Porträt

Alt, laut und mutig: Die Omas gegen Rechts

»Omas gegen Rechts« in Leer (Ostfriesland) Foto: picture alliance/dpa

Ganz gleich, ob in Berlin, München, Köln, Hannover oder im ostfriesischen Leer: Bei den vielen Demonstrationen für die Demokratie seit dem Treffen radikaler Rechter in Potsdam sind fast immer auch ältere Frauen zu sehen: »OMAS GEGEN RECHTS«, steht in Großbuchstaben auf ihren Schildern, Bannern, Buttons oder selbst gestrickten Mützen. Wer sind die Omas gegen rechts? 

»Wir sind eine zivilgesellschaftliche, parteiunabhängige Initiative, die am 27. Januar 2018 gegründet wurde, inspiriert von den österreichischen OMAS GEGEN RECHTS«, heißt es auf der Internetseite des Vereins Omas gegen rechts Deutschland. Der Verein schreibt das Wort Omas immer groß. Wie viele Frauen und auch Männer inzwischen als Omas demonstrieren, ist unklar.

2020 sind die Omas gegen rechts mit dem vom Zentralrat der Juden gestifteten Paul-Spiegel-Preis für ihr Engagement geehrt worden.

»Seit drei Wochen haben sich die Mitgliederzahlen im Verein mehr als vervierfacht«, sagt Anna Ohnweiler aus Nagold in Baden-Württemberg, eine der Gründerinnen der Bewegung in Deutschland. Viele Ortsgruppen seien unabhängig vom Verein. Ohnweiler schätzt die Zahl der demonstrierenden Omas auf mindestens 30 000. Aktuell gründen sich auch in kleineren Städten und Gemeinden immer neue Gruppen. 

In Hannover ist Uta Saenger das Organisationstalent der Omas gegen rechts. Auch ein paar Männer und Frauen im mittleren Alter gehören zur Gruppe. Für die 70-Jährige ist das Engagement gegen Nazis, Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus derzeit ein Fulltime-Job. »Ich sehe es als eine Verpflichtung für unsere Generation an, unsere Erfahrungen weiterzugeben und zu warnen«, sagt die zierliche Frau mit der roten Baskenmütze, die sich als »Antifaschistin aus Anstand« bezeichnet, inspiriert von einem Zitat von Filmstar Marlene Dietrich, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA ging und sich gegen das Nazi-Regime engagierte. 

Die ältesten Omas in ihrer Gruppe seien fast 90 Jahre alt und hätten aus ihrer Kindheit noch Erinnerungen an Bombenangriffe oder Flucht, erzählt Saenger. Viele nach 1945 geborene Omas wuchsen ihr zufolge mit vom Krieg traumatisierten Eltern auf. In der Nachkriegszeit sei die Pädagogik zudem von »braunen Gedanken« durchdrungen gewesen. »Das war damals so präsent, dass man es jetzt sofort spürt, sieht und weiß, wenn es wieder in diese Richtung geht«, sagt die 70-Jährige. 

Das zivilgesellschaftliche Engagement, das Politiker neuerdings so vehement in Reden einfordern, praktiziert die von älteren Frauen dominierte Bewegung in Hannover und anderen Orten schon seit 2018. Die Omas protestierten zum Beispiel vor Wahlkampf-Ständen und vor Parteitagen der AfD und hielten Mahnwachen ab nach rassistischen Übergriffen. In sozialen Medien werden Rednerinnen von ihnen auch angefeindet. Man müsse furchtlos sein, sagt Saenger. Sie habe auch schon Anzeige wegen Hetze im Internet erstattet.

»Die Omas gegen rechts sind in jedem Fall eine ganz besondere Frischekur für unsere Demokratie«, sagt Lorenz Blumenthaler, Sprecher der Amadeu Antonio Stiftung. Inzwischen setzen sich nach Angaben der Stiftung mehr als hundert Ortsgruppen »konsequent gegen Rechtsextreme, Antisemitismus und Rassismus« ein. »Aber sie streiten auch für Klimagerechtigkeit oder während der Corona-Pandemie gegen Verschwörungserzählungen«, sagt Blumenthaler.  

Einige aktive Omas sind schon in der Zeit der Studentenbewegung Ende der 1960-er Jahre auf die Straße gegangen oder haben sich in der Friedens- und in der Anti-Atomkraft-Bewegung engagiert. Andere waren noch nie auf einer Demonstration, bevor sie sich im Rentenalter der Initiative angeschlossen haben. Auf Demos und bei Kundgebungen können die Omas laut sein - mit selbst getexteten Liedern und Trillerpfeifen. 

Aber es gibt auch leise Aktionen, etwa die Solidaritätswache vor einer Synagoge in Hannover. Seit dem Angriff der terroristischen Hamas auf Israel am 7. Oktober stehen jeden Freitagabend Dutzende Omas vor der Synagoge, manche mit Rollatoren, und auch bei Schneeregen. »Für uns ist das hier gelebte Anteilnahme und Freundschaft«, sagt Uta Saenger in einer kurzen Ansprache vor ihren Mitstreiterinnen. Die Vorsitzende des Landesverbandes der Liberalen Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Rebecca Seidler, sprach bei einer Kundgebung vor 35 000 Menschen in Hannover die Omas gegen rechts direkt an und bedankte sich »von Herzen für das Zeichen der Solidarität und gegen jede Form von Antisemitismus«, jeden Freitag »bei Wind und Wetter«. 

Bereits 2020 sind die Omas gegen rechts mit dem vom Zentralrat der Juden gestifteten Paul-Spiegel-Preis für ihr Engagement geehrt worden. Wegen der Pandemie wurde die Auszeichnung erst 2022 übergeben. Die Aktionsformen der Omas seien vielfältig, sagte Mitgründerin Gerda Smorra aus Bremen damals in ihrer Dankesrede. Sie seien nicht nur gegen rechts auf der Straße, sondern auch in Schulen, Volkshochschulen, Altenheimen oder Jugendzentren im Einsatz. Smorra betonte: »Omas sind alt, aber dank ihrer Lebenserfahrung vielfältig - und laut!«

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Berufung

Hamburg hat wieder eine Beauftragte gegen Antisemitismus

Nach Monaten der Vakanz ist das Amt wieder besetzt: Anna von Villiez wird Hamburgs neue Beauftragte gegen Antisemitismus. Ein Rechtsstreit hatte die Auswahl verzögert

von Michael Althaus  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Interview

»Soziale Medien sind Brandbeschleuniger für Judenhass«

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung gegen Antisemitismus, wechselt nach Paris. Am Dienstagabend zog er auf einem Podium in Berlin Bilanz. Im Interview blickt er zusätzlich auch auf Persönliches

von Leticia Witte  30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Wir sind hier wie in einer Mossad-Operation«

Im Block-Prozess wird ein Zeuge aus Israel weiter per Video befragt. Der 42-Jährige steuerte bei der gewaltsamen Rückholung der Kinder einen der Wagen. Wie er heute auf die Ereignisse blickt.

von Stephanie Lettgen  30.06.2026