Kommentar

Berlin liebt dich nicht

Jedes Jahr das gleiche Szenario: Am Nachmittag des 31. Dezember verrammeln wir Fenster und Türen, und dann lenken wir uns ab von der anschwellenden Lust Berlins, Krieg zu spielen.

Ab 18 Uhr senkt sich das Dauerwummern leichter und mittelschwerer Geschosse über die Stadt, durchsprengt von schweren Explosionsgeräuschen. Ab Mitternacht dann eine Stunde Inferno. Berlins alljährliche Böllerschlacht. Die niemand will außer die, die durchknallen, und die, die daran verdienen. Im vergangenen Jahr sollen es mehr als 197 Millionen Euro gewesen sein - für eine verdammte Nacht. Von unserem Wohnzimmerfenster aus kann man die Straße im Rauch und Ruß kaum noch sehen.

Dabei nahmen viele Berliner an, dass sich nach dem Silvesterterror 2024/25 etwas grundlegend ändern würde, als Kugelbomben einen ganzen Häuserzug entglasten und Menschen plötzlich auf der Straße saßen, als Wohnungen ausbrannten und ein siebenjähriges Kind monatelang im Koma lag, und Menschen – wie immer zu Silvester – Hände und Augen verloren. Tat es aber nicht.

»Fehlende Finger, blutende Augen, verbrannte Gesichter«

Der Jahreswechsel 2025/2026 war wie immer: Aggression und Destruktion pur. Das erste Bölleropfer ist ein Kind. Sieben weitere sollten folgen. Mehrere davon fürs Leben gezeichnet. In den Berliner Krankenhäusern herrscht »Großschadenslage«. Dutzende Schwerverletzte, »fehlende Finger, blutende Augen, verbrannte Gesichter, verletzte Köpfe«, bilanziert der »Tagesspiegel«. Draußen brennt und knallt es währenddessen weiter.

Polizisten und Feuerwehrleute werden von Mobs angegriffen, 50 brennende Autos, brennende Fassaden und ganze Häuser, mehr toxischer Feinstaub in der Luft als sonst im Jahr, Tiere draußen und drinnen in Panik, so wie all die Menschen, die in der Nacht arbeiten und durch den Böllerkrieg müssen. Dass es in Berlin Menschen gibt, die realen Krieg erlebt haben, und deren Traumata im Böllerhagel erwachen? Geschenkt. Außer man lebt mit einem zusammen.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und Innensenatorin Iris Spranger zogen eine positive Bilanz, heißt es am Neujahrstag. Na, herzlichen Glückwunsch. »Wir haben ja auch eine Anschnallpflicht, warum darf man weiterhin böllern?«, fragt eine Handchirurgin im Unfallkrankenhaus Berlin. Ja, warum eigentlich?

Dialog

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