Perspektive

Der Blick auf Berlin

Foto: Getty Images

Am 29. Januar hielt Israels Präsident Reuven Rivlin eine bemerkenswerte Rede im Deutschen Bundestag. In der Gedenkstunde zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sprach er über die Schrecken der Schoa, die Bedeutung des Gedenkens, die Beziehung beider Staaten – und über die Verantwortung der Deutschen. Nicht nur in Bezug auf die Bekämpfung von Antisemitismus und die Zukunft jüdischen Lebens sagte Rivlin: »Die ganze Welt richtet ihren Blick auf Deutschland.«

Im Epilog zur deutschen Ausgabe meines Buches Revolte weise ich darauf hin, dass sich bei vielen Menschen weltweit die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Berlin ein wichtiges und stabiles Bollwerk liberaler Werte ist. Als Jude und Israeli finde ich das nicht beängstigend. Es ist die Ironie und die Hoffnung der Geschichte zugleich, dass die Nation, die einst für das grauenhafteste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den Holocaust, verantwortlich war, jetzt eine starke Hoffnung für die freie Welt darstellt.

ideologien Ich bezeichne die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum 11. September 2001 als Ära der Verantwortung. Die Vorsicht und die Mäßigung des Zeitalters der Verantwortung beruhten nicht auf Ideologien, vielmehr war es die Erinnerung an die Verwüstung in zwei Weltkriegen, die weite Bevölkerungskreise vor Extremismus, Oberflächlichkeit und gefährlichen Lügen bewahrte.

Diejenigen, die den Krieg noch miterlebt haben, scheiden aus der Welt, und ihre Kinder werden alt und verlieren politisches Gewicht.

Mit »Erinnerung« meine ich nicht den historischen Begriff, sondern das kollektive Gedächtnis der Einzelnen. An zwei Orten der Welt war die Erinnerung an die Verbrechen des Krieges besonders lebendig: in meiner Heimat, dem Land der Opfer, und in Deutschland, dem Land ihrer Mörder. Daher fußte der politische Diskurs in Deutschland auf der Erinnerung.

Doch jenes Zeitalter ist vorüber. Diejenigen, die den Krieg noch miterlebt haben, scheiden aus der Welt, und ihre Kinder werden alt und verlieren politisches Gewicht. Die Erinnerung schwindet. So dramatisch sich die globale Lage auch verbessert hat – sie ist nicht nachhaltig. Vor allem in Bezug auf die Umwelt.

mainstream-politik Deutschlands harsche Politik gegenüber seinen südlichen EU-Nachbarn und die Erhebung seines fiskalischen Konservatismus zu einem Grundwert haben die Massen im In- und Ausland einen hohen Preis gekostet. Während Deutschland im Gegensatz zu den USA, Frankreich und vielen anderen Ländern immer noch eine Mainstream-Politik betreibt, beginnt der Epochenbruch auch seine Politik zu beeinflussen. Es gibt eine wachsende Abneigung gegen traditionelle Parteien, einschließlich der von Angela Merkel.

Viele sehen Berlin als ein wichtiges und stabiles Bollwerk liberaler Werte.

In Deutschland und anderen Ländern haben die Menschen das Gefühl, dass lokale Machtstrukturen korrupt oder hohl geworden sind. Sie fühlen sich von ihnen nicht mehr repräsentiert, und eine dringende Änderung ist erforderlich. Ich bezeichne dieses Phänomen als Revolte; manchmal manifestiert es sich als Nationalismus, Populismus oder Fundamentalismus.

Diese Revolte ist deutlich zu spüren. Deutsche Arbeitnehmer fühlen sich nicht mehr so sicher wie zuvor. Die jungen Menschen von »Fridays for Future« demonstrieren in dem Gefühl, ihr eigenes Überleben und das ihrer Kinder sei in Gefahr. Die Wähler, die auf die gefährlichen Scharlatane der AfD hereinfallen, wähnen ihre Identität oder ihr Gemeinschaftsgefühl in Gefahr.

eliten Jahrelang galt es im neuen Europa als politisch unkorrekt, überhaupt in solchen Begriffen zu sprechen. Nach und nach vergaßen große Teile der Eliten, dass eine lokale – und ja, auch nationale – Begriffswelt für andere Mitbürger wichtig sein könnte.

Es liegt an den Deutschen und den Franzosen, die Europäische Union, das ehrgeizigste politische Projekt der globalisierten Welt, neu zu erfinden. Sie wird nicht nur durch den öffentlichen Vertrauensverlust gefährdet, sondern auch durch starke geostrategische und ideologische Gegner wie beispielsweise Russland unter Wladimir Putin.

Sollte Deutschlands fiskalische und monetäre Stabilität im nächsten Jahrzehnt erheblich leiden, wäre das ein deutliches Anzeichen dafür, dass der ganze Westen in einer Krise steckt. Wenn es Deutschland nicht gelingt, seine Mittelschicht zu schützen und wirksame Lösungen für seinen Arbeitskräftemangel zu finden, wird es wohl kaum ein anderer Staat schaffen.

Wenn Antisemitismus und Rassismus in Deutschland nicht eingegrenzt werden und jüdische Existenz gerade hier gefährdet wäre, dann wird sie überall in Gefahr geraten.

zuwanderer Sollte das Land – trotz wirtschaftlicher Notwendigkeit und beispielloser Ressourcen, die dafür aufgewendet werden – daran scheitern, seine Zuwanderer gut zu integrieren, werden andere europäische Staaten es wohl gar nicht erst versuchen. Sollten politischer Einfluss und öffentliche Unterstützung für Umweltschutz in Deutschland nicht in eine wahre Revolution münden, stünde es in anderen Staaten, wo das Umweltbewusstsein erheblich geringer ist, erst recht schlecht dafür.

Wenn Antisemitismus und Rassismus in Deutschland nicht eingegrenzt werden und jüdische Existenz gerade hier gefährdet wäre, dann wird sie überall in Gefahr geraten. Und wenn ausgerechnet in Deutschland eine Partei aufsteigt, deren Mitglieder mit völkischen Ideen und Holocaustleugnung liebäugeln, dann ist der Weg für Post-Naziparteien in allen Ländern geebnet. Aus meiner Sicht, dem Blickwinkel eines Fremden, stellen diese aktuellsten Kapitel der deutschen Geschichte besonders große Herausforderungen dar.

Zum ersten Mal nach langer Zeit trägt Deutschland Verantwortung nicht nur für sich selbst oder für Europa, sondern für den weltweiten Diskurs – und das nicht nur bei Wirtschaftsthemen. Die Welt richtet ihren Blick auf Berlin.

Der Autor ist Chefkorrespondent des israelischen TV-Senders »Reshet 13«. Kürzlich erschien sein Buch »Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung« (Ullstein, Berlin 2020, 496 S., 29,99 €).

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