Dokumentation

»Der Vergangenheit zum Trotz«

»Ein Konferenztisch als Mordwerkzeug«: Dieter Graumann im Haus der Wannsee-Konferenz mit Gedenkstättendirektor Norbert Kampe (l.) Foto: Gregor Zielke

Noch immer bin ich emotional überwältigt von dem, was wir gemeinsam gerade gesehen und erlebt haben. Mir geht es wie so vielen von euch: Ich selbst war vorher noch niemals am Wannsee gewesen. Und ich bin wirklich tief bewegt von dem, was wir gesehen haben, und von dem, was das für uns bedeutet und an Gefühlen transportiert.

Das Besondere, so empfinde ich es jedenfalls, ist das, was wir gerade nicht gesehen haben: Wir haben keine Kerkerzelle gesehen, keine Folterwerkzeuge, keine Gaskammern und kein Krematorium. Und doch ist das, was wir hier gesehen haben, wovon wir wissen, was es war, tief erschütternd. Ein Konferenztisch als Mordwerkzeug. Der Wahnsinn vom Wannsee. Die Bedienungsanleitung zum Judenmord.

Masterplan Hier haben sich vor ziemlich genau 72 Jahren also die Repräsentanten der wichtigsten Funktionsbereiche des deutschen Staates getroffen. Die Funktionseliten des Deutschen Reiches. Sie trafen sich ganz bewusst außerhalb von Berlin, in einer schmucken Villa, und schauten wohlwollend auf die so idyllische Winterlandschaft.

Doch was hier so einträchtig in beschaulichem, behaglichem Ambiente beschlossen wurde, das bedeutete für die Juden in Europa die Hölle auf Erden. Zu diesem Zeitpunkt waren schon Millionen von Juden ermordet worden. Aber nun wurde die Organisation des Judenmordes noch einmal ganz gründlich geplant und sofort zielstrebig und mit aller mörderischen Konsequenz energisch umgesetzt.

Das Besondere daran war aus meiner Sicht: Alle, die hier zusammengetroffen waren, stimmten offenbar bereitwillig zu. Es gab keinen Widerspruch, von Widerstand erst gar nicht zu reden. Was sich hier abspielte, war die fatale Verbindung der Bürokratie mit dem Bösen. Hier wurde der Masterplan des Massenmordes beschlossen. Massenmord nach Aktenlage.

Ganz direkte Konsequenzen hatte das, was hier so einträchtig beschlossen wurde, für so viele Juden. Für meine eigenen Eltern zum Beispiel, die in verschiedenen grauenhaften Konzentrationslagern so viel Schlimmes erleiden mussten, für ihre Eltern, die wie so viele andere vergast wurden. Denn das ist die ganz direkte Konsequenz vom Wannsee, für mich selbst auch ganz persönlich geworden: dass ich Großeltern hatte, die ich niemals kennenlernen durfte. Das ist die grausame Linie, die vom Wannsee ganz direkt in meine eigene Biografie führt, in meine eigene geschundene Seele hinein – und so geht es vielen, vielen anderen jüdischen Menschen auch.

lehren Was sind nun die Konsequenzen, die wir heute aus all dem zu ziehen haben? Der Wannsee als Warnung. Der Wannsee auch als Botschaft für uns. Für mich gibt es eine ganze Reihe von ganz konkreten Konsequenzen, die wichtig sind für uns heute, in unserer heutigen Zeit. Erstens: Erinnern! Immer erinnern –und niemals vergessen! Niemals dürfen wir auch nur beginnen, mit dem Erinnern aufzuhören! Das unvorstellbare Leid unserer Menschen tragen wir mit Sicherheit alle für alle Zeit in uns.

Das heißt nicht etwa, dass wir Rachegedanken haben sollten. Aber wir sollten schon die historische Kontinuität im Auge haben. Denn: Die das alles damals hier beschlossen hatten, waren die Großväter und Urgroßväter der Menschen, die heute hier in Deutschland leben. Die heute hier leben, die tragen gewiss keine persönliche Schuld. Aber Verantwortung, historische Verantwortung, tragen sie allemal. Und diese Verantwortung vergeht auch nicht, sie hat angesichts dieses Jahrtausendverbrechens absolut kein Verfallsdatum. Diese Verantwortung endet niemals. Sie gilt für die volle Zeitspanne der ganzen Ewigkeit.

