Berlin

CSD-Anschlag: So überschneiden sich Islamismus und Rechtsextremismus

Ein Mensch steht vor dem Brandenburger Tor, wo nach dem Anschlag auf den CSD Blumen, Kerzen und persönliche Botschaften niedergelegt worden sind. Foto: picture alliance/dpa

Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am Samstag taucht in der öffentlichen Debatte zunehmend die Frage auf: Gibt es Überschneidungen zwischen Islamismus und Rechtsextremismus? So schrieb zuletzt die Linke in Berlin-Neukölln auf der Plattform Facebook: »Die gezielte Verbreitung queer- und transfeindlicher Ideologie durch rechte und konservative Akteure bereitet den Boden für Angriffe wie den gestrigen.«

Auch der Konfliktforscher Jannis Grimm sieht eine Schnittmenge. »Natürlich gibt es solche Gemeinsamkeiten«, sagte der Politikwissenschaftler von der Freien Universität Berlin. »Dazu gehören autoritäre Gesellschaftsvorstellungen, Antipluralismus, patriarchale Geschlechterbilder, Antifeminismus und insbesondere die Ablehnung queerer Lebensweisen.« Gerade Personen außerhalb konventioneller Geschlechterbilder seien in den vergangenen Jahren in sehr unterschiedlichen autoritären und fundamentalistischen Milieus zu einem zentralen Feindbild geworden.

Allerdings sagt Grimm auch: »Ein Anschlag wird nicht rechtsextrem, weil Rechtsextreme ihn feiern oder weil sich einzelne Feindbilder überschneiden.« Nach den derzeitigen Informationen handele es sich mutmaßlich um einen salafistisch-dschihadistisch motivierten Anschlag, so der Forscher. »Das ist zunächst einmal ernst zu nehmen und auch so zu benennen.«

Ideologische Phänomene

In der gegenwärtigen Debatte gerate einiges zu schnell durcheinander. »Rechtsextremismus, Islamismus, Salafismus und Dschihadismus bezeichnen unterschiedliche ideologische Phänomene, die wir analytisch auseinanderhalten sollten, wenn wir verstehen wollen, woher solche Gewalt kommt.« Dass zwischen ihnen Überschneidungen bestehen können, etwa in ihrer Ablehnung queerer Lebensweisen, mache sie noch nicht zu derselben Ideologie.

Schon der Begriff »Islamismus« umfasse sehr unterschiedliche Strömungen, erklärt Grimm. »Zwischen islamistischen Bewegungen und salafistisch-dschihadistischen Ideologien bestehen gewichtige Unterschiede, gerade wenn es um Gewaltanwendung geht. Und noch größer sind die Unterschiede zum Rechtsextremismus.« Ähnliche Feindbilder könnten aus sehr unterschiedlichen Weltanschauungen und politischen Projekten hervorgehen.

Nach Definition der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt der Dschihadismus ein Denk- und Handlungssystem, welches die Verpflichtung jedes einzelnen Gläubigen zum Dschihad als militärischen Kampf zum Ausgangspunkt hat.

Lesen Sie auch

Wechselseitige Verstärkung

Ideologisch seien Rechtsextreme und dschihadistische Akteure in vielerlei Hinsicht erbitterte Gegner, so Grimm. »Was wir allerdings beobachten können, ist eine wechselseitige Verstärkung. Dschihadistische Gewalt wird von Rechtsextremen als Bestätigung ihrer Erzählung von Musliminnen und Migrantinnen als Bedrohung genutzt. Umgekehrt können antimuslimischer Rassismus und rechtsextreme Gewalt dschihadistische Narrative von einem grundsätzlich muslimfeindlichen Westen bestätigen.«

Im konkreten Fall sei diese Dynamik besonders perfide. »In einschlägigen rechtsextremen Online-Milieus wird über den Anschlag gespottet. Dort werden etwa Bilder von Tiefladern oder Panzern gepostet und Witze darüber gemacht, der Attentäter habe gegen ›die Bunten‹ wohl das falsche Fahrzeug gewählt.« Beim Hass auf queere Lebensformen »geben sich Rechtsextreme und Dschihadisten bisweilen die Klinke in die Hand«. Das zeige, wie bestimmte Feindbilder weit über einzelne ideologische Milieus hinausreichen.

