NS-Verbrechen

Alter schützt vor Strafe

SS-Leute überwachen KZ-Häftlinge in Auschwitz, 1942. Foto: dpa

Die Dauer der Untersuchungshaft wird für Menschen, denen Beihilfe zum 1000-fachen Mord in einem KZ vorgeworfen wird, immer kürzer. Hans Lipschis, der von sich behauptet, er sei »nur Koch« in Auschwitz gewesen, kam nach sieben Monaten auf freien Fuß; mittlerweile wurde sein Verfahren eingestellt. Von den drei Verdächtigen, die Mitte Februar nach einer bundesweiten Razzia ins Haftkrankenhaus Hohenasperg in Baden-Württemberg eingeliefert wurden, blieb einer 17 Tage dort, die anderen kamen nach 13 beziehungsweise fünf Tagen frei. Einen, er heißt Hans K., hat die »Bild«-Zeitung nun beim Sonnenbaden auf seinem Balkon fotografiert.

hauptverfahren Nirgends findet derzeit ein Hauptverfahren zu NS-Verbrechen statt. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center in Jerusalem ist dennoch optimistisch: »Ich persönlich glaube, dass es wenigstens in einigen Fällen zu Verfahren kommen wird. Ob es auch zu Verurteilungen kommt, kann ich natürlich nicht sagen.«

Die Gründe, warum Verdächtige von Haft verschont bleiben, klingen immer ähnlich. »Sie wohnen seit Jahrzehnten an derselben Wohnanschrift«, heißt es etwa bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt, die gegen einen 89- und einen 92-jährigen Mann ermittelt. Daher bestehe auch keine Gefahr, »dass ohne die Festnahme der Beschuldigten die alsbaldige Aufklärung und Ahndung der Tat gefährdet sein könnte«. Und wenn doch Verdunkelungsgefahr vorliegt, sind es oft gesundheitliche Gründe, die für die Freiheit der Verdächtigen sorgen.

Im Fall von Hans Lipschis hatte das Landgericht Ellwangen auf eine beginnende Krankheit verwiesen, weshalb er sich in der »voraussichtlich langwierigen Hauptverhandlung« eventuell mit den Vorwürfen nicht »differenziert auseinandersetzen« könne. Darüber empört sich Zuroff: »So eine Gefahr besteht doch immer! Aber die haben es nicht mal probiert!« Die bloße Möglichkeit, den Prozess nicht zu Ende führen zu können, habe »sie davon abgehalten, ihn überhaupt zu eröffnen«. Lipschis kann nun sogar mit Haftentschädigung rechnen.

Dass derzeit etwa 30 Ermittlungsverfahren laufen, ist Kurt Schrimm und seiner Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg zu verdanken. »Ursprünglich waren es 49 Verdächtige, davon sind 30 übrig geblieben«, sagt Schrimm. »Die Akten wurden Ende November den zuständigen Staatsanwaltschaften übergeben.« Ob es dann wirklich zur Eröffnung eines Verfahrens oder gar zu einer Verurteilung komme, liege nicht mehr in seiner Zuständigkeit. »Wir haben uns nicht mit Alter und Gesundheitszustand der Verdächtigen beschäftigt, sondern nur die Vorwürfe recherchiert«, sagt Schrimm. »Einziges Kriterium war, ob die Verdächtigen noch am Leben sind.«

Nach dem Urteil gegen John Demjanjuk im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord in 20.000 Fällen in Sobibor hatten die Ludwigsburger mit weiteren Ermittlungen begonnen. Bis zu diesem Prozess ging man meist davon aus, dass die jeweils konkrete Tatbeteiligung nachgewiesen werden müsse. Demjanjuk wurde aber als mitwirkender Teil der Tötungsmaschine zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nicht rechtskräftig, weil der gebürtige Ukrainer zuvor starb.