Künftig seid ihr auch die Erinnerung. Die Fackel des Gedenkens müsst Ihr in Zukunft auch weiter tragen. Ihr müsst das tun wollen – auch wenn es schmerzhaft ist und es gewiss schönere Aufgaben und Pflichten gibt. Dabei geht es aber nicht nur darum, allein die kalten Fakten zu transportieren, sondern ganz speziell auch die Gefühle, die ganz großen Gefühle, die mit der Schoa verbunden sind: Gefühle pur! Die heftigen Gefühle von Kummer und Leid, von Scham und Schmerz, von Ohnmacht und Verzweiflung, von Trauer und Tränen. Die Erinnerung an unsere Märtyrer wird für uns immer absolute Herzenssache sein. In der Synagoge unserer Herzen werden immer Kerzen für unsere Märtyrer brennen.

antifaschismus Die zweite Konsequenz: Wir müssen gegen den Faschismus kämpfen, wo immer er sein hässliches Haupt erhebt. Das bleibt jüdische Lebensaufgabe. Erst einmal hier, wo wir sind, in Deutschland. Gerade deshalb sind zum Beispiel wir vom Zentralrat immer die Ersten und die Lautesten, die das NPD‐Verbot fordern. Denn: Die NPD ist eine zutiefst rassistische, menschenverachtende und durch und durch judenfeindliche Partei. In der NPD hasst man viele und vieles in unterschiedlicher Gewichtung. Aber in einem sind sich alle in der NPD immerzu einig: Uns Juden hassen sie dort allesamt am allermeisten. Eine solche Partei gehört deshalb nicht in die deutsche Politik. Eine solche Partei gehört verboten. Schon längst und längst.

Aber, liebe Freunde, wir blicken immer über unseren eigenen persönlichen Tellerrand hinaus: Wo immer Menschen von Faschisten ausgegrenzt, diskriminiert, bedrängt und bedroht werden, erheben wir unsere Stimme. Das haben wir im letzten Sommer getan, als Rechtsradikale ein Asylbewerberheim in Berlin–Hellersdorf belagert und fremdenfeindliche Stimmungen geschürt haben, das machen wir immer. Denn das genau gehört zum politischen und moralischen Markenkern des Zentralrats der Juden.

Wir blicken auch immer national über unseren Tellerrand hinaus: Schauen wir zum Beispiel nach Griechenland, wo wir eine Hardcore‐Nazipartei haben, gegen die die dortige Regierung inzwischen endlich etwas unternimmt, oder nach Ungarn, wo die Jobbik‐Partei gewohnheitsmäßig den Faschismus verherrlicht, die Juden mit Schmähungen überhäuft, die Roma im Land ganz direkt hetzerisch verfolgt – und die dortige Regierung das alles nun schon seit Jahren so laufen lässt.

Wir erheben hier immer unsere Stimme. Denn jeder muss wissen: Wer immer mit den Faschismus flirtet, dem schauen und hauen wir auf die Finger. Auch das ist ein Markenzeichen des Zentralrats. Das Hauptthema des Jugendkongresses lautet in diesem Jahr: »Wie antisemitisch ist Europa heute?« Wir müssen dafür sorgen, dass es morgen kein antisemitisches Europa mehr gibt.

israel Die nächste Konsequenz aus dem, was wir heute hier gesehen haben, lautet: Israel – immer wieder Israel! Israel liegt uns im Sinn und am Herzen. Unsere Neutralität endet dort, wo Israel beginnt. Und deshalb sollten wir erst gar nicht so tun, als seien wir neutral. Nein: Wir sind Partei. Israel ist uns wichtig. Israel ist nach wie vor unser jüdisch‐spirituelles Zentrum. Israel ist aber auch nach wie vor unsere verlässliche Versicherungspolice, unser letzter sicherer Hafen. Israel gibt uns auch heute hier in Deutschland Kraft und Stärke und Rückhalt. Für uns ist es daher geradezu lebenswichtig, dass wir Israel im Sinn, im Herzen und im Rücken haben.

