Rias-Antisemitismusbericht

Bitterer Alltag

Demonstration gegen Antisemitismus, antisemitische Anfeindungen und Ausgrenzung in Freiburg. Foto: picture alliance / Winfried Rothermel

In einer Erfurter Straßenbahn wird ein Mann mit einer Davidstern-Kette von einem anderen Passagier beschimpft und verprügelt. In München schlagen zwei Passanten einen Mann, der ein T-Shirt mit aufgedrucktem Davidstern trägt. In Hessen brüllt ein Mann einem Rabbiner beim Einkaufen im Supermarkt »Free Palestine« entgegen und schubst ihn.

Drei Beispiele aus dem Jahresbericht »Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025« des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias). Insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle hat das Netzwerk im vergangenen Jahr erfasst – von »verletzendem Verhalten« bis zu extremer Gewalt, von »israelbezogenem Antisemitismus« bis zu rechtsextremer Geschichtsleugnung, ob im Internet oder im täglichen Leben.

»Antisemitismus droht, sich zu normalisieren.«

»Antisemitismus droht, sich zu normalisieren.« Mit diesen Worten warnte Rias-Geschäftsführer Benjamin Steinitz bei der Vorstellung der Zahlen. »Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass sich die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft an das erschreckende Ausmaß des Antisemitismus gewöhnt hat.« Der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus, Felix Klein, sagte, Antisemitismus sei für viele Jüdinnen und Juden »bitterer Alltag«. »Und genau das darf unsere Gesellschaft nicht länger hinnehmen.«

Die Zahlen stagnieren auf hohem Niveau

Rias ist ein Netzwerk von Meldestellen für Betroffene oder Zeugen. Erfasst werden also nicht nur strafbare Taten wie Angriffe, Bedrohungen oder Beleidigungen, sondern auch verletzende Äußerungen und Vorfälle. 2025 wurden insgesamt fast exakt so viele Fälle registriert wie 2024.

Dabei zeigt sich in einigen Kategorien ein Rückgang: Rias dokumentiert vier Fälle »extremer Gewalt« – im Vergleich zu acht Fällen im Jahr davor. Darunter war 2025 etwa der Angriff eines Islamisten auf einen Touristen am Holocaust-Mahnmal in Berlin, wo der Täter Juden vermutete. Dazu kamen 178 andere Angriffe (2024: 187), 257 Bedrohungen (302) und 413 gezielte Sachbeschädigungen (447).

Mehr Fälle entfielen hingegen auf die Kategorie »verletzendes Verhalten«, etwa Pöbeleien oder Schmierereien: 2025 waren es 7.770 nach 7.593 im Jahr davor. Auch im Internet nimmt Judenhass weiter zu: 2.314 auf einzelne Menschen oder Institutionen bezogene Vorfälle spielten sich online ab (2024: 1.984).

All diese Zahlen liegen deutlich über dem Niveau vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Zum Vergleich: 2022 registrierte Rias insgesamt 2.610 Vorfälle, darunter 2.007 Fälle von »verletzendem Verhalten«.

Nahost-Konflikt prägt die meisten Vorfälle

Bei der Definition von Antisemitismus folgt Rias der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Demnach können auch Anfeindungen gegen Israel antisemitisch sein, sofern sie den Staat dämonisieren, delegitimieren oder sein Existenzrecht bestreiten. Die starke Zunahme der registrierten Vorfälle seit 2023 geht auch darauf zurück.

»Die Geschehnisse im Nahen Osten, der Krieg in Gaza, das hat direkte Auswirkungen auf Antisemitismus in Deutschland«, sagte Felix Klein. Für das vergangene Jahr qualifiziert Rias insgesamt 5.916 Fälle – wie 2024 sind das 68 Prozent aller registrierten Vorfälle – als »israelbezogenen Antisemitismus«.

Das Netzwerk wird dafür bisweilen kritisiert, die Definition zu weit zu fassen und etwa Slogans auf propalästinensischen Demonstrationen mitzuzählen. Klein hält dagegen, vieles sei eindeutig. Rias nennt Drohungen wie »Zionazis töten« oder »Kill all Juice«. Ein Jude aus Jena erhielt auf Facebook die Nachricht: »Hi benzona zio oinker. Don’t worry, you’ll be back in Auschwitz soon.«

Rechtsextreme Vorfälle nehmen zu

Die Zahl der Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund stieg laut Rias deutlich von 562 auf 807. So erhielt in Baden-Württemberg ein Verein, der an eine von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge erinnert, eine E-Mail mit dem Wortlaut: »ich bin ein stolzer SOLDAT aus Österreich, morgen um 11 Uhr werde ich euch Besuchen, mein Gewehr will sich mit euch Unterhalten. Scheiß Juden SIEG HEIL.«

Bei einer Busfahrt in Mecklenburg-Vorpommern riefen Rechtsextremisten: »Juden an die Wand!« In Magdeburg sprach ein Redner von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung, die das deutsche Volk zersetzen solle. In Thüringen sagte ein Rechtsextremer zu Konzertbesuchern: »Ich hoffe, dass ihr in die Gaskammer kommt.«

Laut Rias waren insgesamt 1.849 Menschen von den im Jahresbericht dokumentierten Vorfällen betroffen. Davon waren 852 jüdische oder israelische Personen, hinzu kamen 345 Menschen, die »als jüdisch oder israelisch adressiert wurden«. Antisemitisch beschimpft oder attackiert wurden aber auch politische Gegner, Menschen in Gedenkinitiativen, Antisemitismusbeauftragte oder nicht-jüdische Unbeteiligte.

Klein betonte, Antisemitismus bedrohe nicht nur Jüdinnen und Juden. »Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik.« Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs griff dies im »Tagesspiegel« auf und sagte: »Wir rufen insbesondere alle Christinnen und Christen zu sichtbarer Solidarität mit unseren jüdischen Geschwistern auf.«

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