Offener Brief

Sie stehen auf der falschen Seite, Herr Wermuth

Herr Wermuth (das »Sehr geehrter« lasse ich weg),

Sie haben mit vollem (emotionalen) Einsatz bei der Gaza-Demo am 21. Juni in Bern gesprochen. Sicher, es gab viele Demonstranten, die nur mit bester Absicht gekommen sind. Die sich Frieden wünschen, die hoffen, dass es den Menschen in Gaza bald besser geht. Das alles möchte ich übrigens auch.

Leider bestand ein großer Teil der Demonstrierenden nicht aus Menschen, die sich für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit einsetzen, sondern aus einer toxischen Menge von radikalen Islamisten und militanten Linken, aus Mullah-Unterstützern und Terror-Verherrlichern, die ihre Ansichten auch keineswegs verheimlichten und meines Erachtens auch keine kleine Minderheit an der Kundgebung waren.

Dabei unübersehbar die vielen Iran-Fahnen (des Mullah-Regimes wohlgemerkt), roten Hamas-Dreiecke, Fahnen und Transparente, die Terror als Widerstand und Israel als Nazistaat bezeichnen. Was für mich dabei besonders unerträglich war, wie Sie sich vorstellen können (oder auch nicht), waren all jene Banner auf denen der Gaza-Krieg mit der Schoa verglichen wurde - eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Wenn dann ausgerechnet noch vor dem »Kindlifresserbrunnen« (Sie kennen die antisemitische Geschichte dieses Brunnens?) neben dem Münster (Sie kennen die antisemitische Geschichte des Grabes von Rudolf von Bern, der im Mittelalter in dieser Kirche begraben wurde?) eine Israel-Fahne verbrannt wird, dann finde ich das äußerst problematisch.

Antisemitische Slogans wurden skandiert, ebenso wurde das radikal-islamistische Regime im Iran gepriesen, das Teilnehmer »stolz macht«, genauso wie die Huthis im Jemen, die noch »ein weiteres Schiff« zum Umdrehen zwingen sollen.

Spätestens mit all diesen Unerträglichkeiten hätte jeder anständige Mensch, dem es ein aufrichtiges und völlig legitimes Anliegen ist, für Frieden und Menschlichkeit zu demonstrieren, diesen Aufmarsch verlassen müssen. Für mich persönlich war es völlig absurd, eine Regenbogenfahne und jene der Feministinnen neben der Iran-Fahne zu sehen, also eines Staates, in dem queere Menschen für ihre sexuelle Orientierung hingerichtet und Frauen brutal unterdrückt werden.

Trotzdem sind Sie geblieben – umso merkwürdiger, da Sie doch noch vor zweieinhalb Jahren auf demselben Platz standen und unter dem Ruf von »Frau – Leben – Freiheit« eine Wende der Schweizer Iran-Politik forderten. Schon alles vergessen?

Stattdessen hielten Sie Ihre Rede, unter anderem vor einer Fahne der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFPL), die quasi direkt vor Ihrem Rednerpult stand. Die PFPL ist nicht nur eine Terrororganisation (weltweit als solche anerkannt, außer in der Schweiz), sondern war auch aktiv am 7. Oktober 2023 beteiligt und kämpft mit der Hamas für die Auslöschung des Staates Israel. Berühmt wurde die PFPL auch durch die Entführung von Schweizer Flugzeugen und einem Anschlag in Kloten. In Ihrer Rede sagten Sie, dass Sie die Neutralität der Schweiz satthaben und dass der Bundesrat endlich die Wahrheit sagen solle. Welche Wahrheit denn?

Heißt das, dass der Bundesrat bisher gelogen hat? Der Bundesrat, in dem Ihre Partei doppelt vertreten ist? Was meinen Sie hier genau? Sie äußerten die Meinung, dass sich die Regierung zu wenig um die Palästinenser kümmere. Ich persönlich habe den Eindruck, sie macht viel mehr für die Palästinenser als zum Beispiel für die 25 Millionen Menschen im Sudan, die dringend Hilfe brauchen oder den Millionen Binnenflüchtlingen in Kamerun, ganz zu schweigen von den Uiguren in China, den Rohingya in Myanmar oder - last but not least - den Menschen im Iran. Warum eigentlich?

Für die israelische Regierung fanden Sie klare Worte, sie sei eine Regierung von Kriegsverbrechern, die auch so behandelt gehöre und prangerten deren »genozidale Handlungen« an. Kein Wort darüber, warum es eigentlich den Israel-Gaza-Konflikt gibt oder über den schrecklichen Terrorangriff vom 7. Oktober 2023, kein Wort über die Hamas und deren Ideologie und die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung schon lange vor dem jetzigen Krieg, und auch kein Wort zu den Geiseln. Sie sagten das, was die Demonstranten hören wollten. Das aber ist scheinheilig und zeigt keine Haltung.

Zuletzt stellten Sie emotional die Frage, was Sie antworten würden, wenn Ihre Tochter Sie in einigen Jahren fragen würde, wie Sie gehandelt haben. Sie wollen »auf der richtigen Seite der Geschichte« gestanden haben. Lassen Sie mich Ihrer Tochter antworten: »Nein, Dein Vater stand nicht auf der richtigen Seite. Ihm war es egal, wer bei dieser Demonstration war. Er hat aus Opportunismus nichts gegen die Verstöße des Verhaltenskodexes der Demonstrationsorganisatoren unternommen, sondern gesagt, was die Menge hören wollte, und hat damit auch in Kauf genommen, dass meine Tochter, die, wenn sie ins jüdische Jugendzentrum geht, weiterhin an schwer bewaffneten Polizisten vorbeigehen muss, dass jüdische Schülerinnen und Schüler hier in Bern und überall gemobbt werden, dass Jüdinnen und Juden physisch angegriffen werden und Angst haben müssen ihr Jüdischsein zu zeigen – nur, damit er vielleicht ein paar Wählerstimmen mehr bekommt.«

Grüße,

Jehoschua Ahrens

Der Autor ist Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern.

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