Marina Chernivsky

TikTok und die Holocaust-Imitation

Marina Chernivsky Foto: Rolf Walter

Auf der Video-Plattform TikTok sind kürzlich mehrere, mit Musik unterlegte Videos veröffentlicht worden, in denen sich junge Nutzer als Schoa-Opfer darstellten. »Oh hi, willkommen im Himmel«, hieß es in einem der Videos. Auf die Frage, wie die Protagonistin gestorben sei, antwortete die Jugendliche: »Ich starb durch die Gaskammern in Auschwitz.« Es ist nicht neu, dass die Wirkungsgeschichte des NS und der Schoa – besonders für die Nachkommen der nicht verfolgten Gruppen – abstrakt und wenig nahbar ist.

Eine Kollegin beschreibt dieses Abstrakte so: »Die Geschichte entgleitet mir immer wieder.« Und eine Schülerin formuliert es so: »Zeitstrahl auswendig, aber kein Gefühl«. Diese Fragen kommen immer wieder. Was tun, wenn die Jugendlichen sich scheinbar wenig für Geschichte interessieren? Erst einmal: warum nur die Jugendlichen? Und zweitens: Wie sind die Vermittlungswege, wenn nicht über den Lebensweltbezug der Adressierten?

Im Fall von TikTok haben die Nutzer womöglich nach einem Zugang gesucht, sich der Geschichte zu nähern.

Im Fall von TikTok haben die Nutzer womöglich nach einem Zugang gesucht, sich der Geschichte zu nähern. Dabei haben sie die Grenze der Darstellbarkeit weit überschritten. Sie haben sich einer visuellen Fiktionalisierung der Erinnerung als einer Form des Vergangenheitsbezugs angenommen, die insbesondere im Hinblick auf Überlebende und ihre Nachkommen verstörend ist. Es ist zudem nicht die erste Aktion dieser Art, die eine historische Erfahrung zu vermitteln sucht – ohne Bezug zu Gefühlen und Perspektiven der Überlebenden.

AMBIVALENZ Gleichwohl lässt sich darin eine Suchbewegung erkennen, die womöglich daraus resultiert, dass der Umgang mit Vergangenheit im Allgemeinen so ambivalent und unpersönlich ist und dass die pädagogischen Zugänge zu Geschichte selbst nicht unproblematisch sind. In diesem Sinne wäre es wichtig gewesen, die Protagonisten nicht gleich zu verurteilen, sondern den »Fall« zum Anlass zu nehmen, auf Fragehaltungen und Motive von Jugendlichen zu sprechen zu kommen.

Die Autorin ist Leiterin des ZWST-Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment in Berlin und Geschäftsführerin von OFEK e.V.

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Kommentar

Vereint unter dem Dach eines Rechtsextremen

Der Verleger Jürgen Elsässer hat die Fraktionen von AfD und BSW für ein Kennenlernen in sein Magdeburger TV-Studio eingeladen. Dabei soll es auch um eine strategische Zusammenarbeit gegangen sein

von Ralf Fischer  12.10.2026

Kommentar

Die Linke hat ihren eigenen Antisemitismus nicht verstanden

Nein, wir sind natürlich keine Antisemiten, schallt es aus der Linken, wir kritisieren nur die israelische Regierung! Diese Formel wird immer wieder als Rechtfertigung herausgeholt

von Frank Schmiechen  12.10.2026

Kommentar

Mit schwerem Koffer zurück aus Berlin

Wie ein deutscher Holocaust-Überlebender auf die sich abzeichnende Koalition von SPD und Grünen mit Antisemiten, Terror-Relativierern und anderen Genozid-Schreiern blickt

von Roman Haller  11.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026