Zwölfte Klasse, Gymnasium, Geschichte. Ich weiß nicht mehr, wie genau das Thema Israel aufkam. Auf jeden Fall fragte einer meiner Mitschüler, während unser Lehrer draußen war, ironisch in den Raum, wer denn zu Israel stünde. Die Antwort waren ein paar amüsierte Seufzer – und mein lautes »Ich«. Kaum hatte ich das gesagt, kam die Rückfrage: Was mir Israel denn zahle?
Ob meine Mitschüler wissen, dass das an das Narrativ der finanzstarken Juden, die die öffentliche Meinung kontrollieren, zumindest anknüpfen kann? Ich fürchte, es ist schlimmer: Sie denken einfach nicht darüber nach.
Nur so kann ich mir erklären, dass es bei dem amüsierten Seufzen geblieben ist, dass mir in dieser und auch sonst keiner der vielen, fast immer gleichen Diskussionen noch nie jemand zur Seite gesprungen ist. Nur so kann ich nicht allzu enttäuscht sein, wenn meine Freunde, besonders gerade die, mit denen ich ansonsten ausgiebig über unser Wirtschaftssystem, Marx oder Philosophie diskutiere, mit den Schultern zucken, wenn ich versuche, ihnen Antisemitismus zu erklären, sie dazu nach ihrer Meinung frage.
Über das Hamas-Massaker Anfang Oktober vor drei Jahren wissen meine Mitschüler so gut wie nichts.
Wir sind keine »Problemschule«. Keine dieser Schulen, wo man Antisemitismus – traurigerweise – erwarten würde. Wir sind eine Schule in der Vorstadt. Anwälte, Lehrer, Handwerker – so sieht die Elternschaft bei uns aus. Meine Mitschüler sind die »Mitte« von morgen.
Und in dieser Mitte wird auf die Frage, wer zu Israel steht, nur amüsiert geseufzt. Mit anderen Worten: Niemand steht hier zu Israel.
»Stop Israel«, »History repeats itself«, »Intifada«: Die Schüler einer gymnasialen Oberstufe aus einer Kleinstadt nahe Köln kennen diese Parolen aus den sozialen Medien, nicht wenige haben sie geteilt, gelikt oder sogar schon auf einer Demonstration skandiert.
Über das Hamas-Massaker Anfang Oktober vor drei Jahren wissen sie dagegen so gut wie nichts. »7. Oktober 2023? Was war da? Das habe ich nicht bei TikTok gesehen« – Gaza schon. In unserer Generation regieren die Bilder und mit einem Like kann man zeigen, dass man auf der »richtigen Seite der Geschichte« steht. Dass es diese Bilder sind, die unsere Welt regieren, hat auch mein italienischer Austauschschüler nicht verstanden – für ihn bleiben es die Juden.
Ich lebe in einer Welt, in der es keine Ursachen, kein Pogrom und keine Hamas-Raketen aus Schulen und Kindergärten gibt, in einer Welt, in der die Bilder von Netanjahu in Handschellen oder am Galgen lange schon kursieren, bevor der Internationale Strafgerichtshof sein Urteil gesprochen hat.
Antisemitismus ist ein Thema, das mich viel beschäftigt, obwohl ich als Christ nicht direkt betroffen bin. Das liegt vielleicht an den Sicherheitsvorkehrungen an der jüdischen Schule meines zwölfjährigen Cousins, vielleicht weil mir als Mitglied der Jungen Union das christlich-jüdische Erbe Europas am Herzen liegt.
Vielleicht ist aber auch die Frage, warum mich der Antisemitismus in meinem Umfeld so sehr beschäftigt, die falsche. Vielleicht sollten wir besser fragen, warum es in meinem Kurs, in meinem Freundeskreis, auf meinem Schulhof sonst niemanden beschäftigt.
Der Autor ist Gymnasialschüler und Mitglied der Jungen Union.