das Magazin verwandelt engagierte, unabhängige, wohlhabende, doch keineswegs reiche oder superreiche Privatpersonen in eine Israel-»Lobby«, die Politiker kaufe. Na klar: »Die« Juden sind reich und, weil reich, mächtig. Da ist wieder das Märchen von der »jüdischen Weltverschwörung«.

»Die Gedanken sind frei.« Und natürlich das Abstimmungsverhalten der Parlamentarier. Wer Israel boykottieren will, vergesse nicht: Ohne israelisches Wissen sähe die Zukunft der europäischen IT- und Automobilbranche zappenduster aus. Bei der selbstverursachten Vertreibung der Wissenselite haben sich Deutsche und andere Europäer seit Jahrhunderten einen harten Wettbewerb geliefert. Dieser Wissensexodus brachte den Juden unendlich viel Leid – und den Vertreibern dauerhafte Schäden.

Die Boykottanhänger sollten zudem wissen, dass auch Deutschland beim Anti-Terror-Kampf nicht auf Israels Hilfe verzichten kann. »Freie Fahrt für freie Bürger« auf dem Weg zur Selbstschädigung. Haushaltsausschuss, Bundestag und die Deutschen haben freie Wahl.

sicherheit Es wäre eine gute Idee, wenn die Trittins, Röttgens und Annens Deutschlands ebenso viel Energie, Zeit und Fantasie bezüglich der inzwischen fragwürdigen Sicherheit von Juden in Deutschland aufbrächten. Nur dann ließe sich eine Entwicklung wie in Frankreich verhindern. Eben wegen der für sie zunehmenden Bedrohung für Leib und Leben haben in den vergangenen 20 Jahren rund 100.000 der zuvor etwa 500.000 Juden das Land verlassen. Die meisten sind nach Israel ausgewandert.

Will die deutsche Ablehnungsfront gegen die BDS-Bremse des Bundestags diesen und gegebenenfalls auch deutschen Juden den sicheren Hafen, Israel, vernichten, um die Endlösung der Israelfrage zu erreichen? Subjektiv wohl nicht, doch objektiv bewirkt ihr Vorgehen genau das. Wir wissen, was sie tun. Und sie?

Der Autor ist Historiker und Publizist, Hochschullehrer des Jahres 2017; von ihm erschienen unter anderem »Deutschjüdische Glückskinder«, »Wem gehört das Heilige Land?«, »Willy Brandt – Friedenskanzler?«.

Washington

Rubio: Erwarten heute eine Antwort aus dem Iran

Während sich die Spannungen zwischen dem Iran und den USA zuletzt zugespitzt haben, setzen die USA weiter auf eine Verhandlungslösung mit Teheran. Nun äußert sich der US-Außenminister dazu

 08.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026

Initiative

Antisemitismusbeauftragter Klein begrüßt Gesetzentwürfe im Bundesrat

Im Bundesrat geht es an diesem Freitag um den Handel mit Nazi-Opfer-Gegenständen und um das Leugnen des Existenzrechts Israels. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein begrüßt die Vorstöße

von Anita Hirschbeck  08.05.2026

Meinung

Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müssen wir die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir mit dem stets pompös begangenen 9. Mai umgehen sollen

von Irina Bondas  08.05.2026

Washington D.C./Teheran

USA fordern Freilassung von Nobelpreisträgerin Mohammadi

Der Gesundheitszustand der inhaftierten iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi ist schlecht

 08.05.2026

Boulder/Washington D.C.

Brandanschlag auf Solidaritäts-Demo für Hamas-Geiseln: Täter bekennt sich schuldig

Nach dem tödlichen Angriff in Colorado auf eine Solidaritätskundgebung für israelische Geiseln droht dem mutmaßlichen Täter nach seinem Geständnis nun lebenslange Haft

 08.05.2026

Washington D.C.

USA laden Israel und Libanon zu neuer Gesprächsrunde ein

Nach israelischen Angaben soll es bei den Treffen unter anderem um konkrete Schritte zur Entwaffnung der Hisbollah gehen

 08.05.2026