Kommentar

Wie aus berechtigter Kritik kollektive Abrechnung wurde

Zum Haareraufen sind der gesellschaftliche und der mediale Umgang mit Jüdinnen und Juden nicht nur für Gil Ofarim Foto: picture alliance/dpa

Als Jude in Deutschland konnte man kaum wütender sein, als bekannt wurde, dass Gil Ofarim gelogen hatte. Mit seiner Falschbeschuldigung beschädigte er das Leben eines unschuldigen Hotelmitarbeiters und schadete zugleich all jenen Jüdinnen und Juden, die tatsächlich von Antisemitismus betroffen sind. Er bediente damit das seit der Schoa bekannte antisemitische Narrativ der »ewigen Opferrolle«, an dem sich viele in unserer Gesellschaft nur allzu gern ergötzen. Sein weinerliches Video, in dem er auf Kosten anderer log, wurde zu Recht massiv kritisiert – und die Konsequenzen, die er tragen musste, waren gerechtfertigt.

Doch die Vehemenz, mit der viele seine Teilnahme am RTL-Dschungelcamp verurteilten, richtete sich häufig nicht mehr gegen die Person Ofarim oder den konkreten Skandal. Vielmehr entstand der Eindruck, dass hier tief verwurzeltes antisemitisches Gedankengut an einem schuldigen Juden gesellschaftlich legitimiert wurde. Es gab keinen Funken Erbarmen mit dem Juden, »an dem man sich abarbeiten darf«, wie Autorin Laura Cazés treffend formulierte.

Teilnehmer mit gewalttätiger Vergangenheit dürfen hingegen weitgehend unbehelligt zur besten Sendezeit über den Bildschirm flimmern – ein lügender Jude jedoch nicht, ohne dass eine mediale Hinrichtung stattfindet. Der Spiegel scheute sich nicht, ihm das seit dem Mittelalter antisemitisch aufgeladene Symbol der Schlange bildlich unter die Nase zu setzen. Stefan Raab fabulierte über ein angebliches »Betrüger-Gen«, das Ofarim von einem frei erfundenen »Onkel Samuel« geerbt haben soll. Dass es sich dabei um reines antisemitisches Gedankengut handelt, wird weder durch RTLs »Missverständnis«-Statement noch durch die spätere Löschung des Videos relativiert – und zeigt einmal mehr, wie schnell verwurzelter Antisemitismus in unserer Gesellschaft wieder sichtbar wird. Die anschließende Strategie: Aussitzen statt Konsequenzen, Phrasen statt Taten. Man kennt’s aus der Politik.

Auch im Camp selbst setzte sich diese Dynamik fort. Mitkandidatinnen und Mitkandidaten, deren eigene Biografien ebenfalls nicht frei von Skandalen sind, verweigerten ihm als erstem Kandidaten in der Geschichte von IBES demonstrativ den Handschlag zur Begrüßung. Über Tage hinweg wurde er behandelt, als handele es sich um einen Schwerverbrecher. Selbst der erfahrenen Moderatorin Sonja Zietlow war dies nicht mehr koscher, weshalb sie sich schließlich zu dem Kommentar veranlasst sah: »Es gab Promis, die größere Scheiße gebaut haben.«

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Nun ja: In einer Woche, in der kaum darüber berichtet wird, dass drei Juden auf dem Heimweg von einer Pariser Synagoge angegriffen wurden, die jüdische Gemeinde München eine Patrone und Morddrohungen in der Post vorfand, israelische Athleten bei der Eröffnungsfeier der Winterolympiade in Italien gedemütigt wurden, in der die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese Israel als »gemeinsamen Feind der Menschheit« bezeichnete und in der der sozialistische spanische Ministerpräsident das größte Massaker an Juden seit der Schoa als »Beginn einer Invasion Israels in Gaza« darstellte, ist das Thema Ofarim gewiss nicht das größte Problem. Es zeigt jedoch einmal mehr, wie sehr Maßstäbe verrutschen, sobald Juden angreifbar erscheinen – und wie bereitwillig ein Teil unserer Gesellschaft diese Gelegenheit nutzt, um auf Juden loszugehen, während an anderer, teils erheblich gravierenderer Stelle relativiert, kontextualisiert oder schlicht geschwiegen wird.

Die historische Erfahrung hat Juden nämlich – abgesehen von leeren Worten – keine positive »Sonderrolle« verschafft, sondern im Gegenteil anhaltende Benachteiligung.

Der Autor ist freier Publizist und lebt in Frankfurt am Main.

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