Zum 25. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 werden in sozialen Netzwerken erneut antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet. Juden und Israel werden dabei für die Anschläge verantwortlich gemacht oder als Mitwisser dargestellt. Die israelische Organisation CyberWell hat entsprechende Beiträge auf mehreren großen Plattformen dokumentiert.
Die Behauptungen reichen von der angeblichen Planung der Anschläge durch Juden bis zu der These, Israel habe von den bevorstehenden Attacken gewusst. CyberWell beobachtete entsprechende Inhalte unter anderem auf Meta-Plattformen, Reddit, TikTok und X. Teilweise werden dabei bekannte antisemitische Motive mit den Ereignissen vom 11. September verknüpft.
Um einer automatisierten Erkennung zu entgehen, greifen einige Nutzer laut CyberWell auf verschlüsselte Anspielungen zurück. In bestimmten Beiträgen werde beispielsweise ein Emoji für eine Saftpackung verwendet, um auf Juden zu verweisen, ohne den Begriff selbst zu nennen. Im Englischen klingen die Wörter für Juden und Saft ähnlich (»Jews« und »juice«). Andere Beiträge seien wesentlich eindeutiger und kombinierten Bilder der Anschläge mit antisemitischen Karikaturen.
Direkt angegriffen
Auch einzelne Juden werden direkt angegriffen. In entsprechenden Beiträgen werden antisemitische Schimpfwörter verwendet und jüdischen Menschen eine Beteiligung an den Terroranschlägen unterstellt. Damit werden alte Vorurteile mit einem der prägendsten Terrorereignisse der jüngeren Geschichte verbunden. Alte Verschwörungserzählungen werden neu verbreitet
Zu den erneut auftauchenden Behauptungen gehört auch die sogenannte »Dancing Israelis«-Verschwörung. Sie bezieht sich auf israelische Männer, die sich am 11. September 2001 in der Nähe des World Trade Centers aufhielten. Aus ihrer Anwesenheit wurde die falsche Behauptung abgeleitet, sie hätten im Voraus von den Anschlägen gewusst, diese gefeiert oder seien sogar daran beteiligt gewesen.
Andere Beiträge nehmen den US-Milliardär Larry Silverstein ins Visier. Weil er sich am Morgen des 11. September nicht in den Twin Towers befand, wird daraus in den sozialen Netzwerken die Behauptung konstruiert, er habe von den Anschlägen gewusst und sich deshalb ferngehalten.
Verfälschte Erinnerung
CyberWell warnt davor, dass solche Erzählungen insbesondere rund um Jahrestage wieder an Sichtbarkeit gewinnen. Tal-Or Cohen Montemayor, Gründerin und Geschäftsführerin der Organisation, betont zugleich, dass Juden selbst zu den Opfern der Anschläge gehörten.
»Der 11. September war ein schrecklicher Terroranschlag von globalem Ausmaß gegen die gesamte freie Welt«, erklärte Cohen Montemayor laut »The Jerusalem Post«. Nach Angaben des US-Außenministeriums seien schätzungsweise 200 bis 400 Juden im World Trade Center ums Leben gekommen, darunter fünf Israelis. Damit hätten Juden etwa zehn Prozent der dortigen Opfer ausgemacht.
Die Verbreitung antisemitischer Verschwörungstheorien verfälsche deshalb nicht nur die Erinnerung an die Anschläge, sondern richte sich auch gegen deren Opfer und gegen die Menschen, die bei den Rettungsarbeiten ihr Leben riskierten. »Wer rund um den 25. Jahrestag des 11. September online mit Verschwörungstheorien handelt, untergräbt die wahren Lehren dieses tragischen Ereignisses und beschmutzt das Andenken an die Opfer und die mutigen Ersthelfer, die ihr Leben riskierten, um andere zu retten«, sagte Cohen Montemayor.
Verstärkung durch Algorithmen
Nach Einschätzung der Organisation werden die falschen Behauptungen durch die Funktionsweise sozialer Netzwerke zusätzlich begünstigt. »Die empörende und falsche Verschwörungstheorie, die Juden und Israel für die Anschläge vom 11. September verantwortlich macht, verbreitet sich online weiterhin massiv, verstärkt durch Engagement-Algorithmen und teilweise durch einen Mangel an wirksamen Richtlinien der Plattformen zu diesem Thema«, gab Cohen Montemayor zu bedenken.
CyberWell beobachte zuletzt eine deutliche Zunahme von Versuchen, Juden für große Katastrophen und andere weltweite Krisen verantwortlich zu machen. Gleichzeitig gingen nur wenige Plattformen in ihren Richtlinien für Sicherheit und Moderation ausdrücklich auf diese Form des Antisemitismus ein.
Eine zusätzliche Gefahr sieht Cohen Montemayor in der zunehmenden Nutzung sozialer Netzwerke als Datenquelle für Künstliche Intelligenz. »Da KI und Large Language Models zunehmend auf Daten aus sozialen Medien für ihr Training und als Wissensquelle zurückgreifen, steigt das Risiko, dass antisemitische Verschwörungstheorien und Vorurteile als Fakten aufgenommen und wiedergegeben werden.«
Nationale Sicherheit
Der 11. September müsse deshalb auch unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit betrachtet werden, erklärte die CyberWell-Chefin. »Ausländische staatliche Akteure unterstützen und verstärken wilde antisemitische Verschwörungstheorien, die Juden zum Sündenbock machen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Sicherheit im Westen zu schwächen.«
CyberWell fordert zugleich mehr Fachwissen bei der automatisierten Moderation. Weil große Plattformen bei der Erkennung problematischer Inhalte zunehmend auf KI setzten, brauche es Experten, die auch verschleierte Formen des Antisemitismus erkennen könnten. im