Verfassungsschutz

Die AfD im Visier

Teilnehmer des AfD-Landesparteitags in Sachsen-Anhalt – dort wird die Partei bereits beobachtet. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

»Der Islam« werde unter anderem vom Zentralrat der Juden »benutzt, um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen«. Mit Aussagen wie dieser aus dem Jahr 2018 bedient der AfD-Funktionär Hans-Thomas Tillschneider die völkisch-nationalistische Anhängerschaft der Partei – und erregte damit ebenfalls die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes. Im Februar 2020 wurde bekannt, dass Tillschneider mittlerweile vom Inlandsgeheimdienst beobachtet wird.

Seinem Einfluss in der Partei schadet das bislang aber nicht: Ende September 2020 wählte die AfD in Sachsen-Anhalt Tillschneider mit 84 Prozent zum stellvertretenden Landesvorsitzenden. Im Hinblick auf seine Beobachtung durch den Verfassungsschutz sagte er, dieses Ergebnis zeige, »wenn hier jemand angegriffen wird, dann wirkt sich das als eine Empfehlung aus«. Tillschneiders starke Rolle in dem Landesverband hat aber Konsequenzen: Im Januar stufte der Verfassungsschutz die dortige AfD als Verdachtsfall ein.

landesparteitag Auch in Sachsen mäßigten sich Delegierte am vergangenen Wochenende beim Landesparteitag kaum, wählten diverse Rechtsaußen-Kandidaten auf die Landesliste für die anstehende Wahl im Freistaat. Kurz zuvor hatten Medien berichtet, die AfD Sachsen werde nun als Verdachtsfall beim Verfassungsschutz geführt.

Die Verfassungsschutzämter gehen bei solchen Einstufungen in mehreren Schritten vor.

Die Verfassungsschutzämter gehen bei solchen Einstufungen in mehreren Schritten vor: Zunächst können mutmaßlich extremistische Personen, Gliederungen oder ganze Organisationen als Prüffall eingeordnet werden, der Nachrichtendienst sammelt dann Informationen aus öffentlich zugänglichen Quellen.

Verdichten sich die Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen, kann im zweiten Schritt die Hochstufung zum Verdachtsfall folgen, der das Lesen von E-Mails, das Abhören von Telefonen und den Einsatz von sogenannten V-Leuten zulässt. Wenn sich dadurch der Verdacht bestätigt, kann die Kategorie »erwiesene extremistische Bestrebung« folgen. Die AfD in Sachsen und Sachsen-Anhalt ist nun in der zweiten Phase – so wie auch die Landesverbände in Brandenburg und Thüringen.

nachrichtendienst Zudem stehen hochrangige Funktionäre wie Tillschneider oder Björn Höcke im Fokus des Nachrichtendienstes; außerdem erklärte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Jugendorganisation »Junge Alternative für Deutschland« zum Verdachtsfall sowie die innerparteiliche Strömung »Der Flügel« zur gesichert rechtsextremistischen Bestrebung. Weitere Landesverbände, Gliederungen oder Mitglieder in verschiedenen Bundesländern sind ins Visier der jeweils zuständigen Verfassungsschutzämter geraten.

Die AfD hat somit zunehmend noch größere Mühe, den Schein einer bürgerlich-konservativen Partei zu wahren; dazu kursieren Spekulationen, dass die gesamte AfD zeitnah zum Verdachtsfall hochgestuft werden könnte. Das will die Partei durch juristische Schritte verhindern oder zumindest geheim halten.

Auch die AfD-Jugendorganisation »Junge Alternative« wurde zum Verdachtsfall erklärt.

Bereits im Januar 2019 hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz die Partei öffentlich als Prüffall bezeichnet. Dagegen ging die AfD allerdings vor – und nur wenige Wochen später untersagte das Verwaltungsgericht Köln die Bezeichnung, da sie in der Öffentlichkeit eine »negative Wirkung« habe.

verwaltungsgericht Auch gegen die offenbar drohende Hochstufung wehrt sich die AfD bereits: So berichteten NDR, WDR und »Süddeutsche Zeitung« über Anträge der Partei beim Verwaltungsgericht Köln, mit denen die Beobachtung oder zumindest die Bekanntgabe der Hochstufung verhindert werden sollten.