Daher erwacht unser Beschützerinstinkt, wenn Israel konkret bedroht wird, wie aktuell durch das monströse Mullah‐Régime im Iran und seine Terrorhelfer Hisbollah und Hamas. Ich bin fest überzeugt: Mit Israel hätte es keine Schoa gegeben, niemals. Ja: mit Israel auch kein Wannsee. Denn Israel schützt uns Juden auf der ganzen Welt. Israel ist mit uns Juden. Und wir Juden müssen und wollen auch immer mit Israel sein.

zukunft Die vierte Konsequenz heißt: Wir wollen unsere jüdische Zukunft bauen. Die Wannsee‐Konferenz ist düstere Geschichte. Aber unsere strahlende Zukunft seid ihr. Dass wir hier gemeinsam stehen, ich mit euch und ihr mit mir, dass wir gemeinsam stehen können und auch zusammenstehen wollen – das ist für mich ein ganz starkes, ein fast schon übermächtiges Gefühl. Es bedeutet für mich ein lautes, ein unbeugsames, ein unbändiges, stolzes jüdisches Dennoch und ein jüdisches Trotzdem.

Nein, es ist eben gerade nicht gelungen, Deutschland für immer »judenrein« zu machen. Ganz im Gegenteil. Wir bauen hier, und gerade auch wieder hier, unsere neue Zukunft auf.
Wir Juden gründen unsere Zukunft immer auf die Kraft der Erinnerung an unsere gemeinsame Vergangenheit. Aber wir Juden leben eben gerade nicht nur in der Vergangenheit. Vielmehr widmen wir uns entschlossen unserer neuen Zukunft, die wir uns hier schließlich gemeinsam so hart erarbeitet und erkämpft haben.

»We. Together. Now« – so heißt das Motto des Jugendkongresses. Aber es ist viel mehr als ein Motto. Es ist Programm. Es ist gelebte Realität. Wir stehen zusammen, jetzt und für die Zukunft! Ja, ihr seid unsere Zukunft. Aber viel mehr doch noch als das: Ihr macht unsere Zukunft. Ihr gestaltet sie. Diese Zukunft bricht auch nicht einfach über euch herein. Nein, sie ist genau das, was ihr nun daraus machen werdet. Meine herzliche Bitte an diesem Tag, und an diesem Ort ist: Macht bitte daraus eine bewusste, eine selbstbewusste und eine rundum jüdische Zukunft.

identität Wenn ich mir die Zukunft anschaue, ist mein Gedanke nicht in erster Linie: Wie deutsch sollen oder dürfen wir sein als Juden? Nein, meine Frage ist vor allem: Wie jüdisch wollen und werden wir in Zukunft sein? Wenn es nach mir geht: jüdisch durch und durch. Das ist für mich persönlich die Botschaft vom Wannsee. Im Andenken an all jene, die nicht leben durften, nur weil sie jüdisch waren und zum Segen all jener, die auch einmal nach euch kommen werden und die dann unsere große und großartige jüdische Kette der mehr als 100 Generationen weiter knüpfen sollen. Wenn ich mich hier umschaue, und in den Saal hinein fühle, dann spüre ich ganz genau das: Es wird euch gelingen. Und ja: Wir sind sehr, sehr stolz auf euch.

Das unermessliche Leid unserer Märtyrer, wie es hier am Wannsee so kalt und zynisch und zielstrebig beschlossen wurde, tragen wir alle ganz bestimmt in unseren Herzen – immerzu und für alle Zeit. Aber umso mehr sind wir entschlossen, hier eine ganz neue jüdische Gemeinschaft zu etablieren. Mit Herzblut, mit Hingabe, mit dem ewig jungen jüdischen Spirit, mit Begeisterung und mit Leidenschaft.

Genau das tun wir auch: Erst vor wenigen Wochen haben wir gerade hier in Berlin unseren neuen großen jüdischen Gemeindetag veranstaltet und begründet: mit über 800 Teilnehmern eine neue Dimension, Inspiration und eine Intensität an Jüdischkeit, wie es sie nach dem Wannsee und nach der Nazizeit so bisher noch niemals gab in diesem Land. Es war ein Fest des Judentums, das wir hier vier Tage lang gefeiert haben – wir haben unseren jüdischen Spirit gelebt, ausgelebt, belebt und zusammen bestärkt. Und das war erst der Anfang.

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