Frauen

Das starke Geschlecht

Königliche Verkleidung: zwei Frauen an Purim in Israel Foto: Flash 90

Waschti oder Esther? Der Internationale Frauentag zwei Tage vor Purim ist eine perfekte Gelegenheit, um über weibliche Rollenbilder nachzudenken. Jüdische Feministinnen haben Waschti zur eigentlichen Heldin der Purimgeschichte erklärt: die Königin von Persien, die offen Nein sagt, die das Spiel der Männer nicht mitspielt.

Lesart Eine andere Lesart von Rabbinerinnen lautet, dass Waschti nur den Weg bereitet für Esther, die Diplomatin, die »innerhalb des Systems« arbeiten und ihren Mann so dazu bringen kann, sich für ihr Volk einzusetzen.

Natürlich kann man die Purimgeschichte nicht eins zu eins auf die Gegenwart übertragen. Das Buch Esther erzählt von einem archaischen Herrschaftssystem. Waschti weigerte sich, vor den Fürsten zu erscheinen, um ihre Schönheit zu zeigen. Der gekränkte König ließ sie hinrichten und nahm sich eine neue Gemahlin.

Doch die junge, bescheidene, jüdische Königin Esther erlangte mehr Einfluss am Hof, als sich der Herrscher je hätte träumen lassen. Sie bewahrte die Juden durch Bitten und Gebete vor Tod und Verfolgung – zum Wohl des gesamten Landes.

Heute darf kein Mann seine Frau zwingen, sich öffentlich zur Schau zu stellen.

Heute darf kein Mann seine Frau zwingen, sich öffentlich zur Schau zu stellen. Auch die mächtigsten Männer können es sich nicht mehr folgenlos leisten, schamlos Gewalt über Frauen auszuüben und sie sexuell zu missbrauchen – das zeigt das Urteil gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Lächerlich wirkt in unseren Tagen das Edikt des Königs aus dem Buch Esther, »dass jeder Mann Herr in seinem eigenen Haus sei«.

»Ehre« Um seine »Ehre« und die Herrschaft der Männer zu sichern, scheute der König vor dem Mord an seiner Frau nicht zurück. Leider sind sogenannte Ehrenmorde keine alten Geschichten aus vergessenen Zeiten. Es gibt sie bis heute, auch bei uns.

Die meisten Männer lehnen diese mörderische Unterdrückung von Frauen zwar ab. Dennoch kam es allein in Deutschland im Jahr 2018 zu über 60.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Und was ist mit subtileren Machtmechanismen – den kleinen, aber wesentlichen Unterschieden am Arbeitsplatz, unter denen viele Frauen immer noch leiden?

Ach, gibt es da wirklich ein Problem – auch bei uns? Das Grundgesetz verbietet doch Diskriminierung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Frauen haben Zugang zu allen Ämtern, seit 15 Jahren regiert uns eine Bundeskanzlerin, seit Neuestem hat die EU eine Kommissionspräsidentin.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist leider längst nicht Realität.

Doch schon tönt es, die »Ära der Frauen« sei »bald vorbei« – nur, weil der nächste CDU-Vorsitzende wohl ein Mann sein wird. Aber diese Diskussion ist weniger relevant, als sie scheint. Es geht nicht nur darum, wie viele Frauen Spitzenämter innehaben, in Führungsetagen repräsentiert sind oder im Parlament sitzen (in Deutschland sind es 31 Prozent, in der Knesset etwa 25 Prozent der Abgeordneten).

Wie sieht es abseits der großen Politik aus, im Berufsalltag? Immer noch sorgen »Boys Networks« dafür, dass Frauen unsichtbar bleiben, auch wenn sie genauso qualifiziert sind wie männliche Kollegen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist leider längst nicht Realität. Und wir reden nicht »nur« von Putzfrauen, sondern auch von Frauen in Kunst, Marketing und Medien.

Gender Pay Gap Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, diese Lohnlücke, den »Gender Pay Gap«, zu schließen. Doch immer noch beträgt der »bereinigte« Gender Pay Gap zwei bis sieben Prozent. Das bedeutet konkret: Frauen verdienen bei vergleichbarer Tätigkeit und gleicher Qualifikation pro Stunde durchschnittlich zwei bis sieben Prozent weniger als Männer.

Was können wir dagegen tun? Einfach Nein zu sagen, wird nicht helfen. Die wenigsten Frauen können es sich leisten, ihren Job zu verlieren. Doch auch Diplomatie hat keine Sofortwirkung. Frauen werden noch viele Jahre geduldig erklären müssen, dass auch die männlichen Kollegen mehr zu gewinnen als zu verlieren haben, wenn alle im Team gleichberechtigt sind – wenn keine frustriert oder verbittert ist, weil sie sich nicht gesehen fühlt.

Starke Frauen zu fördern, bedeutet nicht den eigenen Machtverlust – im Gegenteil. Wer seine Mitarbeiterinnen wertschätzt, wer ihr Vorankommen unterstützt, kann auf ihre Loyalität bauen. Wenn das nicht zur Einsicht führt, sind Quotenregelungen unumgänglich. Eine gesetzliche Quote für einen Mindestanteil von Frauen auch in Unternehmensvorständen (nicht nur wie bisher in Aufsichtsräten) hat Bundesministerin Franziska Giffey (SPD) gerade auf den Weg gebracht.

Esther war eine Königin, der es nicht nur um ihre eigene Person ging. Sie setzte ihr Leben für andere aufs Spiel.

Es geht wohl nicht anders. Was sollen wir Frauen denn machen, wenn weder die Waschti- noch die Esther-Methode zieht? Resignieren? Zickenkriege führen? Unsere Ellenbogen nur für uns allein ausfahren? Dann verstehen wir die Frauen in der Purimgeschichte nicht richtig.

Goldener Käfig Esther war eine Königin, der es nicht nur um ihre eigene Person ging. Sie setzte ihr Leben für andere aufs Spiel. Und auch Waschti muss gewusst haben, worauf sie sich mit ihrer Weigerung einließ, sich zur Schau zu stellen. Aber ihre Unabhängigkeit war ihr wichtiger als ein Leben im goldenen Käfig.

Esther und Waschti gehören zusammen. Welche Rolle spielen wir? Wir können es uns nicht immer aussuchen. Das Problem wird uns beschäftigen, so lange wir leben. Können Männer und Frauen gemeinsam daran arbeiten? Das sollte kein frommer Wunsch bleiben. In diesem Sinn: Purim Sameach!

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