Buchenwald

»Begegnung mit der Vergangenheit«

Eine weiße Lilie zur Einnerung an die Opfer des Nationalsozialismus: Joachim Gauck am Gedenkzeichen in Buchenwald Foto: dpa

Wir begegnen hier dem schwarzen Loch in der deutschen Nationalgeschichte», sagt Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag, als er vor dem historischen Eingangstor der Gedenkstätte Buchenwald steht. Hier prangt der zynische Spruch im schmiedeeisernen Tor: «Jedem das Seine».

Der Schriftzug ist gerade erst restauriert worden. Seit vergangener Woche hat er wieder die rostrote Farbe von damals, als die Nazis mit der Inschrift ihre Opfer verhöhnten. Wenn die Häftlinge auf dem Appellplatz standen, der direkt an das Tor angrenzt, mussten sie die Schrift lesen. Der Satz stammt aus der Antike und ist im Original eingebettet in ein Credo: «Die Gebote des Rechts sind folgende: Ehrenhaft leben, niemanden verletzen, jedem das Seine gewähren.» Entworfen wurde die Inschrift von dem Buchenwald-Häftling Franz Ehrlich. Sein subtiler Protest fiel den Nazis nicht auf. 250.000 Menschen aus 50 Nationen wurden im KZ Buchenwald gequält, 56.000 von ihnen ermordet.

Für Joachim Gauck ist es nicht der erste Besuch in Buchenwald, aber der erste als deutsches Staatsoberhaupt. Vor zwei Wochen besichtigte er bei seinem Staatsbesuch in Tschechien das ehemalige deutsche KZ Theresienstadt. Für seinen neuerlichen Besuch im einstmals größten KZ der Nationalsozialisten in Deutschland hat sich Joachim Gauck viel Zeit genommen: insgesamt vier Stunden. Nur US-Präsident Barack Obama sei noch eine Stunde länger geblieben, verrät eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte.

zeitzeugen
Begleitet wird Gauck unter anderem von zwei Überlebenden der NS-Konzentrationslager. Eva Pusztai ist heute 89 Jahre alt. Sie überlebte die Hölle von Auschwitz. Bertrand Herz, 84 Jahre alt, kommt aus Frankreich und war einst Häftling in Buchenwald. Heute ist er Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos.

Fünf junge Menschen, die als Freiwillige in Buchenwald arbeiten, gehen mit Joachim Gauck durch das einstige Krematorium und die Effektenkammer, die heute ein Museum beherbergt. Sie sind zwischen 18 und 24 Jahre alt und leben während ihres Aufenthaltes zusammen in einer Wohngemeinschaft. «Diese Zeit ist ungeheuer wichtig», sagt Stefanie Dellemann, die während ihres freiwilligen sozialen Jahres ebenfalls in der Gedenkstätte arbeitete.

Heute ist sie immer noch zweimal in der Woche im Archiv tätig. Wer Fragen zu ehemaligen Häftlingen hat, wendet sich an sie. Auch Schüler sind an diesem Tag in der Gedenkstätte zu Besuch – darunter eine Gruppe von 14- bis 16-jährigen Schülern aus dem brandenburgischen Senftenberg, zusammen mit Gleichaltrigen aus Polen. Barbara Fuchs begleitet die Gruppe als Lehrerin. «Im September waren wir mit unseren Schülern in Polen und haben Auschwitz besichtigt. Jetzt sind wir in Buchenwald», beschreibt sie die Hintergründe der Exkursion.

Speziallager Doch Gauck und die anderen Politiker – darunter auch Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und Christoph Matschie (SPD), Kultusminister und Vorsitzender des Stiftungsrates der Gedenkstätte – besuchen nicht nur das ehemalige KZ der Nationalsozialisten in Buchenwald, sondern auch das sowjetische Speziallager Nr. 2. Hier waren nach der Befreiung ab 1945 insgesamt 28.000 Menschen inhaftiert – neben ehemaligen kleineren und mittleren Funktionsträgern der Nazis auch Unschuldige und Denunzierte. Bis zur Auflösung des Lagers 1950 starben 7000 Menschen vor allem an Krankheiten und Unterernährung.