Die AfD wird dabei von einer Anwaltskanzlei vertreten, für die Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen bis vor Kurzem tätig war. Mittlerweile hat Maaßen die Kanzlei verlassen. Er sei zwar nicht mit diesem Fall anwaltlich betraut, seine Tätigkeit dort solle aber keinen »negativen Beigeschmack« bekommen, teilte er mit.

Neben der drohenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz, die gemäßigte Wähler weiter abschrecken könnte, kämpft die AfD mit einem Mitgliederrückgang. Zudem konnte sie in der Corona-Pandemie keine ernstzunehmenden Konzepte vorlegen.

schulterschluss Hatte sie im Frühjahr die Maßnahmen der Bundesregierung noch als viel zu zögerlich attackiert, legte sie bald eine 180-Grad-Wende hin und suchte ab dem Sommer den Schulterschluss mit der »Querdenken«-Bewegung und Corona-Leugnern.

Neben der drohenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz, die gemäßigte Wähler weiter abschrecken könnte, kämpft die AfD mit einem Mitgliederrückgang.

Der vorläufige Tiefpunkt war im November erreicht, als Aktivisten aus dieser Bewegung als Gäste der AfD-Fraktion in den Bundestag gelangten und dort Politiker und Abgeordnete bedrängten.

Die Konzeptlosigkeit der AfD in der Pandemie schlägt sich auch in den Umfragewerten nieder: Konkurrierte sie vor zwei Jahren bundesweit kurzzeitig mit SPD und Grünen sogar um den zweiten Platz, ist sie mittlerweile auf rund zehn Prozent abgesackt.

Anfang 2020 hatte der damalige Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, in einem vermeintlich vertraulichen Gespräch gesagt, die AfD müsse dafür sorgen, dass sich Deutschland in einer möglichst misslichen Lage befinde, um die eigene politische Position im Land zu sichern: »Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD.« Für die Corona-Pandemie gilt dieser Satz nicht, die AfD ist in der Krise – und ihr Marsch nach rechts könnte bald in einer politischen und strategischen Sackgasse enden.

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und Europas Handlungsfähigkeit

von Michael Thaidigsmann  01.08.2026

Ankaras Machtfantasien

Wie die türkische Führung von der Eroberung Jerusalems träumt

von Eren Güvercin  01.08.2026

Meinung

Die Vereinten Nationen und ihre obsessive Fixierung auf den jüdischen Staat

Warum der Staatengemeinschaft ihre Heuchelei und Doppelmoral eher früher als später zum Verhängnis werden wird

von Daniel Neumann  01.08.2026

Frankfurt am Main

Aufruf zu Großdemonstration gegen Judenhass

Anlass des Aufrufs ist eine kürzlich in Frankfurt abgehaltene israelfeindliche Kundgebung, auf der der palästinensische Terror verherrlicht wurde

 31.07.2026

Berlin

Wadephul begrüßt angekündigte Hamas-Entwaffnung

Im Gaza-Konflikt gibt es angeblich eine Einigung: Die Hamas soll ihre Waffen abgeben, Israel seine Truppen aus dem Küstenstreifen abziehen. Die Bundesregierung sendet positive Signale

 31.07.2026

Gaza

Islamischer Dschihad bestreitet Entwaffnungs-Einigung

US-Präsident Donald Trump verkündet eine Einigung auf eine vollständige Entwaffnung der Hamas. Eine andere palästinensische Terrororganisation bezeichnet Berichte darüber als unzutreffend

 31.07.2026

Berlin/Tel Aviv

Constantin Schreiber verlässt Axel Springer

Der frühere »Tagesschau«-Sprecher Constantin Schreiber berichtete seit September 2025 für die Publikationen von Axel Springer aus Tel Aviv. Zum Ende des Jahres verlässt er das Unternehmen

 31.07.2026

New York

NGO fordert Amtsenthebung von Bürgermeister Mamdani

Die Organisation »End Jew Hatred« macht dem New Yorker Bürgermeister in einer Petition schwere Vorwürfe, darunter seine Drohungen gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu

 31.07.2026

Washington D.C./Gaza

Trump verkündet Einigung über nächste Gaza-Phase – Hamas soll Entwaffnung akzeptiert haben

Der amerikanische Präsident sieht einen »gewaltigen Schritt hin zu dauerhaftem Frieden und Sicherheit«

 31.07.2026