Universität Göttingen

Aus für Salzborn

Die Universität Göttingen Foto: dpa

Im Grunde müsste eine Universität glücklich sein, einen Professor wie Samuel Salzborn zu haben. Studenten und Kollegen sind von seiner Arbeit begeistert, der Stiftungsrat der Universität hat ihm einen Preis verliehen, er veröffentlicht viel in angesehenen Fachverlagen, greift in öffentliche Debatten ein und ist zudem im Bereich des Anwerbens von Drittmitteln für einen Sozialwissenschaftler ausgesprochen erfolgreich.

Es war beispielsweise Salzborns Konzept, das das Land Niedersachsen überzeugte, die »wissenschaftliche Dokumentationsstelle zur Analyse und Bewertung von Demokratiefeindlichkeit und politisch motivierter Gewalt in Niedersachsen« an der Universität Göttingen anzusiedeln. 750.000 Euro lässt das Land sich dies kosten.

erstberufung Doch die Georg-August-Universität Göttingen ist anscheinend nicht glücklich, Salzborn als Professor zu haben. Wenn im kommenden Jahr seine befristete Professur ausläuft, soll sie nicht verlängert werden. Nachdem wochenlang über die Gründe spekuliert wurde, reichte die Universitätsleitung eine Begründung nach, um die Debatte zu beenden: Salzborn sei nach Niedersächsischem Hochschulgesetz (NHG) eine »Erstberufung«. »Für diese Erstberufungen ist laut NHG eine Verlängerung nicht möglich.«

Aber genau dieses Gesetz erlaubt zahlreiche Ausnahmen: etwa wenn es um die »Gewinnung herausragend qualifizierter Wissenschaftler« geht. »Wenn Universitäten jemanden behalten wollen, finden sie immer einen Weg«, sagt ein Kollege Salzborns der Jüdischen Allgemeinen. Aber Göttingen will Salzborn offenbar nicht. Weder Proteste des Fakultätsrates und seiner Studenten noch eine Petition, die über 400 Unterstützer fand, darunter namhafte Antisemitismusforscher aus aller Welt, änderten das. Auch der Zentralrat der Juden bedauert, dass »ein auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung ausgewiesener Fachmann nicht weiter die Möglichkeit erhält, an der Universität Göttingen zu lehren«.

burschenschaften Abgesehen von dem nachgereichten arbeitsrechtlichen Argument findet sich keine Begründung für Salzborns Aus. Insider sagen, die Atmosphäre passe nicht; Salzborn sei eben einer, der sich einmischt, der mit offenem Visier forscht und streitet. Zum Beispiel wollte er, dass auf der Website der Universität nicht mehr für Burschenschaften geworben wird. Doch hier könnten Gründe liegen, warum die Universität den engagierten Forscher nicht mag. Der für Personal und Finanzen zuständige Vizepräsident der Universität, Holger Schroeter, ist etwa Mitglied im Corps Hildeso-Guestphalia.

Benjamin Söchtig vom Fachschaftsrat Sozialwissenschaft glaubt, Salzborn passe nicht in das Bild einer unpolitisch konservativen Hochschule, wie es sich die Universitätsleitung wünscht. Die Präsidentin Ulrike Beisiegel, eine Biochemikerin, möchte, so Söchtig, »aus der Universität einen unpolitischen Elfenbeinturm machen«.

So hatte Beisiegel im Sommer 2014, als während des Gazakriegs auch in Göttingen viele Antisemiten gegen Israel auf die Straße gingen, dafür gesorgt, dass eine kleine Israelfahne, die nach außen sichtbar in den Räumen der Fachschaft Sozialwissenschaft hing, entfernt werden musste. Sie widerspreche der »kulturellen Diversität« der Universität, hieß es.

Doch passt Beisiegels Biografie nicht zur Vorstellung einer unpolitischen Universität. Die jetzige Präsidentin war bei der »Naturwissenschaftler-Initiative Verantwortung für den Frieden« aktiv, engagierte sich in den 80er- und 90er-Jahren in der Friedensbewegung und gehörte zum Direktorium des Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrums für Naturwissenschaft und Friedensforschung (ZNF) an der Universität Hamburg.

skandale 2007, da war Beisiegel noch nicht in Göttingen, kam die Universität schon einmal in die Kritik: Der Sporthistoriker Arnd Krüger hatte in einem Vortrag behauptet, die israelischen Opfer des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen 1972 in München seien freiwillig in den Tod gegangen, denn im Judentum dominiere ein lebensfeindliches Menschenbild.

Während sich beinahe alle Fachkollegen, etwa die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, von Krügers Antisemitismus distanzierten, kam eine Ombudskommission der Universität Göttingen zu dem Urteil, in Krügers Thesen sei Judenfeindschaft nicht zu finden: »Eine antisemitische Einstellung ist weder expliziter Bestandteil der Thesenbildung noch sind die gefundenen Thesen ohne eine antisemitische Tendenz unvertretbar.« Der Kommission, die dies formulierte, gehörten nur ein Jurist, ein Mediziner und ein Landwirtschaftsexperte an. Das Fehlen eines Antisemitismusforschers war damals von Kritikern massiv beklagt worden.

Mit Samuel Salzborn hat die Universität nun einen solchen Experten – und will ihn loswerden.

Nahost-Politik

CDU könnte Stopp deutscher Zahlungen an UNRWA beschließen

Am Wochenende findet der Bundesparteitag der CDU in Stuttgart statt. Beschlossen werden könnte auch ein Antrag zu deutschen Zahlungen an die Palästinenser, der es in sich hat

von Michael Thaidigsmann  18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Berlin/Mannheim

Nach Comeback: Mit diesen Aussagen irritiert Xavier Naidoo

Der Mannheimer Soul-Musiker hat auf einer Demonstration in Berlin gegen Kindesmissbrauch unter anderem von »Menschenfressern« gesprochen. Ein Experte hält die Wortwahl für radikalisierend

 18.02.2026

Meinung

Ein Zufall kommt selten allein

Die AfD hat ihren Bundesparteitag auf den 100. Jahrestag eines historischen Treffens der NSDAP gelegt. Das Spiel mit historischen Parallelen ist Teil der Strategie der rechtsextremen Partei

von Ralf Balke  18.02.2026

Dortmund

»Combat 18«-Prozess endet mit Geldauflage für Angeklagte

25 Prozesstage lang saßen vier mutmaßliche Rechtsextreme auf der Anklagebank. Sie sollen eine ebenso verbotene wie antisemitische Organisation betrieben haben

 18.02.2026

Verschwörungsmythen

Hamas-nahe NGO gibt Propaganda-Seminare für Wikipedia

Euro-Med Human Rights Monitor bildet im Gazastreifen gezielt junge Palästinenser darin aus, Inhalte zu Israel und dem Krieg zu verändern

 18.02.2026

Interview

»Mit Humor, Herz und Haltung«

Florian Sitte über Politik an Fastnacht, seine Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft und die Reaktionen auf seine denkwürdige Rede als Till während der Mainzer Fastnachtsitzung

 18.02.2026

Teheran

Deutscher Botschafter im Iran einbestellt

Am Wochenende demonstrierten rund 250.000 Menschen in München gegen Irans Führung. Nun folgt eine Reaktion des Regimes

 18.02.2026

Theater

Buh-Rufe, »Halt die Fresse«-Schreie: Tumult bei Premiere - Zuschauer greifen Schauspieler an

Am Bochumer Schauspielhaus hat ein Stück einen Tumult ausgelöst

 18.02.2026