Debatte

Asyl ist unsere Angelegenheit

Auf alles gibt es eine jüdische Sicht. Die bekannteste und banalste ist wohl mit der Frage verbunden: »Is it good for the Jews?« In ihr steckt eine lange und leidvolle Erfahrung, das Leben aus partikularistischer Perspektive betrachten zu müssen. Bringt uns Juden eine Entwicklung in Schwierigkeiten? Oder erleichtert sie unser Leben? Gewiss ist eine solche Betrachtung legitim, wenn auch nicht immer schätzenswert.

In Verfolgungssituationen kann der Universalismus, der den Kern des jüdischen Selbstverständnisses ausmacht, zu einem unerschwinglichen Luxus werden. Doch meist überwiegt er, weil er die Grundlage von Religion und Kultur des Judentums ist.

Die Situation von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer Europa erreichen wollen, fordert daher von der jüdischen Gemeinschaft in Europa diesen universalistischen und humanitären Kern ein. Die verzweifelte Flucht vor Krieg und Verfolgung ist ein zutiefst jüdisches Thema. Genau wie das Engagement für Menschenrechte.

Beides ist aus Gesetzesreligion, Gewissen und Erfahrung entstanden, einer Mischung, die von jeher Antisemiten wütend gemacht hat. Schon aus diesem Grund wäre es richtig, wenn die jüdische Gemeinschaft zu diesem Thema eine deutliche Haltung zeigen würde. Gewiss bedarf es keiner speziell jüdischen Perspektive, um einen Paradigmenwechsel in der Flüchtlingspolitik zu fordern. Allein die Tatsache, dass Jahr für Jahr Tausende auf der Flucht nach Europa ertrinken, erschlagen werden oder verdursten, erfordert das.

doppelte standards Dass die Konflikte, vor denen die Menschen fliehen, mit den Lebensverhältnissen in Europa nichts zu tun haben, kann niemand ernsthaft behaupten. In Ländern Afrikas wie des Nahen Ostens stützen Deutschland und Europa unterdrückende oder kriegführende Regime auf verschiedene Weise, besonders durch die Wirtschaft. Ein Beispiel dafür ist der Iran, der Israel bedroht und die Menschenrechte missachtet. Ähnliches gilt jedoch auch für andere Staaten – auch wenn sie keinen unmittelbaren Bezug zu Israels Sicherheit haben. Die Verbrechen autoritärer und korrupter Regierungen in Afrika wären ohne die doppelten Standards Europas kaum möglich.

Einerseits reagiert Europa auf die Situation mit Hilfsprogrammen für Good Governance, andererseits stärkt es deren Repressionsapparat bei der Abwehr von Flüchtlingen. Einerseits schickt es Hilfsgelder, andererseits verweigert es aus Gründen der Konkurrenz den Freihandel. Einerseits verurteilt es Regime, andererseits verdient es am Rohstoffhandel, um dessen Erlöse Bürgerkriege mit deutschen Waffen geführt werden.

Doppelte Standards, die in Bezug auf die Beurteilung Israels zu Recht beklagt werden, interessieren die Öffentlichkeit, auch die jüdische, hier viel zu selten. Dass diese Zustände überhaupt erklärt werden müssen, wenn es um Empathie mit Flüchtlingen geht, verweist auf einen schändlichen Mangel an Universalismus, sobald es um jene Teile der Welt geht, die nicht weiß sind.

Ressentiment Dieser Mangel hat nur wenig zu tun mit der Bedrohung jüdischer Existenz in Europa. Es wäre zwar Augenwischerei, zu ignorieren, dass Flüchtlinge und Einwanderer auch antisemitisch sein können, doch macht dies nur einen Teil des Problems mit Antisemitismus aus. Hier Flüchtlingen zu unterstellen, das Problem zu verschärfen, ist falsch.

