Meinung

Bei Reichsbürgern wird Gefahr bagatellisiert

Johannes Sarcher arbeitet beim American Jewish Committee Berlin. Foto: privat

Meinung

Bei Reichsbürgern wird Gefahr bagatellisiert

Ein Weltbild muss nicht logisch sein, damit von ihm eine echte Bedrohung für Menschen ausgeht, findet unser Autor

von Johannes Sarcher  18.01.2023 16:30 Uhr

Es war Anfang Dezember die bestimmende Nachricht in Deutschland: Eine Gruppe aus Reichsbürgern und Verschwörungsideologen plante laut Sicherheitsbehörden einen Staatsstreich, der mit Waffengewalt durchgesetzt werden sollte.

Zu Beginn der Razzien und Festnahmen dominierte eine sensationsgetriebene Berichterstattung. Nun, mehr als einen Monat später, mehren sich Stimmen, die die Gruppe als skurrile Spinner verharmlosen. Dem muss widersprochen werden.

Ideologie Um die Gefahr verstehen zu können, die vom Milieu der Beschuldigten ausgeht, lohnt es sich, die Ideologie der Reichsbürger näher zu betrachten: Rassismus, Antisemitismus und eine aggressive Ablehnung der liberalen Demokratie, gepaart mit einer Affinität zu Waffen und einem jahrelangen Predigen des Umsturzes an einem herbeigesehnten Tag X, bilden eine Mischung, die aus sich heraus zur Gewalt drängt. Experten warnen daher seit Jahren eindringlich davor, die Gefahr zu ignorieren oder zu unterschätzen.

Die Perspektive von möglichen Betroffenen rechten Terrors wird ausgeblendet.

Im aktuellen Fall wird die Gefahr bagatellisiert, indem betont wird, die Gruppe wäre nicht zu einem Staatsstreich in der Lage gewesen. Dass sich der deutsche Staat nicht durch einen Anschlag aus den Angeln heben lässt, ist eine Banalität– die Perspektive von möglichen Betroffenen rechten Terrors wird dabei aber ausgeblendet.

Eine Verknüpfung der vermeintlichen Skurrilität der Gruppe mit ihrer (Nicht-)Gefahr zeugt vor allem von einer Unkenntnis der verschwörungsideologischen Szene. Ein Weltbild muss von außen nicht logisch erscheinen, damit davon Gefahr ausgeht. Eines haben die Manifeste der Attentäter von Halle und Hanau gezeigt: Stringent waren sie vor allem in ihrem Rassismus, Antisemitismus und Sexismus.

Gewalt Nicht die Möglichkeit eines erfolgreichen Staatsstreiches sollte als Kategorie der Gefahrenbewertung gelten, sondern die Frage danach, zu welchen Gewalttaten dieses Milieu fähig ist. Und hier kann kein Zweifel daran bestehen, dass dieses Potenzial erheblich ist. Betroffene rechter Gewalt können sich den Luxus, drohenden Terrorismus zu bagatellisieren, nicht leisten. Über 200 Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung stellen dies tragisch unter Beweis.

Der Autor ist Associate Policy beim American Jewish Committee Berlin.

Debatte

Zentralrat der Juden positioniert sich zum Thema AfD-Verbot

 05.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026