Analyse

Das Prinzip Trump

Entschlossen, aber unberechenbar: Donald Trump auf dem Weg zu einem Pressebriefing im Weißen Haus (Januar 2026) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Wer Donald Trump auf seine Nahostpolitik reduziert, übersieht das Gesamtbild. Wer ihn nur an seiner Innenpolitik misst, ebenso. Er ist für Israel Segen und Risiko zugleich. Kaum ein US-Präsident hat den jüdischen Staat entschlossener unterstützt – und kaum einer hat zugleich die Grundlagen amerikanischer Verlässlichkeit so sehr erschüttert.

Donald Trump ist kein Mann subtiler Gesten, dies gilt auch für seine Israel-Politik. Er setzt auf klare Signale. Viele seiner Initiativen und Entscheidungen haben Israels sicherheitspolitische Lage deutlich verbessert. Dazu zählen seit der ersten Amtszeit die Abraham-Abkommen sowie zuletzt eine konsequente Eindämmungs­strategie gegenüber dem Iran.

Eine strategische Entschlossenheit, die den Nahen Osten verändern könnte

Die Operation »Midnight Hammer« gegen Teherans Nuklearinfrastruktur sowie seine jüngste Ankündigung, notfalls militärisch gegen die Islamische Republik vorgehen zu wollen, folgen einer klaren Logik: Irans Ambitionen, ob regional oder nuklear, sollen nicht wie in früheren Jahrzehnten verwaltet, sondern mindestens eingedämmt werden. Eine strategische Entschlossenheit, die den Nahen Osten verändern könnte, deren langfristige Folgen aber offen sind.

Lesen Sie auch

Auch im Hamas-Israel-Krieg setzte Donald Trump auf Druck. Der Waffenstillstand mit der Hamas und die Freilassung aller Geiseln kamen nicht durch die Einsicht der Terrororganisation zustande, sondern durch massiven US-Einfluss. Auf dieser Grundlage treibt Trump nun den »Gaza Peace Plan« voran, der Demilitarisierung, internationalen Wiederaufbau und eine neue politische Ordnung vorsieht.

Das Konzept ist noch unausgegoren und hat dadurch manche Schwächen. Gleichwohl hat es zumindest kurzfristig Dynamiken freigesetzt, die neue Perspektiven eröffnen könnten – sofern sie politisch unterfüttert werden. Sicher haben sich nicht alle Hoffnungen erfüllt, die man in Israel nachvollziehbar hegte. Militärische Signale ohne langfristige politische Strategie bergen erhebliche Risiken.

Verraten und im Stich gelassen

Sollten Trumps jüngste Ankündigun­gen folgenlos bleiben, das Mullah-
Regime in Teheran aufgrund der brutalen Niederschlagung der Protestbewegung anzugreifen, wäre das nicht nur für Israel ein Problem. Große Teile der iranischen Bevölkerung fühlten sich verraten und im Stich gelassen – durchaus zu Recht.

Dieser Präsident ist für Israel Segen und Risiko zugleich.

Doch diese außenpolitische Bilanz ist nur ein Teil des Gesamtbildes – und der andere wiegt schwer. Trump spaltet das eigene Land mit seiner Politik wie kein Präsident vor ihm. Das Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE, die bewaffnete Spezialkräfte im Innern des Landes einsetzt, hat auch international Kritik ausgelöst – und untergräbt das Vertrauen in rechtsstaatliche Verfahren.

Proteste, Gewalt, institutionelle Konflikte zwischen Bundes-, Staaten- und Kommunalebene – all das offenbart tiefgreifende Kontroversen, welche die USA nach innen wie nach außen noch lange beschäftigen werden. Geschwächte Vereinigte Staaten können aber keinen stabilen Schutz für Israel bieten. Jahrzehntelang war Amerika der verlässlichste Verbündete des jüdischen Staates – über Parteigrenzen hinweg. Diese Verlässlichkeit droht unter Präsident Trump ins Wanken zu geraten.

