Ralf Balke

Stresstest für die AfD?

Ralf Balke Foto: Marco Limberg

Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – dieser Eindruck entsteht unweigerlich, wenn man sich Horst Seehofers neuesten Vorstoß genauer ansieht. Denn der Innenminister ließ dieser Tage wissen, dass man gedenke, die Vereinbarkeit von Parteimitgliedschaften und Beamtenstatus unter die Lupe zu nehmen. Eigentlicher Anlass war die Einstufung der AfD als »Prüffall« durch den Verfassungsschutz, wobei explizit der rechtsnationale Flügel sowie die Nachwuchsorganisation »Junge Alternative« als »Verdachtsfälle« genannt wurden.

Die Idee ist nicht neu. In den 70er-Jahren bereits gab es den umstrittenen Radikalenerlass, der dafür sorgen sollte, dass vor allem Kommunisten nicht Postboten, Lokführer oder Lehrer werden konnten. Das führte zu unzähligen Streitigkeiten vor Gericht. Seither wissen Beamte: Betätigen sie sich politisch, unterliegen sie dem Mäßigungsgebot. Das gilt auch für die Staatsdiener in den Reihen der rund 35.000 AfD-Parteimitglieder.

Sollen die »gemäßigten«
AfDler koalitionsfähig
gemacht werden?

MACHTÜBERNAHME Doch wie will man zwischen »gemäßigten« und »radikalen« AfDlern unterscheiden? Gehörten der Bundespolizist und der Zöllner, die 2017 in einer WhatsApp-Gruppe der AfD Sachsen-Anhalt über Säuberungsaktionen gegen Journalisten für die Zeit nach der »Machtübernahme« diskutiert hatten, nun dem völkischen Flügel um Björn Höcke – übrigens verbeamteter Lehrer, wenn auch beurlaubt – an? Oder waren sie nicht doch ganz normale AfDler, die ihren Gewaltfantasien freien Lauf ließen? Den Gerichten dürfte also eine Flut an Prozessen drohen. Sie müssten im Einzelfall entscheiden, wer gegen das Mäßigungsverbot verstößt und wer nicht.

Doch ein Verdacht kommt auf: Wenn es »böse« AfDler gibt, müssen ja auch ein paar »gute« da sein. Und dient dieser Stresstest nicht womöglich dem Zweck, diesen für den Fall einer Koalition in Brandenburg oder Sachsen eine Art Koscherstempel zu verpassen?

Der Autor ist Historiker und Journalist.

Einspruch

Solidarität mit Somaliland

Sabine Brandes findet Israels Anerkennung der Demokratie am Horn von Afrika nicht nur verblüffend, sondern erfrischend

von Sabine Brandes  30.12.2025

Meinung

Für mich heißt Neujahr Nowy God

Das Neujahrsfest hat mit dem Judentum eigentlich nichts zu tun. Trotzdem habe ich warme Erinnerungen an diesen Feiertag

von Jan Feldmann  30.12.2025

Meinung

Wer Glaubenssymbole angreift, will Gläubige angreifen

Egal ob abgerissene Mesusot, beschmierte Moscheen oder verwüstete Kirchen: Politik und Religion werden zurzeit wieder zu einem hochexplosiven Gemisch. Dabei sollte man beides streng trennen

 29.12.2025

Meinung

Die Columbia und der Antisemitismus

Ein neuer Bericht offenbart: An der US-Eliteuniversität sind die Nahoststudien ideologisch einseitig und jüdische Studenten nicht sicher. Es ist ein Befund, der ratlos macht

von Sarah Thalia Pines  22.12.2025

Meinung

Der Missbrauch von Anne Frank und die Liebe zu toten Juden

In einem Potsdamer Museum stellt der Maler Costantino Ciervo das jüdische Mädchen mit einer Kufiya dar. So wird aus einem Schoa-Opfer eine universelle Mahnfigur, die vor allem eines leisten soll: die moralische Anklage Israels

von Daniel Neumann  21.12.2025

Gastbeitrag

Liebe Kolleginnen und Kollegen, warum schweigt ihr?

Jan Grabowski fragt die deutschen Historiker, warum sie es unwidersprochen stehen lassen, wenn ein Holocaust-Experte für seine Forschungsarbeit diskreditiert wird

von Jan Grabowski  21.12.2025

Nahost

Warum Deutschland seine Botschaft nach Jerusalem verlegen sollte

Ein Kommentar von JA-Redakteur Imanuel Marcus

von Imanuel Marcus  21.12.2025

Essay

Chanukka und wenig Hoffnung

Das hoffnungsvolle Leuchten der Menorah steht vor dem düsteren Hintergrund der Judenverfolgung - auch heute wieder

von Leeor Engländer  21.12.2025

Meinung

Es gibt kein Weihnukka!

Ja, Juden und Christen wollen und sollen einander nahe sein. Aber bitte ohne sich gegenseitig zu vereinnahmen

von Avitall Gerstetter  20.12.2025