Meinung

Verrat an Frauen und an der Mitmenschlichkeit

Sarah Maria Sander Foto: Privat

Meinung

Verrat an Frauen und an der Mitmenschlichkeit

Wie viele Fälle sadistischer Gewalt müssen noch nachgewiesen werden, damit die Welt endlich Mitgefühl mit den Opfern des 7. Oktober zeigen kann?

von Sarah Maria Sander  19.01.2025 14:21 Uhr

Der umstrittene israelfeindliche Influencer Tarek Baé behauptete kürzlich in einem Instagram-Post, eine israelische Staatsanwältin habe erklärt, es gebe keine Beweise für die Vergewaltigungen am 7. Oktober. Diese Leugnung sexueller Gewalt ist in der antiisraelischen Szene ein immer wiederkehrendes Narrativ, das nun durch angebliche Bestätigung seitens einer offiziellen Stimme aus Israel zusätzlich angeheizt wird.

Der deutsch-israelische Journalist Alon David (Autor für diese Zeitung) suchte das Gespräch mit der ehemaligen Staatsanwältin Moran Gez. In seinem auf YouTube veröffentlichten Interview stellte diese unmissverständlich klar, dass die Hamas sich schwerer Sexualstraftaten schuldig gemacht habe und die Vergewaltigungen stattgefunden hätten.

Gez‘ ursprüngliche Aussage war aus dem Kontext gerissen und verzerrt dargestellt worden. Sie hatte lediglich erklärt, dass es in einem fortschrittlichen und modernen Rechtssystem wie dem israelischen eine große Herausforderung darstelle, gerichtsfeste Beweise für diese Verbrechen zu erbringen. Aufgrund der Dimension der begangenen Verbrechen werde es Jahre dauern, um alles aufzuarbeiten – ein Prozess, der in der Geschichte des Landes beispiellos ist.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Tarek Baé hat also Fake News verbreitet. Der Schaden ist angerichtet: Seine mehr als 300.000 Follower sind in Aufruhr. Die Wahrheit spielt da kaum noch eine Rolle. Öffentliche Falschbehauptungen bieten Extremisten einen Freibrief, um noch gewaltbereiter gegen Aktivistinnen wie Karoline Preisler vorzugehen, deren stiller und mutiger Protest gegen sexuelle Gewalt viele zu triggern scheint.

Der ganze Diskurs um die Leugnung der Vergewaltigungen am 7. Oktober ist ein Verrat an Frauen - und zwar nicht nur an israelischen, sondern an allen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Und auch am jahrzehntelangen Kampf um die Anerkennung solcher Verbrechen.

Lesen Sie auch

Es ist wichtig zu begreifen, wie schwierig es ist, Beweise für sexuelle Straftaten zu sammeln im Kontext des Massakers vom 7. Oktober 2023. Das Ausmaß des Sadismus und der begangenen Gräueltaten waren so überwältigend, dass es fast unmöglich erscheint, jedes einzelne Verbrechen rechtssicher zu dokumentieren.

In Israel besuchten Alon David und ich das Rape Crisis Center und sprachen mit der Leiterin Orit Solitzeanu. Die Verbände der Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer in Israel haben einen Sonderbericht mit dem Namen »Stiller Schrei - Sexuelle Gewaltverbrechen am 7. Oktober« veröffentlicht, in dem sie die bisher bekannten Fälle aufarbeiten.

Der Bericht stützt sich auf vier Quellen: internationale Recherchen, Zeugenaussagen von Ersthelfern wie den Mitarbeitern von ZAKA, Interviews mit Überlebenden, und vertrauliche Informationen, die an das Rape Crisis Center zugetragen wurden. Er zeigt deutlich, dass sexueller Missbrauch kein Einzelfall oder sporadische Fälle war, sondern vielmehr eine klare operative Strategie der Hamas.

Sarah Maria Sander (rechts) mit Orit Solitzeanu vom Rape Crisis Center in Israel

Zahlreiche Zeugenaussagen und Teile von veröffentlichten und geheimen Informationen zeichnen ein klares Bild der Handlungsmuster, die sich in allen Angriffsgebieten wiederholten – beim Nova Festival, in den Kibbuzim in der Nähe zum Gazastreifen und in den Stützpunkten der IDF.