«Es betrifft mich wie jeden fühlenden Menschen», sagt Gauck zur Nachkriegsgeschichte des Lagers Buchenwald. Sein eigener Vater war 1951 von einem sowjetischen Militärtribunal unter anderem wegen «antisowjetischer Hetze» zu 25 Jahren Gulag verurteilt worden.

schwerpunkt Den Schwerpunkt seines Besuches bildet allerdings das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Schweigend legt der Bundespräsident eine weiße Lilie am Gedenkzeichen unweit des Appellplatzes nieder. Die beiden Überlebenden, die Politiker und die Jugendlichen tun es ihm gleich. Das Gedenkzeichen ist eine Metallplatte, in der die Nationalitäten der Opfer eingraviert sind. Die Mitte dieser Platte ist immer 36,5 Grad warm – die natürliche menschliche Körpertemperatur. «Das ist ein Symbol für uns Menschen», so Rikola-Gunnar Lüttgenau, stellvertretender Stiftungsdirektor.

«Gedenkstätten sind wichtiger denn je», ist Eva Pusztai überzeugt. Sie sagt das während einer einstündigen Gesprächsrunde mit Joachim Gauck. Die Holocaust-Überlebende sorgt sich um ihre Heimat Ungarn, in der 20 Prozent der Abgeordneten im Parlament der rechtsextremen Jobbik-Partei angehören. «Bewahrt und entwickelt die Demokratie», fordert sie beim Gespräch in der ehemaligen Häftlingskantine.

grauen Eva Pusztai ist in Thüringen keine Unbekannte. Im Erinnerungsort «Topf & Söhne» hat sie vor zwei Jahren ihr Buch Die Seele der Dinge vorgestellt. Auch im Rathaus hat sie bereits gesprochen. Ungeachtet ihres Alters ist sie überall in Deutschland unterwegs, um von dem Grauen der Nazizeit zu erzählen. Es gibt nicht mehr viele wie sie.

Die Diskussion mit dem Bundespräsidenten beginnt ohne die üblichen stillen Verlegenheitsminuten. Für den Jenaer Politikstudenten Daniel Schucht ist es «erschreckend, dass in Europa Antisemitismus und Rassismus stärker werden». Auch Volker Land, der Kunstgeschichte studiert, meldet sich zu Wort. Nach seinem Dafürhalten ergibt sich besondere Verantwortung nur «aus der Beschäftigung mit der Schuld, auch wenn es keine persönliche Schuld geben kann».

Credo Für Bundespräsident Joachim Gauck geht es jedoch nicht um einen engen Begriff von Schuld. Es gebe dabei sehr viele Ebenen. «Wir sind es unseren Mitmenschen schuldig, länger hinzuschauen und länger Zeugnis abzulegen», so sein Credo.

Noch einmal ergreift Eva Pusztai das Wort: «Hassen verwirrt die Seele. Man kann mit Hass nicht leben.» Die Überlebende weiß, wovon sie spricht. Als sie in Auschwitz befreit wurde, war sie erfüllt von diesem Gefühl. «Dieser persönliche Hass ist nicht mehr. Dennoch darf es nicht passieren, dass unverurteilte Täter immer noch herumlaufen», wendet sie sich an die jungen Menschen in der Gesprächsrunde. Zwar bekämen die sehr alt gewordenen Täter nun nicht mehr die juristische Strafe, die sie verdient hätten. Umso notwendiger wäre daher eine Verurteilung.

Für Joachim Gauck ist die «Begegnung mit der Vergangenheit immer auch ein Appell». Er sei dankbar, den Tag mit jungen Menschen verbracht zu haben, die sich für die Demokratie engagieren. Und zugleich mit Menschen, denen die Nazis das Recht absprechen wollten, zu leben. Sein Fazit: «Wer hier einen Tag verbringt, ist ganz motiviert, die Demokratie zu schätzen und zu stützen.»

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