Einspruch

Antisemitische Gebrauchslyrik

Günter Grass macht sich Sorgen. Sorgen um den Weltfrieden. Denn der ist akut gefährdet. Durch wen? Dreimal dürfen Sie raten: »Jenes Land, in dem seit Jahren ein wachsendes nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle und keiner Prüfung zugänglich ist.« Wenn Sie jetzt »Iran« sagen, haben Sie verloren. »Jenes Land« ist Israel, dessen Ankündigung, gegen die Teheraner Atompläne eventuell auch militärisch vorzugehen, schuld ist, wenn am »Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.«

So steht es in einem Gedicht des Literaturnobelpreisträgers, das am Mittwoch gleichzeitig in der Süddeutschen Zeitung, der New York Times und La Repubblica erschienen ist, verfasst in einer holprigen Metrik, die an alternative Gebrauchslyrik der 70er-Jahre à la Erich Fried erinnert.

Topos Noch unästhetischer als die Form allerdings ist der Inhalt. Grass greift zurück auf einen alten antisemitischen Topos, den er vielleicht noch aus seiner Jugend in der Waffen-SS im Kopf hat: den von den Juden, die aus eigensüchtigen Motiven die friedliebenden Völker der Welt in Kriege stürzen. So hat schon Adolf Hitler 1939 im Reichstag die bevorstehende »Vernichtung der jüdischen Rasse« gerechtfertigt.

Günter Grass wird diesen Vergleich natürlich mit Abscheu und Empörung zurückweisen. Israel ist, darauf legt er in seinem Verswerk Wert, ein Land, »dem ich verbunden bin und bleiben will«. Jedoch nicht um den Preis einer »belastenden Lüge«, eines »Zwangs, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er missachtet wird: das Verdikt ›Antisemitismus‹ ist geläufig.«

Zu Deutsch: Nix gegen Juden im Prinzip, aber man wird ja wohl noch sagen dürfen. Oder wie es ein besserer Lyriker, Friedrich Hollaender, 1931 ironisch formuliert hat: »An allem sind die Juden schuld!/Die Juden sind an allem schuld!/Wieso, warum sind sie dran schuld?/Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld./Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld!/Die Juden sind, sie sind und sind dran schuld!/Und glaubst du’s nicht, sind sie dran schuld,/an allem, allem sind die Juden schuld!/Ach so!«

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026