Interview

»Der Ethik-Code lag in der Schublade«

Yehuda Shaul, einer der Gründer der Organisation »Breaking the Silence« Foto: Uwe Steinert

Herr Shaul, der Goldstone-Report ist zu dem Schluss gekommen, dass sowohl die Israelis als auch die Palästinenser während der Gaza-Offensive im Januar 2009 die Menschenrechte missachtet haben. Wie bewerten Sie den UN-Bericht?
Ich habe ihn zwar nicht gelesen, weiß aber, dass wir weißes Phosphor eingesetzt haben. Ich habe mit Soldaten gesprochen, die es abgeschossen haben. Und mit solchen, die Menschen als Schutzschilde missbrauchten.

Die israelische Armee hat Ihrer Meinung nach Kriegsverbrechen begangen?
Bei der Operation »Gegossenes Blei« wurden Grenzen überschritten. Deshalb fordern wir eine unabhängige öffentliche Untersuchung. Die israelische Gesellschaft hat ein Recht zu wissen, was in ihrem Namen passiert ist.
Israels Armee rühmt sich seiner eindeutigen ethischen Richtlinien. Hat man sie im Gazafeldzug ignoriert?
Vom 27. Dezember 2008 bis zum 17. Januar 2009 lag der Ethik-Code in der Schublade. Die Streitkräfte agierten bewusst nach anderen Regeln. Und später stritten sie es ab. Zum ersten Mal sind sie in eine Operation hineingegangen in der Überzeugung, dass sie sich keine Toten in den eigenen Reihen leisten können. Es ging also um den maximalen Schutz unserer Soldaten, auch wenn Zivilisten dafür den Preis zahlten.

Wie sah das in der Praxis aus?
Normalerweise lautet die Devise: Wenn du Zweifel hast, wird nicht geschossen. Während der Gaza-Offensive lautete die Parole: Wenn du Zweifel hast, drück’ ab. Das aber verletzt das Prinzip, das im Ethik-Code festgeschrieben ist: alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden. Als »Breaking the Silence« Aussagen von Soldaten über den Gazakrieg veröffentlichte, gab es einen Sturm der Entrüstung. Wir wurden von allen Seiten scharf angegriffen. Die Armee sorgte dafür, dass Radio und Fernsehen uns nicht einluden. Der damalige Premierminister Ehud Olmert hat uns attackiert, der Außenminister reiste nach Europa und versuchte, Spenden an uns zu stoppen.

Warum?
Man hat uns vorgeworfen, dass die Aussagen der 26 Soldaten anonym sind. Außerdem wurde versucht, uns als Agenten Europas zu diskreditieren. Agent eines fremden Staates – das ist einer der schlimmsten Vorwürfe, den man in Israel erheben kann.

Haben die Reaktionen Sie überrascht?
In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung dachte ich: Das war ein riesiger Fehler. Aber es ist erstaunlich, wie wenig diese Angriffe bei normalen Menschen fruchten. Wenn überhaupt, dann ist das Interesse an unserer Arbeit gestiegen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Berichte der Wahrheit entsprechen?
Wenn sich ein Soldat bei uns meldet, fragen wir uns zunächst: Was will er wirklich? Und ist er derjenige, für den er sich ausgibt? Schließlich verlangen wir für jedes Detail einer Geschichte, die ungewöhnlich klingt, zwei Augenzeugen.

Haben Sie das nach der Gaza-Offensive auch so gemacht?
Nein, es gab einfach nicht so viele Zeugen. Bei Berichten, die in das allgemeine Muster passten, haben wir uns deshalb mit einem Augenzeugen begnügt, bei extremen Vorfällen mussten es zwei sein.

Das Gespräch führte Matthias B. Krause.

Breaking the Silence (BTS) ist eine Organisation, die von ehemaligen israelischen Soldaten gegründet wurde. Die Mitglieder dienten während der Zweiten Intifada (2000) in den besetzen Gebieten und führen seit 2004 anonymisierte Interviews mit Soldaten über ihre Erfahrungen während ihrer Einsätze und während des Gazakrieges. Unterstützt wird BTS von europäischen NGOs. Die Aussagen der Soldaten sind auf www.shovrimshtika.org zu lesen.

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026