Interview

»Der Iran stürzt nicht«

Straßenkampf: Durch die erfolgreichen Proteste in Ägypten fühlen sich auch Iraner ermutigt, gegen das Regime zu demonstrieren. Foto: AFP

Herr Wahdat-Hagh, welche Auswirkungen hat die ägyptische Revolution auf den Iran?
Das kann man zurzeit schwer sagen. Am Montag fand in Teheran eine Solidaritätskundgebung mit Ägypten statt. Die oppositionelle »Grüne Bewegung« des Iran will die ägyptische Demokratiebewegung zumindest unterstützen. Ursprünglich sollten bei der Demonstration auch die Führer der reformislamischen Bewegung, Mir Hossein Mussawi, Mehdi Karroubi und Mohammad Chatami, sprechen. Aber Mussawi und Karroubi stehen unter Hausarrest.

Welche Unterschiede gibt es zwischen der ägyptischen und der iranische Opposition?
Die im Iran ist breiter gefächert. Ihr gehören auch Royalisten, Säkulare, zum Beispiel Sozialisten und Kommunisten, Nationalbürgerliche und andere nationalreligiöse Kräfte an.

Ist die Bewegung im Iran stärker als die in Ägypten?
Nein, es sieht nicht so aus, als ob die reformislamische Bewegung im Iran das umsetzen könnte, was in Ägypten geschafft wurde.

Warum nicht?
Die Grüne Bewegung solidarisiert sich zwar mit den Ägyptern. Aber die Regierung in Teheran hat alle Sender, die über die Ereignisse in Kairo berichten, gesperrt. Das Staatsfernsehen tut so, als habe allein die Muslimbruderschaft die Revolution getragen.

Das Ahmadinedschad-Regime will Einfluss in Ägypten gewinnen. Gelingt das bei solcher Realitätsverzerrung?
Wie wirklich agiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Ich denke hier an die Propaganda. Auf diesem Gebiet ist der Iran erfolgreich. Schließlich gelingt es seit über 30 Jahren, die Wirklichkeit so darzustellen, als gäbe es im Land keine säkularen Kräfte, sondern nur Reformislamisten und Hardliner.

Wie genau präsentiert die iranische Propaganda die arabischen Aufstände?
Es heißt: Die arabische Revolution sei die Fortsetzung der islamischen Revolution aus dem Jahr 1979. Daran glaubt das khomeinistische Regime im Iran.

Aber in Ägypten fehlt eine charismatische Figur, wie es 1979 Ayatollah Khomeini war.
Das stimmt. Aber in der islamischen Welt bilden sich Führer sehr schnell heraus.

Welche Rolle spielen die Muslimbrüder?
Ich bin in Bezug auf diese Organisation skeptisch. Iranischen Einfluss auf die Vordenker der Muslimbrüder gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts. Die Islamisten sind taktisch so geschickt und geschult, dass sie sich vielleicht auch eine Zeit lang in ein Parlament setzen würden. Vom Anspruch her sind sie aber machtmonopolistisch und gegen einen Friedensvertrag mit Israel.

Zurück zum Vergleich Iran und Ägypten. Welche Unterschiede sehen Sie noch?
Der größte ist die Beteiligung des Militärs. Das spielt in Ägypten heute wie auch in den Jahren der Mubarak-Herrschaft eine sehr wichtige Rolle. Bei der islamischen Revolution 1979 im Iran hatte die Armee kapituliert und islamistischen Kräften die Macht überlassen.

Auch im Iran gibt es eine junge, weltoffene Generation – wie hoch ist deren umstürzlerisches Potenzial?
Eher gering. Man sieht zwar, dass junge Leute demonstrieren, aber die Unterdrückung im Iran wird in Deutschland nicht wahrgenommen, um die eigenen wirtschaftlichen Beziehungen nicht zu gefährden.

Ägypten unter Mubarak war auch eine Diktatur, die Geheimpolizei überwachte alles.
Ja, auch hier wurden Menschen umgebracht. Ich weiß das und will das nicht verharmlosen. Doch das Militär in Ägypten hat die Lage halbwegs stabil gehalten. Im Iran ist das anders: Hier werden in größerem Umfang Menschen verfolgt, gefoltert und umgebracht. Führende Vertreter des Regimes haben zum Beispiel die Bestrafung von reformislamischen Führern wie Mussawi und Chatami gefordert, weil sie diese für den Aufstand 2009 verantwortlich machen.

Welche Perspektive sehen Sie für das iranische Regime?
Ich fürchte, dass das Regime nicht so leicht gestürzt werden kann.

Aber die Opposition ist doch stark.
Ja, es sind Tausende, die demonstrieren. Aber im Vorfeld der Proteste vom 14. Februar wurden mehr als 30 Reformintellektuelle verhaftet. Die Polizeipräsenz ist massiv. Deshalb bin ich pessimistisch. Eine Lösung läge nur im Abschied vom politischen Staatskonzept Khomeinis. Und das wollen nicht einmal die Führer der Grünen Bewegung.

Das Gespräch führten Katrin Richter und Martin Krauß.

Wahied Wahdat-Hagh ist Politologe und Fellow bei der European Foundation for Democracy. Seine Dissertation »Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus« erschien 2002. Derzeit schreibt er an dem Buch »Der neue Totalitarismus«, das im Herbst 2011 erscheint.

www.europeandemocracy.org

Frankfurt/Main

Experten: Antisemiten hetzen im Netz inmitten von Lifestyle-Themen

Der Vertrauensverlust in klassische Medien macht TikTok, Youtube und Instagram zur wichtigsten Arena für politische Debatten. Dort müsse der Kampf für die Demokratie stattfinden, betonen Extremismus-Experten

von Christof Bock  15.09.2026

Bayern

Nach Morddrohung gegen Charlotte Knobloch – jetzt äußert sich die Polizei

Die Hintergründe

 15.09.2026

Berlin

Nach antisemitischem Angriff: Aufruf zum Tragen eines Davidsterns

An Rosch Haschana wurde eine Frau antisemitisch beleidigt und verletzt. Mehrere jüdische Organisationen und Vereine rufen nun für Donnerstag zum Tragen eines Davidsterns aus Solidarität auf

 15.09.2026

Washington

US-Bericht räumt Munitionsmangel infolge des Iran-Kriegs ein

Ein Bericht aus dem amerikanischen Verteidigungsministerium bestätigt, was die Regierung lange bestritt: Der Iran-Krieg hat die Munitionsvorräte der USA empfindlich ausgedünnt. Das Pentagon will nun gegensteuern

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

Berlin

Wie die Auswahl des Antisemitismusbeauftragten zum Debakel wurde

Der Senat wollte den Posten eines Antisemitismusbeauftragten für die Hochschulen der Hauptstadt schaffen. Doch das Verfahren wurde abgebrochen. Eine neue Recherche zeigt, wie es so weit kommen konnte

 15.09.2026

Umfrage

AfD bleibt laut Umfrage stärkste Partei – CDU/CSU auf Tief

Die in Teilen rechtsextremistische Partei hat einen Vorsprung von 11 Prozentpunkten zur zweitstärksten Partei

 15.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  15.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 15.09.2026 Aktualisiert