Covid-19

Alte Instinkte

Vergleich beabsichtigt: Demonstrantin mit einem Tuch mit der Aufschrift »Jedem die Seine« in Leipzig Foto: imago images/opokupix

Selbst eine hochgebildete Bekannte, die ich seit Jahren kenne, erklärte mir, dass das Coronavirus für sie während des ersten Lockdowns »irgendwie abstrakt« gewesen sei. Sie habe niemanden gekannt, der das Virus hatte.

Und selbst sie, die fern von jeglicher Verschwörungstheorie ist, fragte sich, wie ernst die Lage denn tatsächlich sei, ob wir die Meldungen über Covid-19 nicht ein wenig aufbauschen, schließlich rede doch auch niemand über die 25.000 Toten, die die normale Grippe im Winter 2017/18 in Deutschland gefordert habe.

Virus Inzwischen kennt sie Menschen, die das Virus bekommen haben. Ein Mitglied in ihrer Familie war so schwer daran erkrankt, dass sie nun auch den Beweis hat, dass Corona anders sein kann als eine Grippe.

Was meine Bekannte ausdrückt, ist nicht Skepsis, sondern Verunsicherung. Tiefe Verunsicherung gegenüber etwas, was wir alle nicht kennen: eine Welt mitten in einer Pandemie. Ein unsichtbarer Feind, der überall lauert. Das ist jedoch der Stoff, aus dem sich Verschwörungstheorien entwickeln lassen. Die »Querdenker« sind das beste Beispiel dafür. Ihr gedankliches Vorbild: die QAnon-Bewegung aus den USA. Nirgends kommt diese neue Ideologie besser an als in Deutschland. Nicht in Italien, nicht in Frankreich und schon gar nicht in Israel. Warum aber in Deutschland?

Antisemitismus In groben Zügen: QAnon erzählt den Mythos von »Eliten«, die Kinder verstecken, um aus ihrem Blut einen Stoff zu gewinnen, der verjüngend wirkt und das ewige Leben ermöglicht. »Eliten«? »Kinderblut«? Kennen wir das nicht als antisemitische Vokabeln? »Eliten« stehen gerne für das angebliche »Weltjudentum«.

Und dass Juden angeblich Christenkinder töten, um aus deren Blut Mazzot zu backen, ist ein Hassmythos des Mittelalters. Was man schnell erkennt, wenn man sich in die Welt dieser Verschwörungstheorien begibt: antisemitische Tropen werden von den Urhebern solcher Bewegungen gerne verwendet, um uralte Instinkte anzusprechen.

Interessant ist dabei vor allem, wo sich die Querdenker in Deutschland besonders gut durchsetzen, nämlich vor allem in Baden-Württemberg und in Sachsen. Es ist der deutsche »Bible Belt«, wie der Politikwissenschaftler Michael Lühmann diese Regionen nennt, in Anlehnung zum US- Bible-Belt der dortigen Evangelikalen. Der evangelikale Traditionalismus, der in Teilen Baden-Württembergs herrscht, lehnt Moderne, Pluralismus und »das Fremde« ebenso radikal ab, wie es ultrakonservative Christen und Rechte in Sachsen tun.

Ein unsichtbarer Feind, der überall lauert, das ist der Stoff für Querdenker.

Eine Bertelsmann-Studie bestätigt, dass vor allem in der Gegend um Dresden und dem Erzgebirge die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit, von Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft schlechter ausgeprägt ist als im übrigen Deutschland. In beiden Regionen wird traditionell gegen »die da oben« protestiert. Ob »Stuttgart 21« oder die »Pegida«-Märsche, man fühlt sich gern im Widerstand gegen »das System«. Die AfD und andere Kräfte nutzen das aus.

Stuttgart Die »Querdenker« sind also keine neue Bewegung, vielmehr suchen sich die immer gleichen extremistischen und antisemitischen Kräfte, wie auch die »Reichsbürger«, neue Formen, um ihrem Traum näherzukommen: den Staat in seiner jetzigen Form zu zerstören, Juden, Muslime und andere Minderheiten zu vertreiben oder gar zu vernichten. Da ist jede neue Krise gerade recht, um das ewige Anliegen zu verbreiten. Im Augenblick: Covid-19.

Warum aber greifen solche Verschwörungstheorien in Italien, Frankreich oder Israel nicht so wie in Deutschland? Das mag daran liegen, dass in allen drei Staaten keine (nennenswerten) evangelikalen Kräfte existieren. Aber es dürfte noch mehr sein. Medizin und Forschung sind »jüdische« Berufe, spätestens seit Maimonides, dem Rambam.

Die Bevölkerung in Israel vertraut den Ärzten. Und die meisten Israelis sind wissenschafts- und fortschrittsgläubig, technologieaffin, was viel mit der Ausbildung und eigenen Erfahrung in der Armee zu tun hat. Italien musste bereits während des ersten Lockdowns sehr reale Bilder von Hunderten Toten sehen, da weiß man sehr genau, dass das Virus eine echte Gefahr darstellt.

Narrativ In Frankreich speist sich Protest prinzipiell eher aus Gewerkschaftskreisen, Widerstand ist dort ideologisch und historisch anders gestrickt als in Deutschland. Was natürlich nicht heißt, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, aber das antisemitische Narrativ ist anders.

Wenn man sich das Typische der »Querdenker«-Bewegung anschaut, findet man schnell Parallelen zur deutschen Geschichte, die »attraktiv« wirken. Man versteht sich als Opfer irgendwelcher Kräfte »da oben«, man hat ein Erweckungsgefühl gegenüber all jenen, die noch nicht begriffen haben. Und das Gemeinschaftsgefühl lässt den Einzelnen in der Pandemie weniger verwundbar erscheinen.

Die Assoziationen liegen auf der Hand: von »Deutschland erwache!« zum Selbstverständnis als Opfer wegen des Versailler Vertrags bis hin zur »deutschen Volksgemeinschaft« ist alles im NS-Kult wiederzufinden. All das, gepaart mit dem alten Misstrauen des Ostens gegen »die da oben in Berlin« noch aus DDR-Zeiten, ist ein wunderbarer Humus, auf dem der Corona-Pandemie-Verschwörungswahn insbesondere in Deutschland wachsen kann. Doch selbst wenn’s nur alter Wein in neuen Schläuchen ist, diese »Bewegung« muss genau beobachtet werden. Der Verfassungsschutz sollte schnell handeln dürfen.

Der Verfasser ist Editor at Large bei der ARD, Buchautor und Publizist.

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