Meinung

Wie lange müssen wir noch so leben?

Laura Cazés Foto: Robert Poticha

Meinung

Wie lange müssen wir noch so leben?

Seit Beginn des Iran-Kriegs werden jüdische Einrichtungen noch häufiger Ziel von Terrorattacken. Das Absurde ist: Dieser Zustand ist für Jüdinnen und Juden längst zur Norm geworden

von Laura Cazés  24.03.2026 17:16 Uhr

Im Logbuch der Angriffe auf jüdische Einrichtungen verdichtet sich die Frequenz seit dem 2. März. Es ist die erwartbare Folge der aktuellen Angriffsrunde im Nahen und Mittleren Osten. Für das iranische Regime gehören Anschläge auf jüdische Einrichtungen weltweit seit jeher zur erweiterten Kriegsführung. Aber von »weichen Zielen« kann längst keine Rede mehr sein – jüdische Einrichtungen haben sich angepasst. In vielen Fällen, ob in Michigan, Amsterdam, Lüttich oder Toronto, haben die Sicherheitsvorkehrungen Schlimmeres verhindert.

Das Wissen, dass es jeden von uns überall treffen kann, ist unser stiller Begleiter. Das Absurde ist: Dieser Zustand ist für uns zur Norm geworden. Nicht nur die Gewalt selbst, sondern vor allem das permanente Gewaltpotenzial macht Sicherheitsvorkehrungen notwendig. Ich würde es mir gern anders vorstellen, aber solange ich mich erinnern kann, gab es keine andere Realität.

Wir existieren. Und wir werden uns nicht zu »weichen Zielen« machen lassen.

Diese Realität hieß seit dem jüdischen Kindergarten: Anti-Terror-Übungen. Wir sind immer in Alarmbereitschaft. Denn wenn wir es nicht sind, dann sind wir »weiche Ziele«.

Synagogen sind keine abstrakten Orte. Es sind Lebensräume, die angegriffen werden: Menschen kommen dorthin, um Unterstützung zu erhalten, Schach zu spielen, zu tanzen, Kinder in die Betreuung zu bringen. Wir kennen unsere Schulen, Kindergärten und Gemeinschaftsorte nicht ohne Sicherheitsvorkehrungen und sind von den Einschätzungen der Behörden abhängig.

Lesen Sie auch

Wer meint, diese Angriffe – wie in Michigan, wo ein mit Sprengsätzen vollgeladenes Auto in die Eingangstür einer jüdischen Vorschule gerammt wurde – seien auch nur in irgendeiner Form gerechtfertigt, folgt genau der antisemitischen Logik eines jahrhundertealten Auslöschungswunschs: Die bloße Existenz der Juden ist der Grund, warum es keinen Frieden auf der Welt gibt.

Wir existieren. Und wir werden uns nicht zu »weichen Zielen« machen lassen. Doch wir stellen uns die Frage: Wie lange müssen wir noch so leben?

Die Autorin ist Publizistin und Abteilungsleiterin bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Meinung

Brennende Moscheen: Moralische Klarheit bei Siedlergewalt

Die Stimme gegen Gewalt, die im Namen des jüdischen Volkes ausgeübt wird, muss ebenso klar und deutlich vernehmbar sein wie gegen die Gewalt, die sich gegen uns richtet

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  14.08.2026

Meinung

AfD als Sicherheitsrisiko

Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, unsere Verfassung zu verteidigen und ein Überprüfungsverfahren anzustrengen. Verbieten kann nur unser freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat

von Roderich Kiesewetter  13.08.2026

Meinung

Warum die Begründung des OLG Zweibrücken nicht überzeugt

Der Beschluss des Pfälzischen Oberlandesgerichts zur Gleichsetzung von Davidstern und Hakenkreuz zeigt, wie die bestehende Dogmatik angesichts des Anstiegs des Antisemitismus in der Gesellschaft an Grenzen stößt

 12.08.2026

Kommentar

UNRWA: Fakten statt Tabus

Warum Kritik am Palästinenserhilfswerk auf Schweigen und Ablehnung stößt

von Duki Dror  12.08.2026

Georg Restle

Medien

Geglaubt und geteilt

»Antisemitismus«, definierte Adorno, sei »das Gerücht über Juden«. Was ist dann dessen Verbreitung? Die ARD muss sich einer längst fälligen Debatte stellen

von Esther Schapira  11.08.2026

Medien

Wo steckt die palästinensische Opposition?

Zwei taz-Essays erzählen eindringlich von palästinensischer und muslimischer Entfremdung in Deutschland. Sie lassen zugleich einen entscheidenden blinden Fleck im Nahostkonflikts unerwähnt

von Leeor Engländer  10.08.2026

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026