Feste pro-israelische Säule

Seine Republikanische Partei, einst eine feste pro-israelische Säule, hat er für Vertreter teils kruder Verschwörungstheorien geöffnet, in denen antisemitische Narrative längst nicht mehr Randerscheinung, sondern politisches Kalkül sind. Das lässt sich nicht einfach rückgängig machen, selbst wenn der Präsident das eines Tages wollte.

Lesen Sie auch

Donald Trump trägt somit eine Mitverantwortung dafür, dass die Beziehungen zu Israel heute in beiden großen politischen Lagern der USA zunehmend unter Druck stehen. Das ist eine strategische Hypothek, die weit über seine Amtszeit hinausreichen wird. Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild. Kurz- und mittelfristig hat Trump Israels sicherheitspolitische Position gestärkt und die Chancen für eine politische Neuordnung des Nahen Ostens verbessert. Doch seine Politik untergräbt zugleich die innere Stabilität der Vereinigten Staaten.

Gleichzeitig zweifeln nicht wenige in Europa mit Blick auf Grönland, die aggressive Zollpolitik oder den politisierten Umgang mit der eigenen Währung an der Berechenbarkeit oder gar an der Bündnistreue der Vereinigten Staaten. All dies schwächt jene Ordnung, auf die auch Israel angewiesen ist.

Berechenbarkeit, institutionelle Stabilität und Bündnistreue

Wenn Amerikas Verlässlichkeit schwindet, gerät auch ein elementarer Baustein der israelischen Sicherheitsarchitektur ins Rutschen. Sicherheitspolitische Verlässlichkeit entsteht nicht durch Tweets oder Drohkulissen, sondern durch Berechenbarkeit, institutionelle Stabilität und Bündnistreue – genau jene Qualitäten, die zunehmend unter Druck geraten.

Gerade in dieser Situation wächst die Bedeutung einer engeren Partnerschaft zwischen Europa und Israel. Nicht nur aus historischer Verantwortung, sondern auch aus einem ganz eigenen Interesse. Nicht als Gegenmodell zu den USA, sondern als notwendige Ergänzung zu einem Bündnis, das derzeit von einer ungekannten Volatilität geprägt ist.

Der Autor ist CEO des European Leadership Network (ELNET) in Berlin.

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären.«

 02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Auschwitz-Birkenau

Romani Rose: Gewalt gegen Sinti und Roma nimmt zu

Zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma warnt der Vorsitzende deren Dachorganisation, Mitglieder der Minderheit seien wieder mehr Anfeindung ausgesetzt

 02.08.2026

Berlin

Nach CSD-Anschlag: Union will Tempo machen für schärfere Gesetze

Der Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days in der Hauptstadt löste eine Debatte darüber aus, ob bestehende Gesetze ausreichen. Eine Umfrage ergibt: Das Sicherheitsgefühl ist bei vielen Bürgern gesunken

 02.08.2026

Brandenburg

Gedenkführungen zu NS-Verbrechen gegen Sinti und Roma

Hunderttausende Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zwei KZ-Gedenkstätten wollen heute mit Führungen an die Opfer erinnern

 02.08.2026

Washington D.C.

Trump: Angriffe auf Iran abgesagt - »Umrisse einer Einigung«

Das US-Militär stand Berichten zufolge kurz vor einer massiven Angriffswelle auf Ziele im Iran. Nun will der US-Präsident anscheinend darauf verzichten

 02.08.2026 Aktualisiert

Nahost

Nach Berichten über US-Angriffspläne: Teheran droht Nachbarländern, greift Ziele in Kuwait an

Irans Außenminister Abbas Araghtschi droht, die schlagkräftigen Streitkräfte seines Landes würden auf jeden »Akt der Aggression« entschlossen reagieren

 02.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und Europas Handlungsfähigkeit

von Michael Thaidigsmann  01.08.2026

Ankaras Machtfantasien

Wie die türkische Führung von der Eroberung Jerusalems träumt

von Eren Güvercin  01.08.2026