Eine Einladung zu einer Schultheater-Aufführung an der Freien Waldorfschule Freudenstadt in Baden-Württemberg hat für Aufsehen gesorgt: Das ursprüngliche Motiv zeigte eine Figur mit übergroßer Hakennase, krallenartigen Händen und einer Kopfbedeckung, die eine Geldtruhe umklammert – begleitet von der Zeile »Mein Geld! Mein Geld!«.
Wie die »Welt« berichtet, sollte das Bild für die Aufführung von Molières Komödie »Der Geizhals« werben. Die Darstellung ähnelt jedoch in ihrer Bildsprache antisemitischen Karikaturen, wie sie insbesondere aus der NS-Propaganda bekannt sind – obwohl die Titelfigur Harpagon kein Jude ist.
Nachdem die »Welt« bei der Schule nachgefragt hatte, tauschte die Schulleitung das Motiv umgehend gegen eine abstrakte Illustration aus. Zur Erklärung hieß es, man habe sich mit dem Thema bislang nicht auseinandergesetzt und daher kein geschärftes Bewusstsein dafür gehabt. Es sei lediglich darum gegangen, für das Klassenspiel zu werben.
Per KI erzeugt
Ungewöhnlich sei zudem gewesen, dass die Einladung in diesem Jahr nicht wie sonst üblich von den Schülerinnen und Schülern selbst gestaltet, sondern mittels Künstlicher Intelligenz erzeugt wurde. Konkret nutzte man laut Recherche zwei Eingabeaufforderungen bei ChatGPT: eine Frage nach dem Molière-Stück sowie die Bitte um ein handgezeichnet wirkendes Aufführungsplakat.
Der Bund der Freien Waldorfschulen reagierte scharf auf den Vorfall. Vorstandsmitglied Nele Auschra bezeichnete die Symbolsprache des Bildes als der klassischen antisemitischen Ikonografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entsprechend und damit als absolut inakzeptabel. Sie widerspreche sämtlichen ethischen Grundlagen der Waldorfpädagogik.
Man stehe inzwischen im Austausch mit der Schule, hieß es. Zudem sollen die Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg sowie eine eigene Fachstelle für Antisemitismus, Rassismus und Extremismus bei der Aufarbeitung unterstützen – etwa durch Sensibilisierung des Kollegiums und Gespräche mit der betroffenen Klasse. Auch mögliche Prüfverfahren vor künftigen Veröffentlichungen von Bild- und Textmaterial wurden angekündigt.
Sichtbare Gefahr
Die Schule selbst verweist darauf, dass Aufklärung über den Nationalsozialismus und den Holocaust fest im Lehrplan verankert sei, einschließlich jährlicher Besuche von KZ-Gedenkstätten für die elfte Klasse. In den kommenden Wochen seien Veranstaltungen zu Propaganda und Desinformation in der NS-Zeit sowie zu zeitgenössischem jüdischem Leben in Deutschland geplant.
Der Bund erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die sogenannte Stuttgarter Erklärung, mit der sich die Waldorfschulen 2007 von jeder Form der Diskriminierung distanzierten – eine Reaktion auf rassistische Passagen im Werk des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner.
Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs zeigte sich gegenüber dem zurückgezogenen Motiv gelassener. Vorstandsmitglied Mihail Rubinstein betonte laut dem »Welt«-Bericht, das Plakat sei »sicher nicht antisemitisch« gewesen, und wünschte den Schülern für ihre Aufführungen viel Erfolg. Zugleich mahnte er, der Fall mache eindrucksvoll eine Gefahr sichtbar: Künstliche Intelligenz könne nicht nur medizinisch nützliche Muster erkennen, sondern auch tief verwurzelte kulturelle Vorurteile und Stereotype unbeabsichtigt reproduzieren – und damit aus alten Zerrbildern neue erschaffen, ohne dass sich Realität und Täuschung noch unterscheiden ließen. im