#BTW17

»Bei uns ist der Ton aggressiver«

Antonia Yamin Foto: Yariv Katz

#BTW17

»Bei uns ist der Ton aggressiver«

Antonia Yamin über den Bundestagswahlkampf aus israelischer Perspektive

von Ralf Balke  18.09.2017 10:59 Uhr

Frau Yamin, was sind aus Ihrer Sicht die großen Unterschiede zwischen einem Wahlkampf in Israel und in Deutschland?
Bundestagswahlen finden in Deutschland alle vier Jahre statt. In Israel dagegen halten die wenigsten Regierungskoalitionen eine ganze Legislaturperiode, weshalb viel öfter gewählt wird. Zudem zeigen deutsche Politiker eine größere Bereitschaft, mit allen Medien zu sprechen. In Israel ist das anders, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab beispielsweise nur denen ein Interview, die ihm wohlgesinnt waren. Kritischen dagegen nicht.

Gibt es in Israel Fernsehduelle zwischen den Spitzenkandidaten wie jüngst zwischen Angela Merkel und Martin Schulz?
Bei den jüngsten Wahlen zur Knesset gab es im Fernsehen nur eine Begegnung zwischen den Spitzenkandidaten. Diese sah völlig anders aus und war nicht wirklich ein Duell. Während Oppositionsführer Isaac Herzog in einem Fernsehstudio saß, wurde Amtsinhaber Netanjahu nur via Monitor zugeschaltet. Und wie in den USA ist auch in Israel der Ton deutlich aggressiver als in Deutschland. Bei der TV-Begegnung Merkel–Schulz ging es beispielsweise darum, wer zuletzt wann und warum in einer Kirche gewesen ist. Die Kontrahenten gehen sehr viel zurückhaltender und freundlicher miteinander um.

Erscheint der deutsche Wahlkampf Israelis daher vielleicht langweiliger?
Offene Konfrontationen, in denen es verbal hart zur Sache geht, scheinen hierzulande nicht gut anzukommen. Das mag für Außenstehende manchmal langweilig aussehen. Hinzu kommt noch die deutsche Besonderheit, das Privatleben der Kandidaten im Wahlkampf größtenteils auszuklammern. Das wäre in einem so kleinen Land wie Israel, wo eigentlich jeder jeden kennt, ziemlich unmöglich.

Wird der Wahlkampf in Israel emotionaler und leidenschaftlicher geführt als hierzulande?
Wahrscheinlich schon. Das hat aber auch viel mit den Themen zu tun, die diskutiert werden. In Deutschland stehen die Wirtschaft, die Zukunft der EU oder die Frage im Umgang mit den Flüchtlingen im Vordergrund. In Israel dagegen dominiert aufgrund des andauernden Konflikts mit den Palästinensern oder dem Iran eindeutig das Thema Sicherheit die Debatten. Aber angesichts der jüngsten Anschläge hierzulande rückt es aber auch hier auf der Agenda stark nach oben.

In Deutschland wächst die Zahl der Nichtwähler. Gelingt es in Israel den Parteien besser, ihre Klientel zu mobilisieren?
Anders als in Deutschland gibt es zwei Gruppen, die traditionell eher nicht wählen gehen: die israelischen Araber sowie die Charedim. Bei den letzten Knessetwahlen versuchte Netanjahu beispielsweise allein durch die Verbreitung des Gerüchts, dass die israelischen Araber massenweise mit Bussen, die von linken NGOs gechartert wurden, zu den Wahlurnen strömen würden, seine Klientel zu mobilisieren.

Mit der Europa-Korrespondentin des israelischen Senders »Kan« sprach Ralf Balke.

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