Israels Außenministerium hat am Sonntag auf einen Enthüllungsbericht der Tageszeitung »The Australian« aufmerksam gemacht, der ein alarmierendes Muster antisemitischer Vorfälle im australischen Gesundheitssystem dokumentiert. Das Ministerium bezeichnete die Recherche als »zutiefst beunruhigendes Bild«, das ein »Weckruf« sein müsse, und forderte die australische Regierung auf, entschieden gegen Antisemitismus vorzugehen.
In einer Mitteilung hieß es: »Kein Jude sollte sich jemals gezwungen sehen, seine Identität zu verbergen, um in einem australischen Krankenhaus medizinisch versorgt zu werden.«
Grundlage der Recherche der Journalistin Megan Goldin sind Gespräche mit 30 Ärztinnen, Ärzten, Hebammen und weiterem medizinischem Personal. Übereinstimmend berichteten sie, dass israelfeindlich eingestellte Beschäftigte seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 Kliniken und Krankenhäuser zunehmend in »ideologische Kriegsschauplätze statt sichere Orte« verwandelt hätten.
Durchgestrichener Davidstern
Als besonders symptomatisch gilt der Fall von Elon Glassberg, dem ehemaligen Chefmediziner der israelischen Armee (IDF): Sein geplanter Auftritt bei einer Medizinerkonferenz in Perth wurde im vergangenen Jahr abgesagt, nachdem israelfeindliche Ärzte- und Pflegegruppen mit Protesten gedroht hatten.
Goldin beschreibt dies als eines von zahlreichen prominenten Beispielen für eine Entwicklung, die unmittelbar nach dem 7. Oktober begann: »Israelfeindlicher Aktivismus begann fast unmittelbar nach dem Massaker vom 7. Oktober, als die Proteste, die sich in australischen Städten entluden, auch auf die Stationen und Personalräume von Krankenhäusern in Melbourne, Sydney und anderen Landeshauptstädten übergriffen.«
Bereits in den Stunden nach dem Massaker erschienen Mitarbeiter mit Protestsymbolen zum Dienst. Flure und Sanitärräume wurden mit Aufklebern versehen, darunter ein durchgestrichener Davidstern.
Aufkleber am Sterbebett
Besonders erschütternd ist ein Vorfall, den Goldin aus dem Alfred Hospital in Melbourne schildert – einer Klinik, die selbst erhebliche Spenden von jüdischen Philanthropen erhalten hat. Dort seien solche Aufkleber an der Bettwand eines älteren jüdischen Patienten angebracht, der wenige Stunden später starb.
Auch im Netz häuften sich antisemitische Äußerungen und Sympathiebekundungen für Terrororganisationen unter Klinikpersonal. Die jüdische Kinderneurologin Carly Debinski, die mittlerweile nach Israel ausgewandert ist, erinnert sich: »Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte posteten Nazi-Symbole und kleine Karikaturen von Juden, verwendeten dabei aber das Wort ›Zionist‹ statt ›Jude‹. Sie waren dabei so selbstgerecht und geradezu besessen davon, Juden zu verunglimpfen.«
Fast drei Jahre nach dem Massaker hält die Welle an Hetze im Internet unverändert an. Jüdische Mitglieder von Facebook-Gruppen würden ausgeschlossen oder angefeindet, sobald sie die israelischen Geiseln oder die Gräueltaten vom 7. Oktober thematisierten, heißt es in dem Bericht.
Zweierlei Maß
Eine Krankenpflegerin auf einer Melbourner Intensivstation, die laut »The Australian« anonym bleiben wollte, kündigte nach über zehn Dienstjahren, weil die Klinikleitung sich weigerte, gegen entsprechende Hetze unter Kolleginnen und Kollegen im Netz vorzugehen. Ihre Einschätzung: »Wenn diese Leute bereit sind, so etwas in sozialen Netzwerken zu teilen, kann man sich vorstellen, wie sie einer jüdischen Patientin oder einem Patienten von Angesicht zu Angesicht begegnen.«
Der Bericht dokumentiert auch gravierende Fälle von Ungleichbehandlung durch die Personalabteilungen. An einer Lehrklinik in Melbourne wurde eine jüdische Mitarbeiterin von einer irischstämmigen Kollegin körperlich bedrängt und zu einer Entschuldigung für den Gaza-Krieg gedrängt – die Personalabteilung weigerte sich, der Beschwerde nachzugehen. Wenige Wochen zuvor hatte dieselbe Abteilung noch eine andere Mitarbeiterin versetzt, weil diese einen ausländischen Akzent nachgeahmt hatte.
