Interview

»Der Weg zur Emanzipation der Juden«

Heute vor 100 Jahren trat das erste demokratisch gewählte Parlament Deutschlands in Weimar zusammen. Friedrich Ebert (M.l.) wurde zum ersten Reichspräsidenten gewählt. Foto: dpa

Herr Nemitz, inwiefern war Ihr Großvater Julius Moses repräsentativ für das deutsche Judentum der Weimarer Republik?
Moses war ein Aktivist für jüdische Emanzipation und jüdische Identität, ohne dabei religiös zu sein. Er stand damit für einen Teil der intellektuellen, liberalen Juden, die er mit seiner Zeitung, dem »Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums«, zu erreichen suchte. Er lebte radikal und war voller Lebenslust.

Wie sah er die Rolle des Judentums in der Demokratie?
Moses kannte Armut aus eigener Anschauung. Als Arzt und Politiker wollte er anderen helfen. Sein politisches Engagement war für ihn der Weg zur Emanzipation und Freiheit der Juden in Deutschland.

Julius Moses musste sich wegen der »NS-Rassengesetze« 1935 von seiner nichtjüdischen Frau und der Familie trennen und in ein »Judenhaus« in Berlin ziehen. Wie ging man damals in Ihrer Familie mit der Situation um?
Mein Vater Kurt, Jahrgang 1925, brachte seinem Vater regelmäßig nach der Schule das von Mutter Elfriede gekochte Essen. Diese verdiente das Familieneinkommen mit einer Änderungsschneiderei. Kurts älterer Bruder Erwin war schon nach Palästina emigriert und korrespondierte intensiv mit seinem Vater, und ein anderer Bruder, »Onkel Rudi«, steuerte als Röntgenologe Geld bei. Sein Vermögen wollte er meinem Großvater bei dessen geplanter Auswanderung auf die Philippinen überlassen, aber dann wurde es von der Deutschen Bank eingezogen. Unterschrieben hatte dieses Dokument ein gewisser Hermann-Josef Abs, der spätere Chef der Deutschen Bank.

1942 wurde Moses ins KZ Theresienstadt deportiert, wo er wenige Monate später starb. Ein Mithäftling schrieb, er habe ihn dort »sehr unter nagendem Hunger leidend, aber voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft« gesehen. Woher nahm Ihr Großvater diesen Optimismus?
Er erfuhr in der Zeit nach 1933 viel Solidarität von Freunden und Kollegen, darunter dem vormaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe, der mit ihm im Grunewald spazieren ging. Er hatte zwar schon vor 1933 vor dem Unheil gewarnt, was auf das Land zukam, war aber überzeugt, das Naziregime werde langfristig keine Zukunft haben. Seine zahlreichen Briefe, in denen er seiner Hoffnung Ausdruck gab, sind der Nachwelt erhalten; meine Urgroßmutter Anna Nemitz, auch eine ehemalige Reichstagsabgeordnete, versteckte sie damals. So wurden die Briefe erhalten.

Wenn Sie die jüngsten Entwicklungen in Deutschland und Europa, insbesondere das Anwachsen von Populismus, Extremismus und Antisemitismus, betrachten, glauben Sie, dass man das mit dem Ende der Weimarer Republik vergleichen kann?
Ich halte nichts von dramatisierenden Vergleichen. Sie verniedlichen das, was damals geschah. Unsere heutige Demokratie, unsere Wirtschaft haben sich als stabil erwiesen. Allerdings müssen wir aus Weimar einige Dinge lernen: Massenarmut und -arbeitslosigkeit darf es nicht mehr geben. Wir müssen unsere Demokratie durch sozialen Ausgleich und Umverteilung stabilisieren und gegen ihre Feinde, gegen Aufstachelung zu Hass und Gewalt mit der ganzen Härte des Rechtsstaates vorgehen. Demokratisches Engagement müssen wir immer neu vorleben und erlernen, gerade unter den Bedingungen der Digitalisierung und des Internets.

Wie stabil ist unsere Demokratie heute?
Wir haben alle Instrumente, um Frieden, Wohlstand und eine gute Zukunft zu sichern. In Deutschland wird auf hohem Niveau zu viel gejammert und vieles schlecht geredet, was im internationalen Vergleich doch ganz gut funktioniert. Sicher, Fortschritt beginnt ab und an mit Unzufriedenheit oder Unbehagen, verlangt aber vor allem gute Ideen, Innovation, Entschlossenheit und gemeinsames Anpacken. Etwas mehr davon in Wirtschaft und Demokratie wäre gut.

Das Gespräch führte Michael Thaidigsmann.

Paul Nemitz ist Enkel des jüdischen Arztes und SPD-Politikers Julius Moses, der von 1920 bis 1932 Mitglied des Reichstags war und die Gesundheitspolitik der Weimarer Republik mitprägte.

2016 erschien im Bremer Verlag Edition Lumière die von Holger Böning verfasste Biografie »Volksarzt und Prophet des Schreckens. Julius Moses. Ein jüdisches Leben in Deutschland«.

Naher Osten

Trump: Atom-Deal nur bei saudischer Anerkennung Israels

Washington und Riad stehen kurz vor einem Atomabkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Doch jetzt hat Donald Trump eine neue Bedingung gestellt

 23.07.2026

Würzburg

Schuster kommt zur Kundgebung gegen antisemitische Angriffe

Organisiert wird die Demonstration von der DIG Würzburg, dessen Mitglied das 65-jährige Opfer der jüngsten Attacke in Höchberg ist

 23.07.2026

Handelspolitik

Belgien und Niederlande verbieten Einfuhren aus Siedlungen

Die Regierungen in Brüssel und Den Haag haben ihre Ankündigung wahrgemacht, die Einfuhr von Waren aus den seit 1967 von Israel besetzen Gebieten zu untersagen, sofern sie von Israelis produziert werden

 23.07.2026

Genf/Berlin

Streit zwischen Rosa Luxemburg Stiftung und UN Watch

Die der Partei »Die Linke« nahestehende Stiftung wirft der Genfer NGO vor, in Berlin »die wildesten Verleumdungen gegen die UNRWA« verbreitet zu haben. UN Watch kontert mit Video-Beleg

von Imanuel Marcus  23.07.2026

Essay

Gedenken ohne Juden

Die Erinnerungskultur macht den Holocaust zunehmend zu einer allgemeinen Mahnung gegen Intoleranz und verliert dabei die jüdischen Opfer aus dem Blick

von Gunda Trepp  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Washington D.C./Riad

»Schreckliche Idee«: Kritik an US-Atomdeal mit Saudi-Arabien

Während des Iran-Kriegs, der sich auch um das iranische Atomprogramm dreht, verkünden die USA eine Einigung mit Saudi-Arabien. Experten fürchten ein atomares Wettrüsten in einer instabilen Region

von Johannes Sadek, Franziska Spiecker, Jörg Vogelsänger  23.07.2026

Nahost

USA setzen über Iran B-1-Bomber ein

Im Visier standen Einrichtungen der iranischen Marine, Lager für Raketen und Drohnen, Küstenüberwachungssysteme sowie Luftverteidigungsanlagen

 23.07.2026

San Francisco

Wie Sam Altmans KI ausbrach und eine Firma hackte

Ein außergewöhnlicher Vorfall bei einem Testlauf des ChatGPT-Entwicklers demonstriert drastisch das Risiko von KI-Cyberattacken. Dabei wollte die Software nur in einem Test schummeln

von Andrej Sokolow  23.07.2026