Antisemitismus

Berliner Modell

Alltäglicher Antisemitismus, der kaum noch auffällt: Hakenkreuze auf einem Stromverteilerkasten Foto: dpa

Die drei Männer waren sichtlich angetrunken, als der 38-jährige Israeli, der eine Kippa trug, mit Freunden vorbeiging. »Da sind schon wieder ein paar von diesen Drecksjuden«, grölten die Besoffenen. »Scheiß-Juden, dass ihr euch immer noch in unser Land traut.« Passanten blieben teilnahmslos. Dann flogen Flaschen, die die Touristen trafen.

dokumentation Dieser Angriff findet sich weder in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) noch in der Erfassung von Politisch motivierter Kriminalität (PMK). Dokumentiert hat sie jedoch die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin (RIAS). Das 2015 gegründete Projekt registrierte seither mehr als 405 Vorfälle. 236 waren mit Angriffen, massiver Bedrohung, Beleidigung und Pöbelei verbunden. Doch auch Klebezettel oder Parolen, Flugblätter und Schmierereien werden über das mehrsprachige Online-Portal
www.report-antisemitism.de und über soziale Medien wie Facebook oder Twitter gemeldet.

Mit wenigen Klicks können Betroffene oder Personen, denen solche Schmierereien, Aktivitäten oder auch Posts im Internet auffallen, zum Meldeformular in Deutsch, Englisch und Russisch gelangen.

Die Plattform bietet »ein niederschwelliges Angebot für Menschen, die Antisemitismus erlebt haben oder auch antisemitische Alltagserfahrung gemacht haben«, resümiert Benjamin Steinitz, Projektkoordinator von RIAS. »Im Gegensatz zur Polizei bekommen wir auch Kontakt zu denen, die keine offizielle Anzeige machen wollen.« Oder die sich auf der ausschließlich deutschsprachigen Webseite der »Internetwache Polizei Berlin« nicht zurechtfinden.

gleisdreieck Wie im Mai dieses Jahres, als eine nur englisch- und russischsprechende Jüdin mit RIAS Kontakt aufnahm. Sie hatte in einem Plastikbeutel im Park am Gleisdreieck in Berlin-Kreuzberg antisemitische Karikaturen und etwa 30 CDs »zum Mitnehmen« mit einschlägigem Inhalt gefunden. RIAS half bei der Strafanzeige. Darüber hinaus vermittelt der Verein Opfern auch psychologische Betreuung.

Um Falschmeldungen zu verhindern, recherchieren der 33-jährige Sozialwissenschaftler Steinitz und sein Kollege alle Fälle nach. Zwar werden anonyme Meldungen aufgenommen, »aber nur Ereignisse, die aufgrund eines direkten Kontaktes mit dem Melder oder der Melderin von uns verifizierbar sind, werden publiziert«, erläutert Steinitz die Arbeitsweise.

Die Qualität und Zuverlässigkeit der RIAS-Arbeit ist auch der Polizei aufgefallen. Kriminalrat Müller, Leiter der Auswerteeinheit im »Dezernat für politisch motivierte Kriminalität rechts« beim Landeskriminalamt Berlin, hat mit Steinitz zusammen die polizeilich bekannt gewordenen Fälle abgeglichen. »Zwei Drittel der von RIAS uns vorgelegten Fälle waren noch nicht polizeilich bekannt oder angezeigt«, berichtet der Kriminalrat. Das Manko soll künftig mit einem regelmäßigen Abgleich zwischen RIAS und LKA-Statistikern verkleinert werden.

definition Würde die Polizei sich an der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance orientieren, die Antisemitismus als »eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann«, versteht, wie es die britische Polizei bereits tut, »wäre die Fallzahl auch in der offiziellen Statistik deutlich höher«, vermutet Steinitz.

Das Berliner Projekt macht mittlerweile Schule. Demnächst sollen in anderen Bundesländern Informationsstellen entstehen, die nach der Methodik von RIAS arbeiten. Der Zentralrat der Juden begrüßt die Initiative. »Viele Menschen, die Judenhass erleben oder beobachten, scheuen sich vor einem meist komplizierten Behördengang«, betont der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster.

Diplomatie

Malaysias Premier verteidigt Drohung, alle Israelis abzuschieben

Mehrere US-Abgeordnete haben Außenminister Marco Rubio aufgefordert, Malaysia wegen der jüngsten Äußerungen von Regierungschef Anwar Ibrahim Fördermittel zu streichen

 23.07.2026

Naher Osten

Trump: Atom-Deal nur bei saudischer Anerkennung Israels

Washington und Riad stehen kurz vor einem Atomabkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Doch jetzt hat Donald Trump eine neue Bedingung gestellt

 23.07.2026

Würzburg

Schuster kommt zur Kundgebung gegen antisemitische Angriffe

Organisiert wird die Demonstration von der DIG Würzburg, dessen Mitglied das 65-jährige Opfer der jüngsten Attacke in Höchberg ist

 23.07.2026

Handelspolitik

Belgien und Niederlande verbieten Einfuhren aus Siedlungen

Die Regierungen in Brüssel und Den Haag haben ihre Ankündigung wahrgemacht, die Einfuhr von Waren aus den seit 1967 von Israel besetzen Gebieten zu untersagen, sofern sie von Israelis produziert werden

 23.07.2026

Genf/Berlin

Streit zwischen Rosa Luxemburg Stiftung und UN Watch

Die der Partei »Die Linke« nahestehende Stiftung wirft der Genfer NGO vor, in Berlin »die wildesten Verleumdungen gegen die UNRWA« verbreitet zu haben. UN Watch kontert mit Video-Beleg

von Imanuel Marcus  23.07.2026

Essay

Gedenken ohne Juden

Die Erinnerungskultur macht den Holocaust zunehmend zu einer allgemeinen Mahnung gegen Intoleranz und verliert dabei die jüdischen Opfer aus dem Blick

von Gunda Trepp  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026

Washington D.C./Riad

»Schreckliche Idee«: Kritik an US-Atomdeal mit Saudi-Arabien

Während des Iran-Kriegs, der sich auch um das iranische Atomprogramm dreht, verkünden die USA eine Einigung mit Saudi-Arabien. Experten fürchten ein atomares Wettrüsten in einer instabilen Region

von Johannes Sadek, Franziska Spiecker, Jörg Vogelsänger  23.07.2026

Nahost

USA setzen über Iran B-1-Bomber ein

Im Visier standen Einrichtungen der iranischen Marine, Lager für Raketen und Drohnen, Küstenüberwachungssysteme sowie Luftverteidigungsanlagen

 23.07.2026