»Doppelmoral« bei Instrumentalisierung

In der Instrumentalisierung des mutmaßlichen Terrorangriffs liegt laut Grimm eine »bemerkenswerte Doppelmoral«. »Aus einem spezifisch dschihadistischen Gewaltakt wird sehr schnell eine Aussage über ›Migranten‹ oder ›Muslime‹ insgesamt.« Gleichzeitig kämen solche Aussagen zum Teil aus politischen Milieus, die selbst seit Jahren gegen queere Lebensweisen mobilisierten. »Queere Menschen werden dann plötzlich als schützenswerte Gruppe entdeckt, wenn sich mit ihrem Schutz ein migrationspolitischer Kulturkampf führen lässt.«

Grimm: Solidarität zeigt sich beim Geld

Eine solche Instrumentalisierung beschränke Grimm aber keineswegs auf Rechtsextreme. »Mich erschreckt derzeit grundsätzlich, mit wie wenig Skrupel dieser Gewaltakt für bereits bestehende politische Agenden vereinnahmt wird. Wer es mit der Solidarität mit queeren Menschen ernst meint, zeigt das nicht erst nach einem Anschlag.«

Diese Solidarität zeige sich vor allem dort, wo sie politisch und finanziell etwas koste: bei Schutzräumen, Beratungsstellen, Jugendarbeit und anderen Strukturen, die queeren Menschen Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, so Grimm.

Am Samstagabend war nach der CSD-Parade in Berlin ein Auto in die Menschenmenge am Tiergarten gefahren. Dabei wurde eine Person getötet, mindestens 29 weitere teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde später bei einem Polizeizugriff erschossen. Er soll in der Vergangenheit mehrfach versucht haben, sich im Ausland der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen.

Gerichtsurteil

Behörde darf Verbeamtung wegen Nähe zu Muslimbruderschaft ablehnen

Die Klägerin arbeitet als Sachbearbeiterin bei der Karlsruher Ausländerbehörde. Das Gericht hat Zweifel an ihrer Verfassungstreue

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündete, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für den Gegner - ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Österreich

Zwei Israelinnen in Wien vermisst

Die israelische Botschaft vor Ort bittet die Öffentlichkeit um Hilfe

 11.08.2026

Nordhessen

Vier Meter großes Hakenkreuz in Asphalt gebrannt

Die Polizei sucht nun nach den Täter, der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen

 11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminiski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026

Berlin

Neukölln verschärft Regeln: CDU-Politiker will bei Antisemitismus Gelder streichen

Sozialstadtrat Hannes Rehfeldt will Förderbescheide mit strengeren Vorgaben versehen und bei Verstößen die Finanzierung von Projekten stoppen

 11.08.2026

Washington D.C.

Trump soll Bedrohung durch Iran mit Geheimflug aus der Türkei entgangen sein

Wie schafften es die Bewacher des Präsidenten, ihn unerkannt in eine kleinere Maschine zu bringen und nach London zu fliegen?

 11.08.2026

Aberdeen

Israelfeindliche Aktivisten dringen in britisches Büro von US-Rüstungskonzern ein

Nach Angaben der Aktivistengruppe arbeitet das Unternehmen gemeinsam mit Elbit Systems aus Israel an mindestens einem Verteidigungsprojekt

 11.08.2026

Washington D.C.

Für Trump ist die Straße von Hormus wieder offen

Der US-Präsident sagt, die Meerenge sei von Minen geräumt und werde »zu 100 Prozent« von den USA kontrolliert. Der Iran dürfte das kaum so sehen

 11.08.2026