Rückblende

1962: Gründung der Jüdischen Volkshochschule Berlin

Gute Adresse seit 51 Jahren: die JVHS Berlin in der Fasanenstraße Foto: Marco Limberg

Rückblende

1962: Gründung der Jüdischen Volkshochschule Berlin

Unsere Serie über die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945: Folge 17

von Michael Brenner  11.02.2013 21:24 Uhr

In den ersten Nachkriegsjahren stand die Vermittlung jüdischen Wissens und jüdischer Kultur nicht auf den Tagesordnungen der jüdischen Gemeinden. Die meisten ihrer Mitglieder hatten genug damit zu tun, für sich selbst zu sorgen und ein notdürftiges jüdisches Leben wiederaufzubauen. Zudem wahrte man noch den Abstand zur nichtjüdischen Gesellschaft, aus der man nur wenige Jahre vorher ausgegrenzt worden war.

Allerdings waren die bald nach dem Krieg gegründeten Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit von Anfang an bemüht, Wissen vom Judentum zu vermitteln. Ab den 60er-Jahren stand dieses Thema auch auf dem Programm der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Israel-Kunde 1962 wurde die Jüdische Volkshochschule gegründet, um jüdischen und nichtjüdischen Interessierten verschiedene Aspekte des Judentums näherzubringen. Die Veranstaltungsreihen konzentrierten sich anfangs auf allgemeine und populäre Themen wie »Israel-Kunde – Land und Leute«, »Jüdische Künstler und jüdische Kunst« oder »Das Wesen des Talmuds«.

Unter den Referenten waren damals bekannte Namen aus dem Bereich der jüdischen Kultur und Religion zu finden, etwa der Kulturdezernent des Zentralrats Hans Lamm, der ständige Gastprofessor an der FU Berlin Adolf Leschnitzer und der hessische Landesrabbiner Isaak Emil Lichtigfeld. Der in Basel lebende Religionsphilosoph Hermann Levin Goldschmidt hielt im Eröffnungsjahr einen Vortrag über Franz Rosenzweig, der mit dem Freien Jüdischen Lehrhaus in Frankfurt nach dem Ersten Weltkrieg ein innovatives jüdisches Erwachsenenbildungssystem begründet hatte.

Im Gegensatz zum Frankfurter Lehrhaus sprach die Berliner Volkshochschule aber vor allem das nichtjüdische Publikum an, das sich nach der Katastrophe ein Bild von einer mittlerweile vergangenen deutsch-jüdischen Kultur machen wollte.

universitäten Auch an den Hochschulen der Bundesrepublik begannen jüdische Gelehrte wieder, sich mit dem Judentum wissenschaftlich zu befassen. An der Universität München habilitierte sich 1962 Leo Prijs, der anschließend Lehraufträge im Bereich der Judaistik übernahm und schließlich eine Professur auf diesem Gebiet erhielt. Er folgte damit einer Familientradition.

Bereits sein Vater, Rabbiner Joseph Prijs, war um 1930 an der Münchner Universität Lehrbeauftragter für Judaistik gewesen. Ebenfalls aus München kam Baruch Graubard nach Marburg, um an der dortigen Universität im Bereich der Judaistik zu lehren. Diese jüdischen Wissenschaftler etablierten das Studium jüdischer Religion, Geschichte und Kultur, noch bevor wenige Jahre später die ersten Judaistik-Institute an deutschen Universitäten eröffnet wurden.

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