Studien haben gezeigt, dass nicht Einwanderung zum Anwachsen des Antisemitismus geführt hat, sondern der Mainstream, in dem sich antiimperialistisch-antijüdische Stereotypen als Welterklärungsmodelle festgesetzt haben. Diese bilden einen Sog, in dem ideologische Unterschiede verschwimmen. Muslimische Einwanderer besonders zu fürchten, bedeutet lediglich, das Problem des antisemitischen Mainstreams zu externalisieren und ein Ressentiment aufzubauen, das der allgemeinen Realität nicht gerecht wird.

Mit Ressentiments ist es so eine Sache, gerade aus jüdischer Perspektive. Gruppierungen oder Personen, die vor Bedrohung der eigenen Identität durch Einwanderer, besonders mit muslimischem Background, warnen, tun dies mit dem Hinweis auf deren Frauenhass und Antisemitismus. Das bedeutet keineswegs, dass sie weniger antisemitisch wären als andere. Im Gegenteil: Das Wesen des Ressentiments besteht in seiner Fähigkeit, sich mal diese und mal jene Gruppe zum Feind zu wählen.

Wer bereit ist, Menschen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit zu hassen, ist das grundsätzlich – und damit auch für Juden unberechenbar. Islamfeindliche Gruppen können also weder aus ethischen noch aus pragmatischen Gründen Verbündete der jüdischen Gemeinschaft sein. Denn das widerspricht sowohl dem jüdischen Universalismus als auch seiner historischen Verpflichtung.

Schutz Bleibt also, was die rabbinischen Gelehrten gesagt haben: Am Ende ist der Universalismus des Judentums bei Strafe seines Untergangs nicht verhandelbar. Ebenso wenig wie sein kosmopolitischer Geist, der schon immer gescheiter und humaner war als die Dummheit kurzatmiger Furcht.

Die Bundesregierung ist dabei, mit dem Schutz vor Flüchtlingen deren Tod in Kauf zu nehmen und Ressentiments zu schüren. Die jüdische Gemeinschaft dagegen sollte sich für den Schutz von Flüchtlingen einsetzen. Das ist sie zumindest sich selbst schuldig.

Die Autorin ist Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

Nahost

Wie der Konflikt im Libanon den US-Deal mit Iran gefährdet

Der Gesprächsbeginn zwischen Washington und Teheran in der Schweiz lässt auf sich warten. Derweil spitzt sich die Lage zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu. Es gibt Tote auf beiden Seiten

von Hans Dahne, Christoph Meyer, Mathis Richtmann  19.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Berlin

Nouripour zu Iran-Rahmenabkommen: »Weg in Normalität für Regime«

Ist das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ein Weg in den Frieden? Bundestagsvizepräsident Nouripour bezweifelt das. Die Übereinkunft gebe dem Iran vielmehr »eine andere Legitimität«

 19.06.2026

Bayreuth

Bayreuther Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman soll nun doch stattfinden

Eine Gedenkveranstaltung zum Bayreuther Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Michel Friedman und Charlotte Knobloch zeigen sich entsetzt – jetzt rudert das weltbekannte Opernfestival zurück

 19.06.2026

Washington D.C.

Republikaner kritisieren Trumps Iran-Abkommen ungewöhnlich scharf

»Die Geschichte zeigt, dass es eine außergewöhnlich schlechte Idee ist, Milliarden Dollar an theokratische Verrückte zu geben, die uns ermorden wollen«, sagt Senator Ted Cruz

 19.06.2026

Wahlkampf in Israel

Trump signalisiert Unterstützung für Netanjahu

»Ich werde mir ansehen müssen, wer kandidiert, aber ich mag Bibi sehr«, sagt der amerikanische Präsident

 19.06.2026

Genf

Absage aus Bern: Heute keine USA-Iran-Gespräche

Abkommen unterzeichnet, Treffen abgesagt: Die geplante Gesprächsrunde in der Schweiz findet heute doch nicht statt

 19.06.2026

Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkveranstaltung zum Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Charlotte Knobloch ist entsetzt über die Bayreuther Festspiele

 19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026