Meinung

Warum Leon de Winter in Osnabrück lesen soll

Ayala Goldmann, Redakteurin (Kultur/Wissen) Foto: Uwe Steinert

Leon de Winter ist einer der wichtigsten jüdischen Schriftsteller Europas. Seine Familiengeschichte ist mit der Stadt Osnabrück verbunden. Dort starb sein Urgroßvater Hartog – der Vater seiner Großmutter Rebecca, die 1943 in Sobibor ermordet wurde. Auch deshalb hat die Jüdische Gemeinde ihn zu ihrem ersten Jüdischen Kulturfestival Osnabrück Anfang September eingeladen. Dort sollte de Winter aus seinem Roman Stadt der Hunde lesen.

Doch nun wurde der Autor wieder ausgeladen. Laut de Winter ist der Grund, dass er in seiner »Welt«-Kolumne vom 5. Mai über die AfD und »migrationspolitische Fragen« Ansichten vertreten habe, die »in deutlichem Gegensatz zu den Grundwerten unserer Gemeinde« stünden.

Positionen de Winters zur AfD finden sich, wenn man nach Wahlergebnissen urteilt, bei zwei von zehn Betern eines Minjan. Sollen auch sie ausgeladen werden?

Deren Vorsitzender Michael Grünberg sagt, der einzige Grund für die Ausladung seien die Sätze, in denen de Winter die AfD »verharmlost« habe. Leon de Winter schreibt: »Vielleicht haben deutsche Sicherheitsdienste entdeckt, dass AfD-Mitglieder zu Hause SS-Uniformen tragen und das Horst-Wessel-Lied singen (…). Die Aussagen von AfD-Spitzenleuten, die ich online finden konnte, waren nach meinen niederländischen Maßstäben eher ziemlich harmlos.«

Lesen Sie auch

Doch wohin entwickelt sich ein Land, das nicht mehr streitet, sondern cancelt? Einen jüdischen Schriftsteller, der zuspitzt, um gehört zu werden? Positionen de Winters zur AfD finden sich, wenn man nach Wahlergebnissen urteilt, bei zwei von zehn Betern eines Minjan. Sollen auch sie ausgeladen werden? Und wohin würde das führen, außer zum Mitgliederschwund?

Dass die Jüdische Gemeinde Osnabrück gute Beziehungen zu allen Religionsgemeinschaften, einschließlich der muslimischen, unterhalten will, ist gut und richtig. Doch Michael Grünberg könnte einen streitbaren muslimischen Moderator zu de Winter aufs Podium setzen – oder selbst mit ihm streiten. Was wäre das für ein spannendes Kulturfestival! Canceln hingegen ist langweilig und kontraproduktiv.

goldmann@juedische-allgemeine.de

Meinung

KI-Warnung: ehrlich oder eigennützig?

Wenn Künstliche Intelligenz wirklich so gefährlich zu werden droht, wäre nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern internationale Kontrolle die richtige Antwort

von Elke Wittich  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Glosse

Ein Clan-Chef als Antisemitismusbeauftragter!

Warum Issa Remmo der »Linken« offiziell Persilscheine ausstellen und Arafat Abou-Chaker neuer Polizeipräsident in Berlin werden sollte

von Ayala Goldmann  22.09.2026

Kommentar

Schwesigs Erfolg: Wie man die AfD im Zaum halten kann

Manuela Schwesig hat gezeigt, wie man dem Populismus der Rechtsextremen begegnen kann. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die SPD, sondern für alle Demokraten

von Michael Thaidigsmann  22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Essay

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026

Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Wenn Rassismus von rechts für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen?

von Nelly Eliasberg  20.09.2026 Aktualisiert