In den meisten Fällen wurden die Opfer nach oder sogar während der Vergewaltigung getötet. Viele Leichen von Opfern sexueller Straftaten wurden gefesselt aufgefunden. Die Genitalien von Frauen und Männern wurden brutal verstümmelt. Manchmal wurden Waffen in sie eingeführt. Eine Reihe von Zeugenaussagen belegen, dass Hamas-Terroristen sadistische Praktiken anwendeten, die darauf abzielten, den Grad der Demütigung und des Terrors, der mit sexueller Gewalt einhergeht, zu erhöhen.

Es ist nach wie vor sehr wahrscheinlich, dass die entführten Frauen und Männer in der Gefangenschaft der Hamas weiter sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind. Das ganze Ausmaß ist nach wie vor nicht bekannt - und wird es vielleicht nie ganz werden können. Diejenigen, die sich dafür entscheiden, zu schweigen, andere zum Schweigen zu bringen oder die von der Hamas begangenen Sexualverbrechen zu leugnen, werden entsprechend in Erinnerung bleiben.

Es geht hier nicht um die Frage, ob es passiert ist. Es ist passiert.

Es geht darum, wann genug wirklich genug ist. Wie viele Fälle sadistischer Gewalt müssen noch nachgewiesen werden, damit die Welt endlich Mitgefühl für die Opfer des 7. Oktober zeigen kann?

Lesen Sie auch

Der Angriff der Hamas beinhaltete brutale sexuelle Übergriffe, die systematisch und vorsätzlich an israelischen Zivilisten verübt wurden. Die wiederholten Versuche, diese bestialischen Taten zu leugnen oder zu beschönigen, sind ein Verrat an elementaren Grundsätzen der Mitmenschlichkeit.

So viele Stimmen wurden an diesem Tag zum Schweigen gebracht und für immer ausgelöscht. Wir, die wir noch da sind, müssen Zeugnis ablegen und zu den Stimmen der Opfer werden – für all jene, die nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Die Autorin ist Schauspielerin und lebt in Berlin. 2024 verbrachte sie mehrere Monate in Israel, um von dort über die Folgen des Massakers am 7. Oktober 2023 und die Angriffe der Hisbollah auf den Norden des Landes zu berichten.

Nahost

Ben-Gvir will mehr Menschen im Gazastreifen töten lassen

Jede Nacht sollten »30 bis 40« Menschen »entfernt« werden, fordert der israelische Polizeiminister

 17.08.2026

Tel Aviv

Immer weniger Israelis kehren aus dem Ausland zurück

Der Knessetabgeordnete Gilad Kariv wirft der Regierung vor, die Rückkehr von Israelis aus dem Ausland nicht zu einer politischen Priorität gemacht zu haben

 17.08.2026

Straßenverkehr

KI-Ampeln sollen in Israel 771 Stunden pro Tag sparen

Das staatliche Straßeninfrastrukturunternehmen Netivei setzt auf Ampeln, die sich mithilfe künstlicher Intelligenz laufend an die aktuelle Verkehrslage anpassen

 17.08.2026

Tel Aviv

Yoseph Haddad gründet Partei

Der arabisch-israelische Aktivist startet im Vorfeld der für den 27. Oktober vorgesehenen Knesset-Wahlen eine Kampagne

 17.08.2026

Westjordanland

US-Delegation will attackiertes Dorf Qusra im Westjordanland besuchen

Nach einem Bericht des israelischen Senders Kanal 12 wollen sich die US-Vertreter vor Ort ein eigenes Bild von der Lage machen. Diese bleibt angespannt

 17.08.2026

Jerusalem

Israel und Honduras vertiefen sicherheitspolitische Kooperation

Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz sowie sein honduranischer Amtskollege Enrique Rodríguez Burchard unterzeichneten ein »Memorandum of Understanding«

 16.08.2026

Kairo

Jared Kushner führt Gespräche über Gaza in Ägypten

Der Schwiegersohn von US-Präsident Trump will in Ägypten Fortschritte im seit langem festgefahrenen Friedensplan für den Gazastreifen erzielen

 16.08.2026

Archäologie

1.300 Jahre altes »Industriegebiet« in Israel gefunden

Sorgsame Planung, vielseitige Nutzung: Industrie- und Gewerbegebiete waren offenbar auch schon vor 1.300 Jahren stadtplanerische Vorzeigeobjekte, wie ein Fund in Israel zeigt

 16.08.2026

Großbritannien

Israels Marathon-Team gewinnt Gold bei Leichtathletik-EM

In Birmingham liefern die israelischen Läufer die beste Teamleistung über 42,195 Kilometer. Bester Einzelläufer ist Gashau Ayale, der hinter einem Deutschen und einem Italiener auf Platz drei landet

 16.08.2026