Verbundenheit

Chanukka und Advent: Licht gegen den Hass

Sowohl Chanukka-Leuchter als auch die Lichter der Weihnachtszeit sollen in der Öffentlichkeit stehen. Foto: picture alliance

Wie schrecklich, dass Jüdinnen und Juden weltweit wieder um ihre Sicherheit bangen müssen. Es macht mein Herz schwer, dass ausgerechnet zu Beginn von Chanukka ein so abscheulicher Anschlag auf die jüdische Gemeinde in Australien erfolgte. Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Freundinnen und Freunde wurden am Bondi Beach aus dem Leben gerissen.

Wir beten in tiefer Verbundenheit für sie, für ihre Angehörigen und die Genesung der Verletzten. So viele sind an Leib und Seele verletzt. Wir beten auch, dass uns diese Tat nicht auseinandertreibt, sondern jetzt erst recht zusammenstehen lässt.

Israelbezogene Judenfeindschaft bedroht jüdisches Leben im Alltag

Offene und gewaltsame Formen des Antisemitismus, besonders in Gestalt israelbezogener Judenfeindschaft, treten weltweit deutlich zutage und bedrohen jüdisches Leben im Alltag und im öffentlichen Raum. In aller Schärfe verurteilen wir als evangelische Kirche jegliche Form von Antisemitismus – heute, immer wieder und in Zukunft. Gerade in solchen dunklen Momenten wird uns bewusst, wie wichtig die Zeichen des Lichts sind, die auch im Schweigen und der Sprachlosigkeit angesichts des Grauens Hoffnung und Zusammenhalt schenken.

Es ist inzwischen eine liebgewonnene Tradition in vielen Städten geworden, just in der Adventszeit öffentlich den Chanukkaleuchter zu entzünden. Licht für diese Welt – allem Schmerz und Hass zum Trotz. Mich rührt diese Zeremonie immer sehr an. Weil sie verbunden ist mit feierlichem Gesang, vitaler Freude und Segensgebet für die Stadt. Und weil sowohl Advent als auch Chanukka geprägt sind von der Symbolik des Lichtes, das hoffnungstrotzig in unsere verdunkelte und verwundete Welt hineinleuchtet. Mitten hinein auch in den Trubel der vorweihnachtlichen Zeit auf unseren Plätzen und Straßen.

Was haben Chanukka und die Adventszeit, was haben Chanukka und Weihnachten, die im Jahreszyklus so eng beieinanderliegen, gemeinsam? Vier Aspekte sind mir in diesen Tagen besonders wichtig.

»Liebe jüdische Geschwister, seien Sie versichert: Wir als evangelische Kirche stehen fest an Ihrer Seite.«

Kirsten Fehrs, EKD-Ratsvorsitzende

Da ist erstens die Zeitspanne der beiden Feste. Chanukka dauert acht Tage. An jedem Tag wird an dem achtarmigen Leuchter eine weitere Kerze angezündet. Tag für Tag wird es immer heller in unserer von Finsternis bedrohten Welt. Auch wenn der Adventskranz im Vergleich zum Chanukka-Fest nur auf eine sehr kurze Tradition im Christentum zurückblicken kann, erleben wir hier Ähnliches. An jedem der vier Adventssonntage kommt eine weitere Kerze hinzu. Und zu Weihnachten erhellt das Licht in der Krippe die ganze Welt. Das Erinnern an Gottes Wohltaten und das Weitererzählen der biblischen Geschichten brauchen Zeit. Feste unterbrechen unseren hektischen Alltag und entfalten so im Hören auf die Erzählungen, im Gesang und im Gebet ihre heilsame Wirkung – Leuchtpunkte für Wunder.

Das Licht stellt Christen beharrlich an die Seite von Juden

Da ist zweitens das Licht. Es erhellt unsere dunkle Welt, verspricht Freiheit und Gerechtigkeit und Frieden. Dieses Licht will bei den Menschen sein, die voller Trauer ihre Nächsten beweinen, die Opfer von Terror und Krieg geworden sind. Dieses Licht stellt Christinnen und Christen beharrlich an die Seite von Jüdinnen und Juden, die auch hier in Deutschland unter einem neuen Maß an Hass und Gleichgültigkeit leiden.

Angesichts des Chanukka-Festes gestehen wir erneut unser Versagen und unsere Schuld ein, als Kirche jahrhundertelang antisemitischen Lügen Vorschub geleistet zu haben. Voller Demut bekennen wir uns zu diesem milden Hoffnungslicht. Zaghaft, aber unauslöschlich leuchtet es gegen das infernale Dunkel von Pogromen an. Im Lichte von Chanukka und von Weihnachten wird dies offenbar. Seien Sie, liebe jüdische Geschwister, versichert: Wir als evangelische Kirche stehen fest an Ihrer Seite. Entschieden und mit vereinten Kräften setzen wir uns für ein sicheres und freies jüdisches Leben in Deutschland ein.

Weihnachten und Chanukka erinnern uns an das Eingreifen Gottes

Da ist drittens das Wunder. Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels im Jahr 164 v.d.Z. Recht wurde wieder aufgerichtet, die Unterdrückung des jüdischen Volkes beseitigt und der Tempel gereinigt. Chanukka feiert die Rückkehr zur religiösen Selbstbestimmung und die Hoffnung auf Zukunft. Die durch den Menschen und sein Machtstreben beschädigte Ordnung Gottes wird wiederhergestellt.

Im Al-HaNissim-Gebet heißt es: »Du gabst die Starken in die Hand der Schwachen.« Ein Gebet und eine Ermutigung. Auch Marias Lobgesang aus dem Lukasevangelium bezeugt: Gott »stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen«. Advent und Weihnachten wie das Chanukka-Fest erinnern uns an das Eingreifen Gottes. Gott kennt die Wunden – und verbindet sie: Was für ein Wunder! Darauf dürfen wir hoffen: persönlich und für die Welt.

Chanukkia und die Lichter des Advents stehen auf öffentlichen Plätzen

Da ist viertens die öffentliche Dimension dieser Feste. Das Licht kann nicht bei sich bleiben. Die Chanukka-Leuchter stehen wie die Lichter des Advents und der Weihnachtszeit in den Fenstern der Wohnungen und auf öffentlichen Plätzen. Unsere Welt braucht solche Ermutigungen.

Und da ist fünftens ein Fest besonders für Familien und Kinder. Christinnen und Christen erwarten in diesen Tagen das Wunder der Geburt Jesu. Während die jüdischen Feste sich immer auch besonders um Familie und Kinder drehen, werden diese nun gerade im Zeichen des Lichts zu Weihnachten und Chanukka reichlich beschenkt. Denn in jedem Kind lebt die Hoffnung darauf, dass es weiter geht, dass alles neu wird.

Mir bedeutet dieses gemeinsame Innehalten inmitten unserer erneut verwundeten Welt sehr viel. Denn dieser warme Kerzenschein in der Dunkelheit der Welt, das Wunder der Nähe des Ewigen hier bei uns und das Weitertragen dieser Botschaft sind Trost und Ermutigung für alle Menschen.

Chag Chanukka sameach!

Die Autorin ist Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

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