Michael Rubinstein

Wehrhahn-Urteil: Ein Schlag ins Gesicht

Michael Rubinstein Foto: Jan Feldmann

Der Wehrhahn-Anschlag vom 27. Juli 2000 in Düsseldorf bleibt ungesühnt. »Im Zweifel für den Angeklagten« – so lässt sich die Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) in einem Satz zusammenfassen. Damit bleibt der Freispruch des Düsseldorfer Landgerichts für den Tatverdächtigen bestehen, dem die Deponierung der Rohrbombe an der Fußgängerbrücke am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn und ihre Explosion zur Last gelegt wurden.

Eine Gruppe teils jüdischer Sprachschüler aus Russland, der Ukraine und Aserbaidschan hielt sich dort auf. Zehn von ihnen wurden teils lebensgefährlich verletzt, eine schwangere Frau verlor ihr Kind. Ihnen galt dieser schwerste antisemitisch motivierte Anschlag in der Geschichte der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dem im Oktober desselben Jahres ein Brandanschlag auf die Synagoge folgte.

FEHLER Das Düsseldorfer Urteil, gegen das die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt hatte, enthielt laut BGH keine Fehler. Fehler hingegen wurden von Anfang an bei den Ermittlungen gemacht. Ein Täter konnte oder wollte (auch diese Vermutung wurden immer wieder laut) nicht ermittelt werden.

Per Zufall kam es anderthalb Jahrzehnte später aufgrund der Aussage des mutmaßlichen Attentäters gegenüber einem Mithäftling doch zu einem Prozess. Das Gericht glaubte diesem Zeugen jedoch nicht, selbst als er auf die ausgesetzte Belohnung verzichtete. Die vorhandenen Indizien waren dem Gericht nicht ausreichend genug für eine Verurteilung.

Die Richter mögen sich an das Gesetz gehalten haben, von Recht sprechen vermag man in diesem Kontext jedoch beim besten Willen nicht.

Am Ende bleiben ein besonders bitterer Nachgeschmack, Fassungslosigkeit und Wut zurück: bei Opfern und Angehörigen wie auch bei uns als Mitgliedern und Verantwortlichen der Jüdischen Gemeinde. Von den immer noch offenen Fragen, den seelischen und körperlichen Narben ganz zu schweigen.

ENTSCHÄDIGUNG Nach mehr als 20 Jahren erfahren die Opfer von höchstrichterlicher Seite endgültig keine Gerechtigkeit. Die Richter mögen sich an das Gesetz gehalten haben, von Recht sprechen vermag man in diesem Kontext jedoch beim besten Willen nicht.

Dem Angeklagten steht nunmehr eine Entschädigung zu. Was für ein Schlag ins Gesicht der Opfer und welch schwarzer Tag für die deutsche Justiz. Ganz ohne Zweifel.

Der Autor ist Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Die Recherche zum »Potsdamer Geheimtreffen« hat deutschlandweit Proteste gegen die AfD ausgelöst. Doch die Kernaussage des Textes stimmt nicht, urteilt nun ein Gericht – und der Schaden ist groß

von Joshua Schultheis  16.04.2026

Meinung

Große Worte, leiser Rückzug – und Israel bleibt zurück

Für Israel war US-Präsident Trumps harte Linie gegen Iran eine sicherheitspolitische Rückendeckung. Jetzt, wo Trump den Rückzug angedeutet hat, entsteht ein strategisches und militärisches Vakuum

von Roman Haller  15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026

Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp über ihren verstorbenen Ehemann Leo Trepp, die Vereinnahmung der Schoa und Wege jüdischen Erinnerns

von Gunda Trepp  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  12.04.2026 Aktualisiert

Kommentar

Empathie für alle?

Dunja Hayali hat zu mehr Mitgefühl mit Betroffenen von Kriegen aufgerufen. Zu Recht. Was in den deutschen Medien jedoch kaum vorkommt: das Leid der Israelis, die unter dem ständigen Beschuss der Hisbollah stehen

von Jenny Havemann  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026