Auch eine Beschwerde gegen einen Arzt, der Jüdinnen und Juden online als »verhasster Abschaum« bezeichnet und ein Hitler-Zitat gepostet hatte, blieb folgenlos. Weitere Beschwerden gegen Mediziner mit antisemitischen oder Pro-Hamas-Inhalten wurden ebenfalls ohne Konsequenzen zu den Akten gelegt.
Schmerzhafte Venenpunktionen
»The Australian« fasst dieses Muster so zusammen: »Dieses Muster wiederholte sich im ganzen Land: Krankenhäuser und Aufsichtsbehörden im Gesundheitswesen tolerierten Verhalten gegenüber Juden, das bei jeder anderen Minderheit disziplinarische Konsequenzen nach sich gezogen hätte.« Die Hebamme Sharon Stoliar berichtete zudem, dieselbe Aufsichtsbehörde AHPRA, die antisemitische und pro-terroristische Beiträge ignoriert habe, sei gegen jüdisches Personal bei »haltlosen Beschwerden« durchaus aktiv geworden.
Mehrere Betroffene berichten von auffällig häufigen Fehlversuchen bei intravenösen Zugängen. Charlotte Frajman, 64 Jahre alt und Tochter einer Auschwitz-Überlebenden, schilderte, wie sich das Verhalten eines muslimischen Pflegers änderte, sobald er ihre jüdische Konfession in den Unterlagen sah: »Als es darum ging, die Kanüle zu legen, brauchte er vier Versuche. Es war unglaublich schmerzhaft. Ich hatte wochenlang blaue Flecken. Man hätte meinen können, er sei ein Auszubildender und nicht die leitende Pflegekraft.«
Erst als 2025 bekannt wurde, dass zwei muslimische Pflegerinnen am Bankstown-Lidcombe Hospital in Sydney wegen antisemitischer Drohungen gegen israelische Patienten festgenommen worden waren, ordnete Frajman ihre eigenen Erfahrungen neu ein. Im Juni entschied ein Gericht, das Videomaterial in diesem Fall für unzulässig zu erklären. Eine Verurteilung gilt seitdem als unwahrscheinlich. Frajman zieht daraus eine bittere Konsequenz: »Wenn ich meine jüdische Religion nicht in meiner Krankenakte haben darf, dann ist es Zeit, Australien zu verlassen, denn wir sind hier nicht mehr sicher.«
Ausgrenzung durch Kommilitonen
Die auf Antisemitismus-Betroffene spezialisierte psychiatrische Pflegekraft Nurit Hadad aus New South Wales bestätigt das Muster: »Die Sache mit den Nadeln, das ist eine Geschichte, die sich immer wiederholt. Das ist der einfachste Weg, Menschen zu verletzen. Sie sagen: ›Ich habe mein Bestes versucht, aber ich konnte einfach keine Vene finden.‹«
Auch Orit Brand erlebte in einer Melbourner Klinik acht erfolglose Versuche durch eine Kopftuch tragende Radiologie-Assistentin, ehe eine andere Fachkraft den Zugang beim ersten Versuch schmerzfrei legte. Klinikinterne Richtlinien sehen eigentlich maximal zwei Versuche durch dieselbe Person vor.
Jüdische Medizinstudierende berichten von Ausgrenzung durch Kommilitonen. Viele wollten aus Sorge um ihre Sicherheit und Karriere anonym bleiben. Besonders ausgeprägt sei das Problem im psychiatrischen Bereich, so »The Australian«: Eine Psychotherapeutin aus Queensland forderte in einem Beitrag Israelis auf, sich das Leben zu nehmen, während ein Hochschullehrer der Psychiatrie an einer australischen Universität die Warteschlangen an Essensausgaben in Gaza mit den Gaskammern des Holocaust verglich. im