Schrimm sagt: »Wir rechnen damit, dass wir demnächst noch einige Namen mehr nennen können.« Wie viele Ermittlungen so weit abgeschlossen sein werden, dass sie an die zuständigen Staatsanwaltschaften übergeben werden können, steht noch nicht fest, aber Schrimm geht davon aus, dass dies noch in diesem Jahr geschehen wird.

auschwitz »Ganz viel hängt dann von den lokalen Staatsanwaltschaften ab«, sagt Efraim Zuroff. »Die können das Verfahren weiter verfolgen, die können es langsam angehen lassen, und die können es niederschlagen.« Das hat kaum etwas mit der Qualität der Ludwigsburger Arbeit zu tun. Schrimm etwa geht davon aus, dass in diesem Jahr »nicht nur Fälle in Auschwitz« abgeschlossen werden, »wir recherchieren auch in den anderen Vernichtungslagern«. Von Auschwitz-Birkenau sind sämtliche Listen mit den Namen aller Aufseher gefunden worden. Von anderen Lagern sind solche Listen zwar nicht vollständig, aber oft sehr umfangreich erhalten, und auch sie werden ausgewertet.

Zudem hatte die Zentrale Stelle vor Jahren damit begonnen, auch in Lateinamerika und Osteuropa zu recherchieren. Da ihnen immer seltener ein Anfangsverdacht in Deutschland gemeldet wurde, gingen die Ermittler beispielsweise die Listen durch, in denen die Pässe des Internationalen Roten Kreuzes verzeichnet waren, mit denen viele NS-Verbrecher nach 1945 nach Südamerika gelangten. »Was die Auslandsrecherche angeht«, sagt Schrimm allerdings über einen möglichen Zeitpunkt der Anklageerhebung, »da kann ich keine Prognose wagen«.

Erwiderung

An allem sind ... oder, Herr Ahmetović?

Der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetović, macht keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen in Nahost erklärt

von Sacha Stawski  02.06.2026

Teheran

Iran bereitet Beisetzung von Chamenei vor

Drei Monate nach Chameneis Tötung äußert sich erstmals ein Politiker im Iran zum geplanten Begräbnis und den Trauerfeiern in mehreren Städten

 02.06.2026

Teheran

Iran: Keine Gespräche mehr mit USA

Für den Iran gilt eine Waffenruhe im Libanon als Teil der Verhandlungen mit den USA. Jetzt berichten iranische Medien, dass wegen der Kämpfe dort Teheran nicht mehr mit Washington verhandelt

 02.06.2026

Berlin

Senat macht Weg für Yad-Vashem-Straße frei

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Auch ein Straßenabschnitt im Herzen Berlins soll den Namen der Gedenkstätte tragen

 02.06.2026

Berlin

Merz: Hisbollah muss »ihre Waffen niederlegen«

Der Bundeskanzler ruft zur Deeskalation im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon auf. Die schiitische Terrororganisation müsse sich entwaffnen, so der CDU-Politiker

 02.06.2026

Berlin

Bericht: Wenn die Hautfarbe in der Eisdiele zum Problem wird

Rassismus, Antisemitismus und andere Formen des Menschenhasses: 13.000 Mal beriet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2025 Menschen, die sich im Alltag benachteiligt oder gedemütigt sahen

von Verena Schmitt-Roschmann  02.06.2026

Epstein-Affäre

Cooper: Mandelson hätte nie Botschafter in USA werden dürfen

Die Berufung von Epstein-Freund Peter Mandelson zum diplomatischen Vertreter in Washington stürzte die britische Regierung in eine schwere Krise. Die britische Außenministerin meldet sich nun mit klaren Worten

 02.06.2026

Hannover

Zahl der antisemitischen Vorfälle auf Höchststand

Anders als nach früheren Eskalationen im Nahostkonflikt sei die Zahl antisemitischer Vorfälle anschließend nicht wieder zurückgegangen, sagt RIAS

 02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026