Erinnerung

Der Kreis schließt sich

Israels Präsident Isaac Herzog (l.) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bergen-Belsen Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Die Deutschlandreise des israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog Anfang September stand ganz im Zeichen des 50. Jahrestags des Attentats auf die israelischen Olympioniken in München 1972.

Für mich persönlich war jedoch ein anderer Programmpunkt des mehrtägigen Staatsbesuchs wichtiger: die Visite Herzogs in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Denn dort schlossen sich gleich mehrere Kreise, die zeigen, wie sich das Gedenken an die Schoa, das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel und das der Deutschen zu ihrer Geschichte merklich verändert haben.

staatsoberhaupt Für den israelischen Präsidenten schloss sich der erste Kreis gleich zweifach: Vor 35 Jahren hatte sein Vater, Chaim Herzog, ebenfalls diesen Ort besucht, auch er als israelischer Präsident. Der ältere Herzog war damals das erste Staatsoberhaupt Israels, das nach Bergen-Belsen gekommen war. Über vier Jahrzehnte zuvor war er schon einmal dort gewesen – als Soldat der britischen Armee, die das Konzentrationslager befreite.

Normalität kann es in den deutsch-israelischen Beziehungen tatsächlich nicht geben.

Während seines Deutschlandbesuchs betonte Chaim Herzog, dass die Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und dem Rechtsnachfolger des Reichs niemals »normal« sein könnten. Ohne diese Aussage infrage zu stellen, schlug sein Sohn nun andere Töne an. Isaac Herzog bedankte sich für die anhaltende Unterstützung Deutschlands für Israel. Er erklärte, er sei stolz auf die Partnerschaft mit Deutschland.

Gleichzeitig rief er zum fortdauernden Kampf gegen den Antisemitismus auf, und er verpflichtete Israelis und Deutsche, sein Land – die Heimstätte des jüdischen Volkes – zu verteidigen. Damit machte er deutlich, dass die Vergangenheit auch in Zukunft bleibende Verpflichtung der Deutschen sein muss und Israel auf die Erfüllung dieser Verpflichtung bestehen wird.

beziehungen Normalität kann es in den deutsch-israelischen Beziehungen tatsächlich nicht geben. Dennoch machten die Worte Herzogs auch im Vergleich zu seinem Vater deutlich, wie weit die Beziehungen zwischen beiden Ländern inzwischen gediehen sind.

Auch für mich schloss sich mit diesem Besuch in bestimmter Weise ein Kreis. Als junger Student hatte ich 1986 eine Protestdemonstration gegen den gemeinsamen Besuch von US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg organisiert. Die Versöhnung über den Gräbern der Gefallenen, unter denen auch Angehörige der Waffen-SS waren, kam nicht nur mir, sondern vielen anderen Juden (und Nichtjuden) äußerst geschmacklos vor. Dass die beiden Politiker vorher noch das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht hatten, machte die Sache nicht besser, sondern im Gegenteil eher schlimmer.

Parallel zu unseren Protesten in Bitburg organisierte mein Freund und heutiger Kollege beim WJC, Menachem Rosensaft, eine Demonstration gegen Reagan und Kohl in Bergen-Belsen. Man könne, so erklärte Menachem damals, entweder die Opfer von Belsen oder die der Waffen-SS ehren, beides gleichzeitig ginge aber nicht. Durch den Besuch in Bitburg hätten der Kanzler und sein amerikanischer Gast das Andenken all jener NS-Opfer entweiht, derer sie in der Gedenkstätte gedacht hätten.

kontroversen Die diesjährige Gedenkveranstaltung war dagegen frei von derartigen Kontroversen und Protesten. Angesichts der würdigen Worte, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fand, erscheint die Vorstellung einer Wiederholung der Vorgänge von Bitburg heute unendlich fern. Mehr noch: Steinmeier bildet damit nicht die Ausnahme deutscher Politiker. Abgesehen von der AfD käme es wohl keinem Vertreter der deutschen Politik in den Sinn, eine Entgleisung wie 1986 zu riskieren. Das beweist, dass unsere gemeinsame Arbeit, das Gedenken und Mahnen nicht ganz umsonst gewesen sein können.

Mit Menachem Rosensafts Besuch in Bergen-Belsen schloss sich zugleich ein dritter Kreis: sein Leben ist noch stärker mit diesem Ort verbunden als das von Isaac Herzog und dessen Vater. Menachem ist der Sohn von zwei Schoa-Überlebenden. Sein Vater Josef Rosensaft wurde zunächst in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern gefangen gehalten, bevor er auf einem der berüchtigten Todesmärsche schließlich in Bergen-Belsen landete. Seine Mutter Hadassah Bimko Rosensaft überlebte ebenfalls Auschwitz. Ihr Sohn Menachem kam am 1. Mai 1948 in Bergen-Belsen zur Welt.

Denn, was immer noch wenig bekannt ist: Bergen-Belsen diente unmittelbar nach Kriegsende als Displaced Persons Camp. Unter der Leitung von Menachems Vater entwickelte es sich sogar zu einer Keimzelle für jüdisches Leben im Nachkriegsdeutschland. Es gab im DP-Camp eine jüdische Schule, ein Rabbinat, eine jiddischsprachige Zeitung, zionistische Parteien, Kultur- und Sporteinrichtungen und sogar ein Theater. Dort, wo die Nazis alles Jüdische vernichten wollten, zeigte sich nur ein paar Jahre später die ganze Vielfalt und Resilienz jüdischer Kultur.

Eine Wegscheide: Aus der Generation der Zeitzeugen sind nur noch wenige am Leben.

Das Lager wurde 1950 aufgelöst, aber Josef Rosensafts Engagement für das Erinnern an die Schoa endete damit nicht. Er gründete den Weltbund der Überlebenden von Bergen-Belsen und auch den Zentralrat der Juden in Deutschland mit, und er organisierte 25 Jahre nach der Befreiung eine Gedenkveranstaltung mit 200 Überlebenden. Sein Sohn hat dieses Engagement fortgeführt. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Errichtung der Gedenkstätte.

verpflichtung Heute stehen wir an einer Wegscheide: Aus der Generation der Zeitzeugen des Nationalsozialismus sind nur noch wenige am Leben. Bald schon werden junge Deutsche und Israelis, aber auch alle anderen keine Zeitzeugen mehr als Ansprechpartner haben. Dass damit nicht die Verpflichtung zur Erinnerung endet, haben Steinmeier und Herzog deutlich gemacht.

Trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge können wir eine positive Bilanz der bisherigen Erinnerungsarbeit ziehen. Und ich hoffe, dass wir in 20 bis 30 Jahren sagen können, dass dieser Besuch eine positive Wegmarke darstellte und nicht den Beginn einer Rückwärtsbewegung.

Maram Stern ist geschäftsführender Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC).

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