Dialog

Ankara nähert sich an

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Das war schon was. Als Ankara letzten Herbst eine versuchte Entführung des israelischen Geschäftsmannes Yair Geller durch einen iranischen Spionagering in der Türkei aufdeckte und verhinderte, zeigte sich einmal mehr, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan in jüngster Zeit immer deutlichere Avancen gegenüber Israel macht, um die Beziehungen wiederherzustellen.

Spätestens seit dem Vorfall um die »Mavi Marmara«, die Flotte, die 2010 von der Türkei aus in Richtung Gaza unterwegs war, um die israelische Blockade des von der islamistischen Hamas kontrollierten Küstenstreifens zu brechen, waren die Beziehungen zwischen Jerusalem und Ankara auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Denn israelische Soldaten stürmten das Schiff, neun türkische Staatsbürger wurden getötet, etwa 20 verletzt.

Seitdem hetzte Erdogan in schlimmster Propaganda-Sprache gegen den jüdischen Staat. Und unterstützte die islamistische Hamas, gab ihr in der Türkei alle Möglichkeiten zu agieren. Die Botschafter beider Staaten wurden abzogen, die politischen Beziehungen zwischen Israel und der Türkei schienen mehr oder weniger am Ende zu sein.

GEHEIMDIENSTE Interessant allerdings, dass dies auf anderen Ebenen gar nicht der Fall war. Die Geheimdienste kooperierten weiterhin, das Import- und Exportgeschäft zwischen beiden Staaten blühte.

Seit Isaac Herzogs Amtszeit als Präsident Israels ist offensichtlich geworden, dass auch die politischen Beziehungen allmählich auftauen. Herzog und Erdogan telefonierten schon mehrfach miteinander, der Israeli wünschte kürzlich dem an Covid erkrankten türkischen Präsidenten eine rasche Genesung.

Und nun wird er im März zu einem Staatsbesuch in das Land fahren, das jahrzehntelang einer der engsten Verbündeten Israels gewesen ist. Schon ist auch die Rede vom erneuten Austausch von Botschaftern. Ende gut, alles gut?

Mitnichten. Erdogans Annäherungsversuche an Israel sind in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Der Präsident hat sich in den letzten Jahren außenpolitisch massiv verrechnet. Seine, wenngleich nicht immer friktionsfreie, Kooperation mit dem Iran, seine Unterstützung der Hamas und der Muslimbruderschaft haben ihn nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Kairo und Riad, in Abu Dhabi und Manama zur Persona non grata gemacht.

ABRAHAM-ABKOMMEN Während Erdogan auf mehrere falsche Pferde gleichzeitig setzte, bildete sich ein neues Machtzentrum im Nahen Osten heraus, das durch die »Abraham-Abkommen« besiegelt wurde. Doch es geht nicht nur um die Vereinigten Arabischen Emirate, um Bahrain, Marokko und Israel. Auch Ägypten gehört in diesen Kreis, ebenfalls Jordanien, beide Staaten haben seit Jahrzehnten Friedensverträge mit Israel.

Erdogan hat sich außenpolitisch massiv verrechnet.

Erdogan muss und will Teil dieses neuen Machtzentrums werden und dafür einiges tun. Doch: Wird das gelingen? Israel erwartet ein Ende der Unterstützung der Hamas, Kairo und die Emirate verlangen das Aus jeglicher Unterstützung für die Muslimbrüder, die Saudis wollen ein Ende der Untersuchungen im Fall Khashoggi, der auf türkischem Boden von ihren Agenten ermordet wurde, als er das saudische Konsulat aufgesucht hatte.

Wird Erdogan liefern? Er geht in die Richtung, die von ihm erwartet wird, aber noch hat er dem neuen Machtzentrum nicht bewiesen, dass er wirklich einer der ihren ist. Dass der Iran Erdogans neue Bemühungen argwöhnisch beobachtet, versteht sich von selbst.

Wie gesagt, die Beziehungen sind nicht unproblematisch. Man hat gemeinsame Interessen, aber auch Auseinandersetzungen. Traditionell unterhält die Türkei militärische und wirtschaftliche Beziehungen zu Aserbaidschan, zu Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan, also zu Staaten mit sogenannten Turk-Völkern, die die Türken als ihre Brüder und Schwestern sehen.

Teheran will aber selbst dort an Einfluss gewinnen, und auch im Syrienkrieg stehen beide Staaten auf unterschiedlichen Seiten: Erdogan würde alles dafür geben, Irans Schützling Assad zu stürzen.

VERGELTUNG Dass Erdogan den iranischen Spionagering gegen Yair Geller hat auffliegen lassen, hat Teheran mit Zähneknirschen registriert. Kürzlich kam es zu »Problemen« bei der Gasversorgung von Iran in die Türkei, angeblich sei das nur ein »technischer Fehler« gewesen. Eine Art »leise« Vergeltung?
Auf alle Fälle bewegt sich Erdogan auf die neue Supermacht im Nahen Osten zu. Ein Pakt mit den Vereinten Arabischen Emiraten wurde geschlossen, Riad wird, ebenso wie Jerusalem, freundlicher gegenüber Ankara.

Bei Erdogan weiß man nie, ob das, was er heute sagt, morgen noch gilt.

Doch der türkische Präsident darf sich nicht täuschen: Er braucht die Wiederherstellung der Beziehungen mit all diesen Ländern dringender, als diese sie brauchen.

Auch wenn es so aussieht, als ob Israel und das Land zwischen Europa und Asien bald wieder normale Beziehungen haben könnten, weiß der jüdische Staat, dass es mit den Emiraten und Bahrain, mit Ägypten und Jordanien, aber auch Saudi-Arabien und Oman verlässlichere Bündnispartner hat als die Türkei.

TECH-POWERHAUS Denn sie alle haben eines gemeinsam: Die unbedingte Feindschaft gegenüber dem Iran, anders als Erdogan, also ein gemeinsames strategisches Interesse. Und: die finanziellen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, ein Tech-Powerhaus zu bauen, das den Nahen Osten transformieren kann. Die türkische Wirtschaft steht am Abgrund, die türkische Währung verfällt.

Und bei Erdogan weiß man nie, ob das, was er heute sagt, morgen noch gilt. Skepsis ist also angesagt. Doch sollten Israel und die Türkei zu einer gewissen Normalität zurückkehren, dann wäre das für die gesamte Region nur von Vorteil.

Der Autor ist Publizist und Editor-at-Large bei der ARD. Er lebt in Tel Aviv.

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