Meinung

Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Der Aufruf zum Gebet und zur Deeskalation ist fromm, bringt aber wenig, findet Daniel Neumann Foto: picture alliance/dpa

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Wie die Kirche beim Thema Iran die Orientierung verliert

Wenn im Nahen Osten die Raketen einschlagen, schlagen in Deutschland zuverlässig die Liturgien an. Dann ertönt immer der gleiche Dreiklang: Deeskalation, Dialog, Gebet. Das ist eine beunruhigende Blindheit gegenüber der Realität des iranischen Regimes, findet unser Autor

von Daniel Neumann  02.03.2026 15:21 Uhr

Es gehört inzwischen fast zum liturgischen Reflex der großen Kirchen in Deutschland: Kaum knallt es im Nahen Osten, folgt postwendend der Ruf nach »Deeskalation«. Oder die Warnung vor einer Gewaltspirale. Hinzu kommen Worte aus dem kirchlichen Notfallkoffer: Dialog, Verhandlungstisch, Gebet. Alles wohlklingend. Alles moralisch beruhigend. Und angesichts der Angriffe Israels und der USA auf das iranische Regime – alles erschreckend orientierungslos! Denn wer heute ausschließlich zur Deeskalation aufruft, ohne zu benennen, wovon eigentlich deeskaliert werden soll, betreibt keine Friedensethik, sondern verweigert sich aktiv der Realität.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirsten Fehrs, warnt vor einer »Gewaltspirale aus Angriff und Vergeltung«. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, betet für alle Beteiligten gleichermaßen. Der Weltkirchenrat fordert ein Ende der Kampfhandlungen und die Rückkehr zum Dialog. Das entspricht dem christlich-kirchlichen Selbstverständnis. Es klingt fromm. Es klingt verantwortungsvoll. Und es klingt – leider – auch so, als hätte man die letzten 45 Jahre iranischer Geschichte verpasst. Denn hier geht es nicht um zwei (oder drei) gleichwertige Konfliktparteien, die sich unglücklich ineinander verhakt haben und denen mithilfe einer Paartherapie geholfen werden kann.

Pazifismus mit politischer Fahrlässigkeit verwechselt

Hier geht es um ein islamistisch-theokratisches Regime, das seit Jahrzehnten seine eigene Bevölkerung unterdrückt, freie Wahlen verhindert, Presse kontrolliert, Frauen entrechtet, Dissidenten foltert, Homosexuelle verfolgt, Menschen öffentlich hinrichtet, religiöse Minderheiten wie die Bahai systematisch diskriminiert und jede Form politischer Freiheit brutal erstickt. Und mehr noch: Es geht um ein Regime, dessen außenpolitische Identität auf der Vernichtungsdrohung gegen Israel und der Dämonisierung der USA beruht. »Kleiner Satan« hier und »Großer Satan« dort. Das sind keine rhetorischen Ausrutscher. Das ist Staatsdoktrin.

Während deutsche Kirchenleitungen nun vor einer Eskalation warnen, erinnern sich Israelis und Amerikaner an Jahrzehnte iranischer Stellvertreterkriege: an Hamas, Hisbollah, Huthis, schiitische Milizen in Syrien und im Irak – finanziert, bewaffnet, trainiert von Teheran. Ein globales Netzwerk der Destabilisierung, aufgebaut mit einem primären strategischen Ziel: die Einkreisung und letztliche Vernichtung Israels.

Die aktuellen Angriffe sind daher keine Laune militärischer Machtpolitik. Sie sind strategische Notwendigkeit.

Spätestens am 7. Oktober 2023 hätte auch der Letzte verstehen müssen, dass der islamistisch gespeiste Judenhass mehr ist, als ein Vehikel zum Machterhalt. Dass die permanenten Vernichtungsdrohungen mehr sind als rhetorische Nadelstiche. Dass Terrorarmeen nicht aus dem Nichts entstehen. Und dass hinter Raketenarsenalen, Tunneln und Massakern ein staatlicher Kopf steht. Und dieser Kopf sitzt in Teheran. Wer nach diesem Datum noch glaubt, Israel könne warten, bis ein offen eliminatorisches Regime entweder atomar bewaffnet ist oder sein militärisches Arsenal so weit ausgebaut hat, dass die Vernichtung des jüdischen Staates in greifbare Nähe rückt, der verwechselt Pazifismus mit politischer Fahrlässigkeit. Und Friedensethik mit einem Überlebenskampf.

