Judenhass

Angriff auf jüdischen Studenten: Was bisher bekannt ist

Foto: picture alliance / Schoening

Sein zertrümmertes Gesicht will Lahav Shapira nicht zeigen - im Interview mit dem israelischen Sender N12 ist der 30-Jährige nur von hinten zu sehen, als er seine Geschichte erzählt. Der jüdische Student der Freien Universität Berlin kam in der Nacht zum Samstag verletzt und mit mehreren Brüchen im Gesicht ins Krankenhaus. Ein propalästinensischer Kommilitone soll ihn auf offener Straße in Berlin-Mitte geschlagen und getreten haben. Nun ist das Entsetzen groß.

Der Fall gilt nicht nur als erneuter Beleg für die Anfeindungen gegen Juden in Deutschland seit dem Massaker der Hamas-Terroristen in Israel vom 7. Oktober. Nicht nur als Zeichen für die bitteren Konflikte auf den Straßen wie auch an den Berliner Universitäten. Das Opfer ist zudem Enkel eines der Ermordeten des Olympia-Attentats von München 1972 und Bruder des Comedian Shahak Shapira.

»Dieser niederträchtige Angriff macht mich fassungslos«, schrieb Berlins Regierungschef Kai Wegner am Montag auf der Plattform X, vormals Twitter. »Jüdische Menschen müssen sich in Berlin überall sicher fühlen - auch an unseren Universitäten!« 

Was die Polizei über die Tat bekannt gab

Die Berliner Polizei hatte unter der Überschrift »Streit zwischen Studenten eskaliert« von dem Fall berichtet. »Zwischen dem 30-jährigen Mann jüdischen Glaubens, der proisraelische Ansichten in den sozialen Medien vertreten soll, und dem 23-jährigen Studenten, der eine propalästinensische Einstellung haben soll, habe sich zunächst ein Streitgespräch entwickelt«, hieß es im Polizeibericht.

Und weiter: »Im Verlaufe des Streits soll der Jüngere den Älteren unvermittelt mehrmals ins Gesicht geschlagen haben, sodass dieser stürzte. Auf den am Boden liegenden Mann soll der Kontrahent dann eingetreten und schließlich über die Torstraße in Richtung Ackerstraße geflüchtet sein.«

Der mutmaßliche Täter wurde gefasst. Er ist arabischstämmiger deutscher Staatsbürger. Wegen der möglichen politischen Motivation ermittelt inzwischen der Staatsschutz, wie eine Polizeisprecherin sagte. Geprüft werde auch eine mögliche antisemitische Motivation. 

Lahav Shapira erzählte es in dem israelischen Fernsehinterview so: »Er hat mir plötzlich einen Fausthieb von der Seite gegeben, und dann noch einen«, sagte der Verletzte im Krankenhaus. »Dann habe ich das Gleichgewicht verloren. Ich habe versucht aufzustehen, und dann hat er mir ins Gesicht getreten.«

Anschließend sei der Angreifer weggerannt. Eine israelische Freundin, die den Vorfall miterlebt hat, berichtete dem israelischen Sender: »Ich war geschockt. Es war schrecklich. Und es ist alles so schnell passiert.«

Bruder des Opfers befürchtete Eskalation

Lahavs Bruder Shahak Shapira äußerte sich auf X noch eindeutiger: »Es gab keinerlei politische Debatte. Er wurde vom Angreifer in der Bar erkannt, dieser ist ihm und seiner Begleitung gefolgt, hat sie aggressiv angesprochen und ihm dann unangekündigt ins Gesicht geschlagen.«

Und er brachte das klar in Verbindung mit dem politischen Engagement seines Bruders in Berlin seit dem 7. Oktober: »Bei der Art und Weise, wie er in den letzten Monaten für seinen gerechten oder ungerechten Widerstand in der FU im Internet diffamiert und «markiert» wurde, war diese Folge fast unvermeidbar und ich habe das von Anfang an befürchtet.«

Wie der mutmaßliche Täter die Sache darstellt, ist unbekannt. Der Berliner Rechtsanwalt Ehssan Khazaeli, der den Beschuldigten verteidigt, erklärte auf dpa-Anfrage, dass zunächst die umfangreichen Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) Nahost der Berliner Polizei abgewartet werden sollen. »Der Beschuldigte wird sich auf meinen Rat hin nicht zu verfahrensrelevanten Sachverhalten äußern«, sagte Khazaeli am Montagabend. 

Seit dem 7. Oktober kam es an Hochschulen in Deutschland immer wieder zu antisemitischen Vorfällen: Die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion, Hanna Veiler, bemängelte Ende 2023 im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: »Es gibt kaum Konsequenzen für solche Studentinnen und Studenten.«

Die FU stellte allerdings mehrere Strafanzeigen, viele davon wegen eines Hausfriedensbruchs im Zusammenhang mit einer Hörsaalbesetzung Mitte Dezember durch die Gruppe »FU Students for a Free Palestine«. Einige Gruppen kritisieren eine als einseitig empfundene Solidarisierung von Hochschulen mit Israel.

Universität will juristische Schritte prüfen

Jetzt reagierte auch die FU bestürzt. Man sei »zutiefst entsetzt über den brutalen, mutmaßlich antisemitisch motivierten Angriff auf einen jüdischen Studenten unserer Universität«, teilte das Uni-Präsidium um Günter Ziegler mit. »Wenn sich bestätigt, dass der Täter Student der Freien Universität Berlin ist, wird die Hochschule umgehend die möglichen juristischen Schritte im Rahmen des Hausrechts prüfen und gegebenenfalls ein Hausverbot durchsetzen.«

Die Uni richtete Genesungswünsche an den Verletzten. Sie unternehme »alles in ihrer Kraft Stehende«, um eine Bedrohung jüdischer Studierender auf dem Campus zu verhindern, betonte die FU. 

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte eine genaue Aufklärung der Hintergründe und gegebenenfalls Konsequenzen. »Sollten sich die bisherigen Anhaltspunkte erhärten und der Angriff auf antisemitischen Motiven beruhen, dann muss den Täter die volle Härte des Gesetzes treffen«, sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. In diesem Fall solle die Freie Universität auch eine Exmatrikulation prüfen.

Auch Berlins Regierungschef Wegner mahnte, er erwarte von den Universitätsleitungen konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus und aktives Eingreifen, »wenn sich solche Entwicklungen abzeichnen.« dpa

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