Propaganda

Der Mossad, wer sonst

Auch nach zehn Jahren sind die Verschwörungstheorien über die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon nicht verstummt. Im Gegenteil: Den anstehenden Jahrestag nutzen zahlreiche Autoren, um Neuauflagen ihrer Bücher auf den Markt zu werfen, in denen sie die offizielle Version der Abläufe und die Täterschaft der Al Qaida bezweifeln.

Oder in denen sie sogar sagen, dass sie die Anschläge für eine Inszenierung der US-Regierung halten. Die hätte so versucht, eine Rechtfertigung für die Kriege in Afghanistan und im Irak zu erhalten; womöglich handelte sie auch im Auftrag des Finanzkapitals an der Wall Street, der Juden oder Israels, schließlich kommen Verschwörungstheorien selten ohne Antisemitismus aus.

Einige Theorien behaupten, es habe gar keine Flugzeuge gegeben, die Bilder seien gefälscht, ins Pentagon sei eine Rakete eingeschlagen. Andere glauben, es habe zwar Flugzeuge gegeben, aber keine Entführer, die Flugzeuge seien ferngesteuert gewesen. Populär ist auch die Theorie, nach der, unabhängig von den Flugzeugen, die beiden Türme in New York jedenfalls niemals so hätten in sich zusammenfallen können, wenn nicht in den Häusern Sprengladungen angebracht gewesen wären.

Mainstream So verrückt solche Ansichten klingen, es sind nicht nur kleine Minderheiten, die daran glauben. Die Anti-Defamation League (ADL) in den USA spricht in einem Bericht von einer »gut etablierten Propagandaindustrie«. Antisemitische rechte Gruppen würden dabei ein Mainstreaming innerhalb der größeren, nicht durchgängig antisemitischen verschwörungstheoretischen Szene betreiben.

Nicht erfolglos. Einer aktuellen Umfrage der BBC zufolge glauben in den USA 15 Prozent der Menschen, dass der 11. September ein »inside job« ihrer Regierung gewesen sei. Eine internationale Umfrage in 17 Ländern kam 2008 zu dem Ergebnis, dass insgesamt 15 Prozent der Befragten glaubten, die USA steckten selbst hinten den Anschlägen und sieben Prozent meinten, es sei Israel.

Nichts spricht dafür, dass sich solche grotesken Welterklärungen mit der Zeit der Realität annähern, im Gegenteil: Mit größerer historischer Distanz werden Verschwörungstheorien immer beliebter. Einer neuen Umfrage des amerikanischen Pew Research Centers zufolge glauben in der Türkei nur noch neun Prozent der Bevölkerung, dass arabische Terroristen für die Attentate am 11. September verantwortlich waren.

Übrigens erwies sich auch Deutschland bei der Umfrage 2008 als überdurchschnittlich verschwörungsgläubig. 23 Prozent der Deutschen, also jeder Vierte, sah die Schuld bei der US-Regierung. Umso absurder ist der Gestus, mit dem sich die Verschwörungstheoretiker hierzulande als verfolgte Minderheit inszenieren.

RAF Dabei haben die drei bekanntesten Vertreter dieser Zunft allesamt neue Bücher oder Neuauflagen veröffentlicht: Andreas von Bülow, früherer Bundesforschungsminister von der SPD, Mathias Bröckers, Hanf-Spezialist der taz, und Gerhard Wisnewski, ehemaliger Fernsehjournalist, der so ziemlich jede Verschwörungstheorie vom »RAF-Phantom« bis zur Mondlandung gewinnbringend zu vermarkten versteht.

Die Verschwörungstheoretiker sind dabei nicht allein auf obskure esoterische Verlage, wie dem beim Thema 11. September besonders ambitionierten Kopp-Verlag, angewiesen, sie veröffentlichen ihre Schmöker auch in renommierten Häusern wie Piper, Westend und Knaur.

Und sie schaffen es immer wieder auf die Bestsellerlisten, auch, weil etwa das Buch von Mathias Bröckers im deutschen Feuilleton und von Fernsehmagazinen wie »Titel, Thesen, Temperamente« (ARD) hochgejubelt wird. Verschwörungstheorien zum 11. September sind nicht nur ein Phänomen linker und rechter Amerika-Feinde und Antisemiten, sondern haben sich fest in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Umso gefährlicher sind sie.

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

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