Volker Beck, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, hat den kürzlich wiedergewählten Co-Vorsitzenden der AfD, Tino Chrupalla, heftig kritisiert. Dieser habe bei einer Veranstaltung die »außenpolitische(n) Positionen« des verstorbenen früheren FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann gelobt und »Parallelen zwischen AfD, Chrupalla und Möllemann« gezogen, so Beck.
Der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen stützt sich auf einen Bericht der »Welt«. Demnach stellte Chrupalla am Dienstag in Berlin sein autobiografisches Buch »Handwerk – Meister – Politik« vor.
»Im Taumel steigender Umfragewerte fallen bei der AfD die letzten Masken. Nun wirbt sie ganz offen um antisemitische Wähler.« Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
Bücher von Politikern habe er bislang eigentlich »wenig gemocht«, soll Chrupalla dort gesagt haben. Zuletzt habe er aber das Buch des FDP-Politikers Jürgen Möllemann gelesen und »sehr interessant« gefunden. Möllemann sei bei seinen außenpolitischen Positionen »gerade« geblieben und habe sich nicht beeinflussen lassen, zitiert die »Welt« Chrupalla.
Die Ausführungen von Tino Chrupalla markierten eine neue Qualität, meint Volker Beck: »Mit seiner positiven Bezugnahme auf Jürgen Möllemann wird Antisemitismus normalisiert.«
Möllemann, Anfang der neunziger Jahre Bundesminister und zeitweilig sogar Vizekanzler, hatte Anfang der Nullerjahre scharf israelfeindliche Positionen vertreten, die nach Auffassung vieler Beobachter durch einseitige Schuldzuweisungen gegenüber Israel, die Relativierung der Verantwortung palästinensischer Terrororganisationen und die Instrumentalisierung antisemitischer Ressentiments gekennzeichnet war. Über palästinensische Selbstmordattentate sagte er, Israels Politik fördere den Terrorismus. »Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt«, sagte Möllemann damals.
In dem von Chrupalla erwähnten Buch aus dem Jahr 2003 wies der FDP-Politiker Antisemitismus-Vorwürfe entschieden zurück und stellte sich als Opfer einer politischen Kampagne dar. »Seine Angriffe auf den damaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, sowie seine Zurückweisung der gegen ihn erhobenen Antisemitismusvorwürfe beschädigten seine demokratische Glaubwürdigkeit nachhaltig. Sie führten zur Trennung zwischen FDP und Möllemann«, führt Beck aus.
Möllemann war viele Jahre Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. »Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art«, sagte Möllemann damals bei einem Fernsehinterview.
Antisemitische Klischees bestätigt
Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, warf Möllemann daraufhin vor, er bestätige »jahrhundertealte antisemitische Klischees«, wonach Juden selbst für den Antisemitismus verantwortlich sind.
»Im Taumel steigender Umfragewerte fallen bei der AfD die letzten Masken. Nun wirbt sie ganz offen um antisemitische Wähler«, befürchtet Volker Beck nun mit Blick auf Chrupallas Möllemann-Lob.
Möllemann starb 2003 bei einem Fallschirmsprung. Er war routinierter Hobbyspringer, ob sein Tod ein Unfall oder Suizid war, konnte nicht abschließend geklärt werden, einige Indizien sprachen für eine Selbsttötung. alo