Die aktuellen Angriffe sind daher keine Laune militärischer Machtpolitik und keine Station einer angeblichen »Gewaltspirale«. Sie sind strategische Notwendigkeit. Ja vielleicht die einzige verbliebene Strategie, die der manifesten islamistischen Vernichtungsideologie des iranischen Regimes den Garaus machen kann. Denn das Mullah-Regime will nicht mit Israel reden. Will keinen Dialog führen. Will keinen Kompromiss. Sondern es will die Vernichtung Israels! Weshalb klar benannt werden muss, worum es Israel geht: Der Verteidigung eines liberal-demokratischen Rechtsstaates gegen ein Regime, das seine gesamte Existenz der Zerstörung des jüdischen Staates untergeordnet hat. Und der Hoffnung, dass das Regime durch diesen Krieg kollabiert.

Die Vermeidung des Wortes Befreiung

Denn auch wenn es viele Fragezeichen gibt und ein Regimewechsel keineswegs ausgemacht ist, so eröffnet sich zugleich eine reale historische Chance: Dass ein unterdrücktes iranisches Volk nach Jahrzehnten der Zensur, der religiösen Bevormundung und der Angst endlich Freiheit, Selbstbestimmung und vielleicht sogar Demokratie erlangen kann. Und noch mehr: einen belastbaren Frieden zwischen dem iranischen und dem jüdischen Volk.

Dass ausgerechnet Kirchen diese Möglichkeit kaum benennen, ist bemerkenswert. Man spricht bewegend über das Leid der Menschen im Iran – aber erstaunlich zurückhaltend über die Ursache dieses Leids. Man beklagt Krieg, doch vermeidet das Wort Befreiung. Man ruft zum Dialog auf, als hätte das Regime nicht jede ernsthafte Öffnung systematisch zerstört. Es wirkt, als halte man moralische Äquidistanz für eine christliche Tugend. Doch moralische Gleichsetzung ist nicht Neutralität. Sie ist Blindheit. Dabei waren es doch eigentlich die Juden, denen die Kirche nachsagte, von Blindheit geschlagen zu sein. Sei es drum.

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Wahrscheinlich liegt das Problem tiefer – in den Unterschieden zwischen christlichem und jüdischem Selbstverständnis einerseits und der unterschiedlichen politischen Erfahrung andererseits. Denn das christliche Denken konnte den Frieden, welcher der jüdisch-biblischen Revolution seinen Ursprung verdankt, über Jahrhunderte als metaphysisches Ideal formulieren. Als heilsgeschichtliche Hoffnung.

Wer Frieden predigt, ohne die Feinde der Freiheit klar zu benennen, verliert den moralischen Kompass.

Das jüdische Denken hingegen entstand aus einer Geschichte existenzieller Bedrohung. Es verdichtete sich im Schatten von Exil, Verfolgung und Vernichtung. Im jüdischen Verständnis ist Frieden deshalb weder Naturzustand noch gottgegeben. Er ist ein Zustand, der geschützt werden muss. Verteidigt werden muss. Und nicht selten erkämpft werden muss. Die Psalmen bringen es auf den Punkt: Erst gibt Gott seinem Volk Kraft – dann schenkt er ihm Frieden.

Wer diesen Zusammenhang ausblendet, produziert gut gemeinte, aber gefährliche Moralappelle. Denn Frieden ist kein sich selbst verwirklichender Zustand. Und ohne Sicherheit ist und bleibt er Wunschdenken. Deshalb gilt: Dialog ohne Realitätssinn ist Illusion. Und Deeskalation gegenüber einem Regime, das Eskalation zur Staatsraison erhoben hat, bedeutet am Ende nur eines: die Verlängerung von Angst, Leid und Unfreiheit. Die Kirche möchte Frieden. Das ist ehrenwert. Doch wer Frieden predigt, ohne die Feinde der Freiheit klar zu benennen, verliert nicht nur die Orientierung im Nahen Osten, sondern den moralischen Kompass selbst. Gut, dass zumindest Israel noch weiß, wo es lang geht.

Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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